Des Kaisers neue Untermieter

Wolfgang Sauerbier ist der Fledermaus-Experte in Nordthüringen, betreut 86 Winterquartiere. Hier ist er auf Erkundungsgang in den Katakomben des Kyffhäusers. (Foto: Foto: Kolbe)

Wolfgang Sauerbier entdeckte in den Katakomben des Kyffhäuserdenkmals seltene Fledermausart

Von Heiko Kolbe

KYFFHÄUSER. Dunkel und muffig ist das unterirdische Reich von Barbarossa. Zwischen 1890 und 1896 wurde auf einer Anhöhe des Kyffhäusers ein Gewölbesystem gebaut, das dem 81 Meter hohen Denkmal für Kaiser Wilhelm I. seither sicheres Fundament ist. Doch dass die 300 m² Tonnengewölbe aus rotem Sandstein eine Wochenstube von Lebenwesen in sich bergen, wusste niemand. Das fand Wolfgang Sauerbier erst im letzten Herbst heraus.

Der Fledermaus-Experte Nordthüringens entdeckte bei einem Routinegang in den Katakomben 39 Fledermäuse. Beim genaueren Hinsehen erkannte er die in hiesigen Regionen als ausgerottet geltende Kleine Hufeisennase, eine Fledermausart, die eigentlich im warmen Südeuropa zu Hause ist. Vier der an der Decke hängenden Kleinsäuger machte er an ihrer Färbung als Jungtiere aus. Er hatte eine Wochenstube entdeckt, welch Sensation!

Auch derzeit ist Wolfgang Sauerbier wieder aufgeregt. Denn im April erwachen die Fledermäuse aus dem Winterschlaf. Dann beginnt eine außergewöhnliche Befruchtungsaktion: Seit der Begattung der Weibchen (Ende August bis Oktober) tragen diese das Sperma in einer Uterus-Falte, ohne dass es zur Befruchtung kommt. Erst jetzt, nach dem Winterschlaf, leiten sie den Samen zur Befruchtung an die Eizelle weiter. Im Juni gebären Fledermäuse ein Jungtier, das nackt und blind auf die Welt kommt. Nach vier Monaten gleicht es seinen Eltern in Größe und Farbgebung so sehr, dass es als Jungtier nicht mehr zu erkennen ist.

„Ganz selten gibt es Zwillingsgeburten“, weiß der Fledermaus-Profi. „Manche Fledermaus-Männchen sind selbst im Winter so agil, dass sie die schlafenden Weibchen nochmals begatten“, schmunzelt der 62-Jährige. Seine Aufmerksamkeit gilt nun den „Kleinen Hufeisennasen“ in den Katakomben des Kyffhäuserdenkmals. Werden sie in diesem Sommer hier wieder Jungtiere gebären und aufziehen?

„Thüringen ist Hufi-Land, weil es hier die meisten Vorkommen der Kleinen Hufeisennase gibt. 26 Jahre lang galt sie im Kyffhäuser als verschollen, 1991 wurde sie hier wieder entdeckt.“ Wolfgang Sauerbier, Regionalkoordinator der IG Fledermausforschung Thüringen

Normalerweise sind die Säuger, die ihr Junges am Bauch mit den Flügeln schützend umhüllen, sehr standorttreu. Sie kommen immer wieder in dieselbe Höhle, suchen sich mitunter nur ein anderes Plätzchen zum Abhängen aus. So hofft Sauerbier im Sommer auf die Wiederbelebung der Wochenstube unter des Kaisers Füßen. Das wäre die nächste Sensation.

Wissenswert

Im Kyffhäuserkreis vorkommende Arten:
Mopsfledermaus, Graues und Braunes Langohr, Mausohrfledermaus, Bart-, Fransen- und Wasserfledermaus, Bechsteinfledermaus, Kleine Hufeisennase.
Winterschlaf:
Oktober bis Mitte April
Alter:
bis 30 Jahre
Infos:
Wolfgang Sauerbier, Ruf 034671-64104,
www.fmthuer.de
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1 Kommentar
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Lydia Schubert aus Nordhausen | 09.04.2013 | 17:32  
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