Schwitzen am Brenner, bibbern im Eisschrank - Der heißeste und der kälteste Arbeitsplatz in Nordhausen

Jörg Bergmann arbeitet seit 34 Jahren als Schweißer. An die Hitze hat er sich gewöhnt.
 
Auf 12 Etagen türmen sich die Paletten im Tiefkühllager der Klemme AG in Nordhausen. Der Warentransport erfolgt vollautomatisch. Versandmitarbeiter Sören Ahlert auf einem Kontrollgang bei minus 25 Grad.

Glühend heiß und eiskalt - gemessen an den Temperaturen könnten ihre Arbeitsplätze unterschiedlicher nicht sein. Schweißer Jörg Bergmann arbeitet mit bis zu 3200 Grad heißen Flammen. Versandmitarbeiter Sören Ahlert ­kümmert sich im Tiefkühllager bei minus 25 Grad um gefrorene Backwaren.

Jörg Bergmann ist Schweißer


Wenn Jörg Bergmann zur Arbeit geht, wird es glühend heiß. Was sind da schon 38 Grad Sommerhitze. Der 52-Jährige ist Schweißer im Schachtbau Nordhausen. Heute steht er an der vollautomatischen Schweißstation. Der sogenannte Schweißtraktor fährt gemächlich das Werkstück ab, verbindet zwei Stahlteile zum rechtwinkligen T-Profil. Ein Auftrag für das Europa­viertel in Stuttgart. „Ich kontrolliere, ob sich die Naht richtig entwickelt“, sagt Jörg Bergmann und beugt sich mit Schutzbrille und Handschild über das ­gleißend helle Licht. Je heißer die Quelle, desto heller das Licht: Die Flamme des Brenngas-Sauerstoff-­Gemisches erreicht 3200 Grad.

Rund 10 000 Tonnen Stahl werden jährlich im Schachtbau Nordhausen verarbeitet. Hauptsächlich entstehen daraus Stahlbrücken, aber auch Kräne, Kranbahnträger, Krankatzen, Spezialmaschinen und Sonderstahlbauten. Da haben die Schweißer schwer zu tun. „Beim Brennschneiden und Fugen per Hand müssen wir mit dem Kopf direkt über die Flamme“, erzählt Jörg Bergmann. Dann wird es richtig heiß. „Erst recht, wenn die Stahlteile verwinkelt sind, wir in engen Ecken mit dem Brenner arbeiten und direkt auf dem heißen Blech knien.“

Die Schutzkleidung aus feuerfestem, derbem Stoff verstärkt die Wärme noch. Kein Schweißtropfen kann verdunsten und die Haut kühlen. Hinzu kommen Schweißerstiefel, extrem dicke Handschuhe und ein Spezialhelm. Beim Schweißen per Hand wird der „Speedglas-Helm“ aufgesetzt, um die warmen und teils giftigen Dämpfe abzuwehren. Ein auf der Rückseite des Gürtels angebrachter Filter sorgt für Frischluftzufuhr.

Jörg Bergmann kann sich keinen anderen Beruf vorstellen. Seit 34 Jahren ist der gelernte Maschinen- und ­Anlagenmonteur aus ­Hainrode Schweißer. Die ­Temperaturen stören ihn nicht. „Ich habe mich an die Hitze gewöhnt“, beteuert er. „Ich mag es warm. Der Sommer ist meine Jahreszeit.“ Selbst wenn er dann im Urlaub irgendwo unterwegs ist, zieht ihn jedes geschweißte Bauteil magisch an. Lachend bekennt er: „Mein erster Blick fällt ­immer auf die Schweißnaht.“

Sören Ahlert arbeitet bei minus 25 Grad


„Dass es ein kühler Job ist, war mir bei der Bewerbung bewusst“, sagt Sören Ahlert. Jetzt arbeitet der 28-Jährige schon seit sieben Jahren im Versand der Klemme AG am Standort Nordhausen. Die Großbäckerei entwickelt und produziert ausschließlich Tiefkühlbackwaren. Ent­sprechend frostig werden Brötchen, Berliner & Co. gelagert.

„Minus 25 Grad herrschen im Tiefkühllager“, erzählt der Facharbeiter für Lagerlogistik. „Wir schieben am Tag 400 bis 500 Paletten raus. Das passiert zwar vollautomatisch, aber zur Kontrolle, zur Wartung und um Störungen zu beseitigen, müssen wir rein.“ Mal gerät ein kleines Teil vor die Lichtschranke, mal stürzt eine Palette um. Etwa eine Stunde pro Schicht arbeitet Sören Ahlert im „Eisschrank“. Zur Sicherheit meldet er sich vorher ab, trägt das Funkgerät am Mann. Das ist Vorschrift. Genauso wie die Arbeitsbekleidung – bestehend aus Thermojacke und -hose, Kapuze oder Mütze. Nicht zu vergessen die Handschuhe. „Trotzdem werden die Fingerspitzen manchmal kalt“, berichtet Sören ­Ahlert. Zum Beispiel, wenn er im sogenannten Handlager arbeitet. „Dort wird alles, was in den Export geht, per Hand sortiert.“

Das Hochregallager fasst 8000 ­Paletten auf 12 Etagen. „Wenn in Etage 12 etwas verrutscht, steigt Sören Ahlert mit Kletterausrüstung an den frostigen Metallregalen hinauf. Einmal im Jahr absolviert er dafür eine Kletterausbildung. Es ist beinah wie Eisklettern, nur eben ohne Eis. Die Kühlkette darf zu keinem Zeitpunkt unterbrochen werden. Darum sind auch alle Lkw, die Teiglinge und Backwaren zu den Großkunden bringen, auf minus 20 Grad vorgekühlt. „Wir liefern sogar bis nach Japan und Kanada“, betont der Nordhäuser.

Sören Ahlert bezeichnet seine Arbeitsstätte im Industriegebiet an der Darre gern als „größte Klimaanlage von Nordhausen“. Ist es draußen auch noch so heiß, in der Großbäckerei schwitzt keiner der rund 220 Mitarbeiter. Selbst in der Produktion, wo die Öfen für vier Backstraßen stehen, zeigt das Thermometer nicht mehr als 20 Grad. Im Versand-Büro sind es 5 bis 8 Grad. Im minus 30 Grad kalten Schockfroster arbeitet aber keiner. Kann man sich an die Kälte gewöhnen? „Ja, man kann“, sagt Sören Ahlert. „Aber im Urlaub geht‘s immer schön ins Warme.“
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