„Otto“ wurde zum Kultwirt

Bleicherode: Rumpelkiste | Bleicheröder sammelte altes Mobiliar und machte aus der Bahnhofskneipe die „Rumpelkiste“

BLEICHERODE. Lenin ruft zur Revolution. Über ihm schweben nackte Engel. Sie beäugen sein Tun. Karl Marx in Blech auf Holz zur Linken, Erich, Stoph und der Spitzbart zur Rechten. Unter ihnen ein Stück Stacheldraht mit dem Hinweis „Sperrgebiet!“ und zwischen allen das uralte Sofa, auf dem auch der russische Revolutionsvater gesessen haben könnte. Gegenüber ein 500-er Trabi LB 08-55. Er ist zwischen der Parkallee und der Karl-Liebknecht-Straße in die Wand gefahren. Neben dem Stinker der Aufruf „Schöner unsere Städte und Gemeinden“! – Wohin man blickt, werden Erinnerungen an alte Zeiten wach. In „Ottos“ Rumpelkiste sind sie alle vereint: die Großen von einst, ob als Porträt oder kraftfahrzeugtechnische Originalausführung, ob auf Leinwand, Blech oder Pappe gebannt. Dabei wollte der gelernte Koch Andreas Haberland 1994 nach seiner Rückkehr aus Kassel eigentlich nur mit Kumpels eine Kneipe aufmachen.

„Aber wie es so ist, wenn man viele Ideen, aber doch nicht ganz so viele Scheine in der Tasche hat: Man stöbert in dem, was andere nicht mehr wollen. Zum Uraltsofa aus dem Sperrmüll gesellten sich Mofa, SR 1 und 2, Grubenlampen, Fahnen und andere Reliquien aus vierzig Jahren „Deutschr Demkratscher Replik“, wie Erich so schön zu sagen pflegte. Was nicht passte, wurde passend gemacht, aufgemöbelt und repariert. Was fehlte, spendierten Freunde, Gäste oder Verwandte. Als die Bahn ihre Anlagen erneuerte, wurde ein Andreaskreuz ausrangiert. Kurzum sägten es die Kumpels ab und brachten es mit in die „Rumpelkiste“.

Die sollte ursprünglich „Rumpelkammer“ heißen, aber da dieser Name schon an Willi Schwabes Fernsehsendung vergeben war, wurde aus der -kammer eine -kiste.
Wer weiß, sonst würde „Otto“ vielleicht heute „Willi“ heißen. Obwohl kaum jemand weiß, wie der Besitzer der „Rumpelkiste“ tatsächlich heißt. Selbst alteingesessene Bleicheröder zucken mit den Achseln. „Otto“ ist Kult genau wie seine urige Kneipe im Nostalgiestil der Sechziger bis Neunziger. Natürlich finden sich auch amüsante Erinnerungen: Der braune Trainingsanzug mit rot-gelben Zierstreifen, der „Schnuffi“, der alle Männer an die Sturmbahn denken lässt, oder der 500-er Trabi, den Andreas Haberland erst vor zwei Jahren vom Schrottplatz holte. Die Trabis, die SR 1 + 2 und das Mofa hat er an die Wand montiert, den noch vollen Schachteln „Jubilar“, „Salem“, „Karo“ oder (Schweine)-„Juwel 72“ im Buffet ein Ehrenplätzchen reserviert. Sie werden umzingelt von GOTANO, Kiwi, Altmeister und anderen edlen Tropfen und bewacht von Pitti und Sandmännchen. Neben ihnen steigt ein angenehmer Duft aus der Küchenluke. Ach ja: Otto ist ja Koch. Und schon kommt die Lust aufs Essen. Auch dafür wurde Andreas Haberland über die Stadtgrenzen Bleicherodes hinaus zur Kultfigur.
Kontakt: 036338/60282
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