Nikolausabend vor 60 Jahren

Lieber guter Nikolaus
Der Nikolaus kam auch im Jahr 1950

Erst vor wenigen Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Das ganze Land hatte noch stark unter diesen Folgen zu leiden. Es fehlte an allem. Kaum Industrie im Land und von der Sowjetunion konnte man auch keine Hilfe bekommen. Die Menschen dort hatten selbst schwer unter den Folgen des Krieges zu leiden.
Lebensmittel und vieles andere gab es nur auf Zuteilung und Marken. Wer selbst etwas hatte, dem wurde dieses von der Zuteilung abgerechnet. Es wurde Weihnachten und so hatte jeder versucht sich etwas abzusparen und sei es von der täglichen Nahrung.

Wir waren zwei Jungen - gerade so im schulpflichtigen Alter. Erste bzw. dritte Klasse. Im Haus wohnten meine Eltern mit meiner ganz kleinen Schwester und mir, die Eltern meines Cousins und unsere Großeltern. Es war zwar alles sehr beengt, aber es musste nun mal so gehen. Im Stall standen zwei Ziegen und einige Hühner mit einem stolzen Hahn liefen auf dem Hof herum. Es gab für jede Familie noch einige Kaninchen in den entsprechenden Holzkisten auf Füssen, den selbst gezimmerten Kaninchenställen.

Es wurde Dezember und ging auf Nikolaus zu. So bekamen wir ständig zu hören: „Wartet nur, wenn der Nikolaus das sieht, wenn er dann mit der großen Rute kommt, dann setzt es aber was.“ „Das hat der Nikolaus jetzt gesehen. Er hat gerade zum Fenster rein gesehen.“ So wurden wir Bengels im Zaun gehalten. Sonst gingen wir über Tisch und Bänke, wie man so schön sagt. Unsere Eltern und auch die Großeltern waren von den weihnachtlichen Vorbereitungen arg gestresst. Jedoch wir Bengels wollten nicht so recht an den Nikolaus glauben und hatten mächtig große Worte. So bekamen unsere Eltern von uns zu hören, wenn sie uns mit dem Nikolaus zu ermahnen versuchten. „Nikolaus, Nikolaus an der Wand, hat den ganzen Arsch verbrannt!“

Der Nikolausabend kam, wir waren einigermaßen artig, hatten aber immer noch große Worte. Je später es wurde, umso unruhiger wurden wir. Wir warteten auf den Nikolaus ganz ungeduldig und dieser kam nicht. Waren wir doch zu ungezogen gewesen, dass der Nikolaus nicht zu uns kam? Wir wollten doch auch ein paar Nüsse und Äpfel bekommen. Doch, dann kam er. Groß und mächtig mit einer tiefen Stimme und einer riesigen Rute, so stand er vor uns. Wir wurden immer kleiner und ganz ruhig. Wir gingen in uns. Es gab nun doch den Nikolaus. Stotternd versuchten wir den Nikolaus etwas milder zu stimmen. Wir mussten uns seine Drohungen und unsere Straftaten anhören. Wo wusste er nur all unsere Schandtaten her? Scheinbar war es uns doch gelungen den Nikolaus etwas milder zu stimmen, denn mit der Rute hatte er nur gedroht. Nach einigen Gedichten und Gebeten mussten wir dem Nikolaus auch noch ganz hoch und heilig versprechen in Zukunft ganz artig zu sein, immer zuhören, fleißig in der Schule aufzupassen und zu lernen. Zum Schluss folgte ein ganz großes Versprechen die Hausaufgaben immer schnell, sauber und ordentlich zu machen. Nach diesem Versprechen öffnete der Nikolaus den riesigen Sack.
Wir dachten schon er wollte uns hinein stecken und mitnehmen, wie es unsere Eltern immer angesagt hatten. Was für ein Trost! Er suchte nur etwas im Sack. Es kam für jeden ein kleines Säckchen zum Vorschein auf dem unsere Namen standen. Der Inhalt waren Äpfel, Nüsse und einige Plätzchen. Wir freuten uns sehr über dieses Nikolausgeschenk. So hatten wir vom Nikolaus doch noch etwas zum Naschen bekommen, trotz unserer Unartigkeit. Es gab den Nikolaus nun doch und er war gar nicht so streng und böse, wie uns die Eltern immer erzählt hatten. So lernten wir den Nikolaus einmal ganz persönlich kennen und hatten so erfahren was der Nikolaus für ein Mann ist. Er war gewaltig, war streng und gerecht, aber er war auch gutmütig und sogar nett.

Erlebt und aufgeschrieben von Manfred Kappler aus Ilfeld
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