Nicht ohne meinen Besen: Neue Brockenhexe der Nordhäuser Rolandgruppe im Interview

Anett Wernicke lockt in diesem Jahr erstmals als Brockenhexe der Rolandgruppe ins Festgetümmel. Die mystischste Nacht der Nächte aber verbringt sie in Zivil.
 
Im wahren Leben singt Anett Wernicke im Opernchor des Theaters Nordhausen. In der Rolandgruppe agiert die 43-Jährige dieses Jahr erstmals als Brockenhexe. Soe übt schon mal die Verwandlung.
Nordhausen: Theater | Walpurgis sind die Hexen los. Anlass genug, einmal die Dienstjüngste der Zunft in Nordhausen zu besuchen. Anett Wernicke ist die neue Brockenhexe der Rolandgruppe. Bevor sie jedoch zum diesjährigen Rolandsfest (12.-14.6.2015) erstmals den Besen und freche Reden schwingt, beantwortet sie teuflische Fragen im Interview.

Wann waren Sie zuletzt auf dem Brocken?
Im vergangenen Sommer mit dem Segway. Das war eine lustige Tour. Allerdings taugt der kleine Elektroflitzer mit zwei Rädern nicht wirklich als Besenersatz.

Was schwebt Ihnen als ­moderne Hexe dann vor – ein Hybrid-Besen oder einer mit Düsenantrieb?

Nichts davon, zum Teufel damit! Allein die Vorstellung ist gruselig. Solche Technik nimmt die ganze Illusion. Ich schwöre auf den klassischen Reisigbesen. Gut, dass Sie mich erinnern. Ich muss mir noch irgendwo ­einen binden lassen. ­Geschwindigkeit ist schließlich pure Hexerei.

Ihr betörendes Aussehen auch?
Oh, das verlangt schon mehr als etwas Hokuspokus. Das ist Handwerkskunst. Von meiner Vorgängerin Kerstin Liebenau habe ich eine riesige Schminkkiste geerbt. Nun lerne ich, mit all den ­Tuben und Pinseln umzugehen. Von der fetten Warze bis zum schwarzen Zahnlack muss ­alles stimmen. Dann wird noch das Haar geschneckelt und die Perücke übergestülpt.

Zur charismatischen Hexennase sagen Sie gar nichts?

Die krumme Nase ist natürlich ein Meisterstück, maßgeformt von der Chefmaskenbildnerin unseres Theaters. Sie hat mir auch gezeigt, wie ich das Ding perfekt platziere. All das ist viel aufwendiger als das Make up, das ich norma­lerweise auf der Opernbühne trage. Fast eine Dreiviertel­stunde habe ich zu tun. Ich hoffe, die Verwandlung gelingt irgendwann schneller. Dabei hilft leider keine Magie, sondern nur Routine.

Legen Sie auch bei Ihrer Garderobe solchen Wert auf Perfektion?
Unbedingt. Das Kostüm der alten „Haxn“ wurde 1:1 nachgenäht. Der Theater­schneiderei sei dank. Dazu trage ich die original blauen ­Ringelstrümpfe meiner Vorgängerin. Jetzt muss ich mir nur noch Stiefeletten besorgen. Wenn nötig, werden sie mit Schmirgel­papier auf alt getrimmt.

So viel Aufwand – nur um die drei Kerle der Rolandgruppe zu bezirzen?
Na klar, auch eine Hexe ist eitel. Ich greife aber noch zu ganz anderen Tricks. Zur ersten gemeinsamen Probe habe ich für die süßen Herren auf Wunsch einen „Kalten Hund“ mitgebracht.

Haben Sie als einzige Frau in der Truppe nicht ohnehin eine gewisse Fürsorgepflicht?
Zumindest wurde mir ans Herz gelegt, ein Auge auf Roland, Zwanziger und Ebersberg zu haben. Sie sind wohl manchmal etwas vergesslich, trödeln oder verschwatzen sich gern im Rolandsfest-Getümmel. Da muss „Mutti“ aufpassen, damit der straffe Zeitplan stimmt.

Noch erotischer als die weiße Rüschenhose unterm Rock ist die Sprache der „Haxn“.
Oh ja, sie gaakt ganz schön herum. Ich habe früher nie Nordhisser Platt gesprochen, es aber immer verstanden. Meine Sprachschule war einmal im Jahr das Rolandfest. Jetzt übe ich fleißig. Vielleicht singe ich sogar, oder besser: krähe herum.

Apropos Krähe. Haben Sie denn eine?

Nein, natürlich nicht.

Aber eine Katze auf der Schulter?
Nein, auch das ist ein überholtes Klischee. Ich besitze zwar einen Hund und eine Katze, aber „Schnurri“ ist viel zu eigenwillig, um auf meiner Schulter zu sitzen. Wenn die Aufregung vor meinem ersten großen Hexenauftritt kommt, muss ich also ganz allein durch – mit Hilfe der Herren.

Warum murmeln Sie keine Zauberformel, damit sich das Lampenfieber in Luft auflöst?
Ich kenne keine, das ist wie verhext. Aber mir hilft das Schubladendenken. Wenn ich mich nur auf den unmittelbar bevorstehenden Auftritt konzentriere, erscheint die Aufgabe nicht ganz so groß.

Wie verbringen Sie ­die Walpurgisnacht?
Mit meinem Mann. Zu Ostern haben wir geheiratet. Und da die freien Abende am Thea­ter selten sind, werden wir diesen genießen.Vielleicht steigen wir zur Burg Hohnstein ­hinauf – aber in Zivil.

Hintergrund

Anett Wernicke (43) singt seit 1990 im Opernchor des Theaters Nordhausen.
In der Rolandgruppe agiert sie ab diesem Jahr als Brockenhexe – neben dem Roland, Professor Zwanziger und dem ollen Ewerschberg. Sie übernimmt die Rolle von Kerstin Liebenau, die sich nach einem schweren persönlichen Schicksalsschlag aus der Rolandgruppe verabschiedet hat.
Der erste Auftritt in neuer Besetzung ist am 3. Mai zum Bahnhofsfest.
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