Einen Tag unterwegs mit dem Ordnungsamt

„Mein Gesicht ist bekannt, mein Name sollte aber nicht in der Zeitung stehen“, bittet der Außendienstler. Seit sechs Jahren arbeitet er im sogenannten Vollzugsdienst der Nordhäuser Ordnungsbehörde. Er und seine Kollegen sind immer wieder persönlichen Anfeindungen ausgesetzt. Daher wurde der Name im Beitrag geändert.
 

Redakteurin Sibylle Klepzig hat einen Außendienstler eine Schicht lang begleitet

6.45 Schichtbeginn im Amt am Markt. Daniel Krug (Name geändert) schaut ins ­E-Mail-Postfach. Der Dienstleiter und das Einwohnermeldeamt haben Aufträge für den Tag gesendet. Dann schreibt er Messprotokolle von seinem gestrigen Einsatz bei der Geschwindigkeitsmessung.

7.30 Mit dem Opel Astra geht es in den Außendienst. Heute ist er allein unterwegs. Die erste Fahrt führt quer durch die Stadt. Kein umgestoßenes Schild, kein abgerissenes Wahlplakat, keine beschädigte Bushaltestelle – alles ist in bester Ordnung.

7.50 Hundekontrolle in Nordhausen-Ost. Die Hündin ist vorschriftsmäßig gechipt. Aber Frauchen hat weder Steuermarke noch Beutel für Hundehaufen dabei. Ihre Wohnung ist nur 150 Meter entfernt. Daniel Krug folgt ihr, lässt sich die Steuermarke zeigen und belässt es bei einer mündlichen Verwarnung.

8.15 Fahrerermittlung: Ein Firmentransporter wurde in Sundhausen geblitzt – 22 km/h zu schnell in einer 30er-Zone. Niemand will gefahren sein. Weder das Foto, noch die Befragung im Betrieb bringen Klarheit. Der Innendienst des Ordnungsamtes  erhält einen entsprechenden Vermerk.

8.30 Der Rückweg von Steinbrücken führt durch Sundhausen. Hier gibt es genug Parkraum, so dass nur selten Verstöße zu ahnden sind – auch heute nicht.

8.45 Für das Einwohnermeldeamt wird geprüft, ob drei Nordhäuser noch dort leben, wo sie gemeldet sind. Bei Adresse eins berichtet ein Hausbewohner: „Der ist schon vor zwei Monaten hier rausgeflogen.“ Der zweite Adressat wohnt bei seiner Mutter, die jedoch nicht zu Hause ist. Und bei Nummer drei gibt es tatsächlich ein Klingelschild und einen Briefkasten mit dem richtigen Namen. Nur öffnet niemand. Die Spätschicht wird es erneut versuchen.

9.50 Parkplatzkontrolle am Alten Tor. Daniel Krug tippt Ort, Zeit und Datum in das Datenerfassungsgerät und fotografiert das Schild, welches das Parken zeitlich begrenzt. Alle Fahrer haben an die Parkscheibe gedacht. Nur ein VW Polo steht ohne da. Tatbestand 113 300. Der Zahlencode wird eingetippt, das Auto fotografiert. Festgehalten wird ebenso die Ventilstellung: vorne rechts 7 Uhr, hinten rechts 2 Uhr. Ein gelber Zettel unterm Scheibenwischer kündigt dem Fahrer jetzt Post vom Amt an. 10 Euro kostet diese Vergesslichkeit. Wird die Parkdauer überschritten, wird‘s teurer.

10.45 Ein Anruf aus der Zentrale. Die Polizei bittet um Unterstützung, braucht einen Mitarbeiter des Ordnungsamtes als unabhängigen Zeugen bei einer Hausdurchsuchung. Ein Kollege vom zweiten Einsatzteam, das gerade mit dem Kleinbus unterwegs ist, sagt zu. (Das Team hatte am Morgen unter anderem ein herrenloses Fahrrad aus dem Förste­mannpark geborgen.)

10.50 Vor der Post parkt ein Mercedes auf dem Behindertenparkplatz. Nach fünf Minuten „Beobachtungszeitraum“ werden alle nötigen Daten erfasst.

11.00 Im Vorbeifahren ­entdeckt Daniel Krug ein seit zwei Monaten abgelaufenes TÜV-Siegel. Er warte auf sein neues Auto, die Auslieferung habe sich verzögert, erklärt der Opel-Fahrer. Der Ordnungshüter schenkt ihm Glauben und mahnt zu schnellem Handeln – ohne Verwarngeld.

11.15 Die Zentrale gibt eine Beschwerde vom Cityruf weiter: In der Poststraße blockiert ein Transporter eine Ausfahrt. Vor Ort stellt sich heraus: Es ist privater Grund und Boden, da hat das städti­sche Amt keine Handhabe. Doch der Handwerker zeigt sich einsichtig und räumt die Durchfahrt.

11.45 An der Straßenbahnhaltestelle Wiedigsburghalle schläft ein Alkoholkranker seinen Rausch aus. Es ist kein Unbekannter für Daniel Krug. Er weckt den Betrunkenen, kontrolliert den Ausweis, schickt ihn nach Hause. Eine Einweisung wäre nur bei einer akuten Gefährdung möglich. Das bestätigt auch ein Anruf bei der zuständigen ­Betreuerin.

12.00 Jetzt führt die Fahrt durch die Fußgängerzone am Bahnhof. Alles ist okay, es gibt keinen Stand ohne Sondernutzungserlaubnis.

12.45 Ein Renault, ein VW und ein Honda stehen am Grimmel im Parkverbot – nur rund 30 Meter vom gebühren­freien Parkplatz entfernt. Wollte ein Lieferauto zur Sattlerei, käme es nicht um die Kurve. Nach fünf Minuten Wartezeit gibt es Knöllchen.

13.20 Ein Bewohner vom Hagenberg beklagt sich am
Citytelefon über eine zugeparkte Ausfahrt. Vor Ort zeigt sich: Mit etwas gutem Willen wäre er herausgekommen und das Problem kein Problem gewesen. Wo neu gebaut wird, ist gegenseitige Rücksichtnahme gefragt.

14.00 Mit Verspätung geht‘s in die Mittagspause. Danach werden bis zum Dienstschluss um 15.15 Uhr die Schreibarbeiten erledigt, die Daten vom Datenerfassungsgerät und die Fotos auf den PC übertragen. 54 Kilometer hat das Auto in den blau-weißen Polizeifarben heute zurückgelegt.

Zur Sache:
 0 36 31 / 69 61 15
• Der Cityruf der Ordnungs­behörde Nordhausen 0 36 31 / 69 61 15 ist rund um die Uhr geschaltet.
• Neun Außendienstler, darunter drei Frauen, arbeiten in drei Schichten.
• Die Aufgaben sind vielfältig. Das Verteilen von „Knöllchen“ macht nur etwa ein Drittel der Arbeit aus.
• Zu ihrem Schutz tragen die Außendienstler Pfefferspray und Handschellen am Gürtel.
• In Einsatz sind zwei Fahrzeuge – blau-weiß lackiert wie Polizeiautos.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige