Genial einfach oder einfach genial

Josef Jahn ist ein Tüftler und Bastler. Auch mit 72 blitzen seine Augen, wenn er sein ABS-Fahrrad vorführt.
 
Die Grafik zeigt das Schwenkprinzip des Bügels, wodurch das ABS ausgelöst wird. (Foto: Winora)

Josef Jahn (72) ist der Mann, der das ABS-Fahrrad erfand; sein Patent ist wieder zu haben und könnte die Fahrradwelt revolutionieren


NORDHAUSEN. Eigentlich hatte er Dieselmotoren entwickelt. Doch 1986 kam von IFA-Chef Otto Brandt der Auftrag, hochwertige Fahrräder zu konstruieren. Was lag näher, ihm, dem einstigen DDR-Meister im Querfeldeinfahren diese Aufgabe zu übertragen.
So kam Josef Jahn zum Fahrrad wie die Jungfrau zum Kind. Doch ein qualitativ hochwertiges Fahrrad bedurfte technisch guter Bauteile aus der ganzen Welt, nicht vieler unerprobter Komponenten aus der DDR. „So konnte das nichts werden, die Leute wollten Sporträder“, belächelt Josef Jahn die Ur-Anfänge der IFA-Fahrradproduktion.
IFA-Chef Brandt schaufelte eine Million D-Mark Devisen aus der Ausrüstung für die Motorenproduktion des Sechszylinders frei. Das war das „Startkapital“ und Jahn der Macher. „Du fährst“, beauftragte ihn Otto Brandt zu einer Westreise. Ein Verwandter musste als Geburtstagskind herhalten, doch mit Umweg über Bayern landete der Motoren-Konstrukteur am eigentlichen Ziel, in einer Heidelberger Vertriebsfirma. Doch auch die wollte die IFA-Räder nicht. Kaum zurück in Nordhausen, war Josef Jahn binnen einer Woche offizieller Reisekader. Sein neuerlicher Auftrag: Besuch der IFMA in Köln, der größten Fahrrad- und Motorradausstellung der Welt. Als einziger Techniker durchschaute der IFA-Mann sehr schnell die Unprofessionalität vieler DDR-Ausstellervertreter. Sie waren Kaufleute, hatten von Technik keine Ahnung. „Ich klaute mit den Augen. Es war Wahnsinn“, erinnert er sich. Doch in Nordhausen zurück, fällte er ein vernichtendes Urteil über die DDR-Fahrradindustrie: „Wir stecken im Urschlamm!“ Das unterzeichnete auch der MIFA-Chef und Berlin tobte.
Die Auswertung einer hastigen Befragung von 1000 Burgenfahrt-Teilnehmern nach ihrem Wunsch-Rad deckte sich mit den Ergebnissen der Messebesucher von Köln. Ergebnis: Die Politiker schmissen die Planung in der DDR-Fahrradindustrie komplett um. Zu spät! Denn nun kam die Wende.
Ein IFA-Fahrrad war das letzte, was die Menschen in ihrer neuen Freiheit jetzt kaufen wollten. Also Lohnfertigung in Nordhausen für WINORA in Schweinfurt. Wo WINORA draufstand, war IFA drunter. Nach einem halben Jahr kaufte WINORA das nur 4 Jahre alte hochmoderne Fahrradwerk in Nordhausen .
Seine Idee eines Antiblockiersystems hatte Jahn schon 1989 zu Papier gebracht, Günter Ehrhard aus Görsbach hatte sie baulich umgesetzt. Erfolgreich getestet, geriet das ABS-Rad durch die Wende fast in Vergessenheit. 1993 bauten die IFAraner für WINORA die ersten Prototypen. Schon 1994 waren sie der Hit auf der IFMA in Köln. Die Fachpresse überschlug sich, die FAZ titelte: „Einfach genial – genial einfach“. – Denn: Ein Bügel macht das Hinterrad zum Sensor und löst eine Stotterbremsung aus.
Am 26. April 1994 ging das ABS-Rad in Serie. Doch es kam am Markt schlecht an. War viel zu teuer. Mit dem Ruhestand Josef Jahns im Jahr 1997 stellte WINORA die Produktion ein. – Und das Patent? Jahn als WINORA-Angestellter durfte es nicht anmelden. Also hatte es seine Frau 1992 getan. Doch die steigenden Patentgebühren, die alle Jahre fällig waren, kosteten mehr als sie einbrächten. Inzwischen hat ein anderer Hersteller das Ur-Patent á la Jahn auf die Rücktrittbremse angemeldet. Doch Josef Jahn hat weitergetüftelt, seine Erfindung perfektioniert. Ein Patent darauf hat er jedoch nicht mehr angemeldet. Es ist noch zu haben.

ABS-System nach Josef Jahn
- Die hintere Cantileverbremse ist auf einem schwenkbaren Bügel befestigt. Wird sie betätigt, schwingt der Bügel durch die Bewegung des Hinterrades nach vorn und zieht einen Bowdenzug, der die Vorderradbremse mit dreifacher Übersetzung betätigt. Starkes Bremsen entlastet durch Gewichtsverlagerung das Hinterrad, der Bügel schwenkt zurück. Das Vorderrad wird ent-, das Hinterrad wieder belastet, so dass die Bremse greift. Dieses Wechselspiel (Stotterbremsen) wiederholt sich bis zum Stillstand des Rades.
- Durch den Bügel beträgt das zusätzliche Gewicht knapp 500 Gramm.
- Das ABS ist eine reine mechanische Lösung.

Kontakt: josef.jahn@online.de

Ein funktionsfähiges ABS-Fahrrad ist übrigens im Nordhäuser IFA-Museum zu sehen.

Siehe auch:
http://www.meinanzeiger.de/nordhausen/vereinsleben...

http://www.meinanzeiger.de/nordhausen/leute/ifa-mu...
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