Jawa-Rocker nun zahm und brav

Kurios: Die wilden Jawa-Rocker von einst wurden nun für 50 Jahre unfallfreies Fahren ausgezeichnet. Von links: Martin Bohnhard, Siegfried Schütze, Willi Krenzke, W. Siebert, Peter Fiedler, Paul Wiederhold, Hansi Buchardt und Wilfried Lödicke. Nicht im Bild: Wilfried "Jackson" Jacobsohn, Edgar Nachtwey und Otto Balschuweit. (Foto: Buchardt)
 
In den Sechzigern als Jawa-Club berühmt-berüchtigt: Siegfried Schütze, Wilfried Jacobsohn, Peter Fiedler, Wilfried Lödige, Dieter Katzer, Willi Krenzke, Manfred Seul und Paul Wiederhold (von hinten). (Foto: Wiederhold)
Einst versetzten sie Nordhausen in Angst und Schrecken, jetzt kam der Jawa-Club zu später Ehre

NORDHAUSEN. Es waren drei wilde Jahre, die weder Polizei noch gutes Zureden zähmen konnten. Jeden Abend drehten sie ihre Runden vor der Milchbar. Stolz waren sie auf ihre Schmuckstücke mit den Traummaßen 350-16-120. Um die 3600 Mark kostete eine Tschechen-Lady namens JAWA mit 350 Kubik, 16 PS und 120 Spitze. Mehrere Jahre hatten sie nach der Lehre darauf gespart, verdienten im Monat gerade mal um die 300. Zirka 20 Jawas donnerten ab 1959 regelmäßig den Kyffhäuser hoch, ihre Fahrer waren Stars und Schrecken zugleich, wurden zum Mythos Jawa-Club. "Mit 120 waren wir die glücklichsten Menschen der Welt. Selbst auf der Autobahn waren ja nur 100 erlaubt", erinnert sich Paul Wiederhold, heute 72.

Zwei bis dreimal pro Woche fuhren sie Rennen. Illegal, am Berg hoch nach Petersdorf. Die Polizei wusste das, hatte Heinz Rauprecht mit einer BK abgestellt, um die jungen Wilden aus der Stadt heraus in ungefährliches Terrain zu lenken und mit ihnen Geländefahrten zu vollführen. Das Fazit: "Er lag oft auf der Nase, und wir fuhren trotzdem weiter unsere Rennen", erinnert sich Wiederhold. "Bis zu jenem Tag Ende '61. Zwei fuhren hoch nach Petersdorf, der Rest saß im Graben und schaute zu: -zig Mal, immer ging alles gut. Dieter Katzer schaute noch zu uns herüber, als es plötzlich oben knallte. Alle liefen hoch und sahen, dass es Katzer (22) erwischt hatte", erzählt Wiederhold. Frontalcrash mit einem Fremden, der ihm von oben ungesehen entgegengekommen war.
Am nächsten Tag nahm die Polizei allen aus dem Jawa-Club in den Betrieben die Fahrerlaubnis ab und fuhr sie im Lkw auf den Friedhof, um sie dort am toten Freund vorbeigehen zu lassen. "Wir hatten einen guten Freund verloren. Allein das stand für uns im Vordergrund", beschreibt Paul Wiederhold die damalige Schockstarre der Jawa-Rocker. "Wenige Tage nach der Trauerfeier erhielten wir unsere Führerscheine gegen Auflagen zurück. Von nun an war Schluss. Wir stiegen auf Autos um und gründeten Familien."

Das erste Mal traf sich der Jawa-Club von einst 1989 zum Dreißigsten wieder, 20 Jahre später ein zweites Mal. Seitdem kommen sie jedes Jahr zusammen. Zum diesjährigen Treffen bei "Jacson", der mitten im Café eine Jawa aufgestellt hatte, kam ihnen die Idee, sich bei der Kreisverkehrswacht um eine Auszeichnung zu bewerben. Gesagt, getan.

Nach Recherchen beim Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg wies das Verkehrszentralregister keinerlei Verfehlungen aus. Die Männer, deren einstige Elvis-Tolle sich inzwischen in Silberhaar verwandelt hat, erhielten daraufhin das Goldene Lorbeerblatt "Für 50 Jahre unfallfreies Fahren" mit Urkunde und Aufkleber. Chrom-Otto, Lö, Jacson - und wie sie alle heißen - sind längst gezähmt. Doch gern erinnern sich die Siebzigjährigen an ihren "Einflug" in Berlin, wenn sie vom Ostsee-Urlaub zurückkamen und von der Polizei empfangen und kontrolliert wurden. Und wenn die mal merkte, dass was im Auspuff fehlte, bauten es die Jawa-Cluber wieder ein und donnerten weiter. Natürlich nach Nordhausen.
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