Weihnachten

Weihnachten
Ist ja wohl der Gipfel an Frieden und Liebe und so. Also die Kinder sind aufgelaufen- alle Mütter sind dann selig und endlich gibt es wieder was zu pflegen und zu versorgen. Mütter können dann wieder alle ihre bereits verloren geglaubten Instinkte rauslassen. Mit leicht feuchtem Auge werden dann die Geschenke verteilt, selbstverständlich wird das Ganze mit der entsprechenden musikalischen Hintermalung als Zeremonie absolviert. Das tut der Seele richtig gut. Und dann kommt das Weihnachtsessen, auf dass sich alle gefreut haben. Bei uns gibt es Heiligabend immer Fondue. Das hat was von Ritual. Man isst dann auch nicht so viel oder man hat zumindest das Gefühl nicht so üppig und opulent zu speisen.
Tagelang vorher werden die Ingredienzien für Soßen und die Zutaten besorgt. Auf dem Tisch stehen die Teller und Schälchen bereit. Verschiedene Sorten von Fleisch in den verschiedensten Beizen eingelegt und mit den tollsten und leckersten Gewürzen vorbereitet warten auf das Bad im heißen Öl. Der Tisch ist wunderbar gedeckt. Verschiedenfarbige Soßen und Tunken sind in Schälchen angeordnet. Die Spezialfondueteller stehen auf dem Tisch, alles ist fertig und es kann losgehen Die Kerzen brennen. Sorgfältig sind Servietten ausgelegt. Alles ist sehr festlich aufeinander abgestimmt. Die Räume duften nach Fichte, Kerzen, Gewürzen, Vanille, und in der Küche macht sich der Duft nach Knofi, Zwiebel, Essig, und heißem Öl und was weiß ich noch breit. Alles ist fertig für das Fondue.
Diese ganze spannende Vorbereitungsphase wird plötzlich jäh durch die Frage: wo ist der Spiritus? ad absurdum geführt. Heilige Maria und Joseph! Was, wie jetzt? Kein Spiritus da? Ich hatte doch noch welchen im letzen Jahr! Ich kann doch nicht an alles denken! Na toll! Inzwischen ist es Heiligabend 20.35 Uhr. Alles in der Stadt ist dicht. Du lockst keinen Verkäufer mehr in den Laden, um dir ein Pulle Spiritus zu verkaufen. Mein Sohn hat einen tollen Einfall. Tankstellen sind doch irgendwo noch auf. Eigentlich sind das die Rettungsanker der Nation, wenn nichts mehr geht! Also rein in die Klamotten und ab zu Aral- natürlich ist bei Aral auch Heiligabend. Die ausgeschaltete Beleuchtung verrät uns, dass hier kein Verkaufsinteresse vorliegt. Vereinsamt liegen die Gewerbegebiete der Stadt im fahlen Licht der Straßenbeleuchtung. Die Weihnachtsgeschichte mit der heiligen Familie, die an alle Türen klopfte, beginnt nun eine völlig neue Bedeutung zu kriegen. Wir wollen doch bloß Spiritus und nicht spiritus sanctis. Und schon gar keine Übernachtung in irgendwelchen Ställen mit Ochs und Esel und irgendwelchen Engeln! Na gut, gegen Engel wäre nichts einzuwenden, wenn sie mehr als nur nicht pausenlos Posaune blasen!!
Auf zur nächsten Zapfstation mit Shop! Esso? Nichts!!! Dann Elf! Ist offen! Ganze Völkerstämme von Jugendlichen hat es hierher gezogen, die nun dort noch ein paar geistige Getränke suchen und sich hier nichtsnutziger Weise zusammenscharen. Aber es ist kein Spiritus da, nur Reinigungsbenzin, um sich die Currywurstflecken aus dem bekleckerten Weihnachtsanzug zu putzen und Insektenentferner (Wahrscheinlich für das Entfernen von spätwinterlichen Motten der Spezies non domecialis, die den Heimflug verpasst hatten und nun an irgendwelchen Frontspoilern ihre vorletzte Ruhestätte haben.) Im Spiritusbrenner machen sich solche Flüssigkeiten natürlicherweise außerordentlich schlecht. Mir kommen Erinnerungen an frühe weihnachtliche Krippenspiele, bei denen ich immer den Negerkönig Caspar spielen musste. Und um mich richtig passend zu färben, schleppte mich die dicke Küchenschwester Adele immer mit in die Klosterküche vor den riesigen Küchenherd machte die Luke auf und mit ein paar schnellen Handgriffen war ich so schwarz, dass ich mich vor mir selbst fürchtete. Wenn man das Zeugs im Wohnzimmer anzünden würde, hätte das eine ähnliche fatale Wirkung. Man wäre dann aber selbst mit in der Brennkammer! Weil man dann die Bude nur noch mit zwei Eimern Alpinaweiß wieder in den vorweihnachtlichen Zustand versetzen könnte, wenn man das überhaupt wieder wegkriegt. Man erkennt dann seine Verwandtschaft auf Grund der verrußten Gesichter bestimmt auch nicht gleich wieder. Vielleicht hätte man auch das Gefühl mit völlig fremden schwarzen Menschen ein gemeinschaftliches Mal einzunehmen. Der Gedanke erscheint caritativ reizvoll,
wird aber dann doch wieder fallen gelassen. Das Gefühl von weihnachtlicher Ruhe schwindet langsam und es macht sich Jagdfieber breit. Der Wille eines Mannes noch in diesem Jahr etwas zu erreichen, was sonst das ganze Jahr nicht gelungen ist, sollte die Krönung sein! Nicht das Problem, das sich ein Gott in ein Kind verwandelt hat steht nun im Mittelpunkt! Nein, es geht jetzt um die Ehre! Ist zu schaffen, Spiritus zu besorgen in einem Moment, in dem nichts mehr geht! Da ist der Sportsgeist voll gefordert! Und wer da glaubte Leidenschaft und niedere Instinkte wären längst der Weisheit des Alters gewichen, musste sich jetzt allerdings zwangsläufig getäuscht sehen. Der Wille siegt!
Es muss doch möglich sein, Spiritus aufzutreiben! Welche Tankstellen gibt es noch? In dieser Stadt zeigt sich auch die Schelltanke als Niete! Von verkaufsorientiertem Verhalten keine Spur! Alle haben sich in die heimischen vier Wände verzogen und nur um uns zu zeigen, dass es ohne sie nichts geht! Wo sind die nächsten Tankstellen mit einem halbwegs vernünftigen Angebot? Die nächste Stadt liegt 30 km entfernt. Jetzt muss es sein. Mit leicht überhöhter Geschwindigkeit wird die nächste AGIP- Tankstelle angelaufen. Ferne Beobachter hätten uns glatt für ein Ufo halten können oder eine flach einschlagende Sternschnuppe, einen Nachkommen des Sterns von Betlehem oder das fehlgeleitete Beagle 2 der Marsmission. Das spärliche Angebot ist entmutigend. Dass die Jet- Tankstelle zu hat, ist logisch. Alles Weichspüler! Es gibt in der anderen Richtung noch so was wie Shell! Auch hier zeigen die dunklen Gebäude sich ausgesprochen kundenunfreundlich. Dann gibt es noch eine Chance. In Richtung der nächsten größeren Stadt gibt es noch zwei Tankstellen. Dabei dürfte die Araltanke aus der nun bereits wiederholten Erfahrung auch geschlossen sein. Langsam kommen Gedanken an alternative Lösungen auf. Wie wäre es mit Teelichtern? Die nächste Tanke heißt Total! Die kleine Butze scheint außer ein paar Zeitungen kaum etwas zu verkaufen. Aber sie ist zumindest offen! Das lässt etwas Hoffnung aufkommen. Es sind sogar zwei Verkäufer an Bord. Hier scheint man zu wissen, dass es Menschen gibt, die am Heiligen Abend mehr wollen, als sich der Weihnachtsdepression hinzugeben! In dem kleinen Raum stehen mehrere Leute trinken Kaffee und essen ihre eigene Variante von Weihnachtsmenu- Bockwurst! Auch das wäre eine Alternative! Das Regal mit den Chemieartikeln und dem Motorenöl ist versteckt und winzig, aber der Blick der dorthin fällt, lässt das Auge feucht werden: Spiritus!!!!!!! Ein Sprung nach vorn – Der störende Pappschumi ist gerade noch zu halten, sonst wäre er überrannt worden und dann ein hastiger Griff in das Regal mit den letzen vier Flaschen Spiritus!! Geschafft!
Der Abend ist gerettet! Ab zur Kasse und dann nach Hause! Inzwischen ist der Uhrenzeiger über die 21.30 Grenze gerückt. Volle Düse zurück ins traute Heim! Die Spätnachrichten sind im Radio dran und am Fenster warten die heimischen Jungfrauen auf ihre ausgezogenen Ritter. Mit dem Sieg im Gesicht und der Pulle in der Hand wird die Wohnung betreten. Alles ist bereit- das Öl ist auf dem Ofen bereits vorgeheizt. Das zeugt von tiefem Vertrauen und macht uns Männer glücklich! Nun werden die Brenner bestückt und das Fondue kann beginnen. Als die ersten Fleischstücken in das Öl getaucht werden, beginnt es zu brodeln. Das Öl ist heiß wie nie! Ein Bratenduft durchzieht den Raum! Jetzt ist Weihnachten!!! Prost!
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