Gerstengrund hat stets eine hohe Wahlbeteiligung, die zwischen 91 und 97 Prozent liegt

Seltener Anblick, Wandersleute durchqueren den kleinen Ort im Wartburgkreis. Auf der Straße trifft man tagsüber kaum jemanden. Fotos: Axel Heyder
 

Im Auenland wird immer gewählt

Von Axel Heyder

Wenn es soetwas wie ein Thüringer Auenland gäbe, dann könnte einer der kleinen Orte dort Gerstengrund heißen. Hobbits leben keine hier. Aber die Lage des Ortes und die Geschlossenheit, mit der sie nach außen auftreten, erinnern doch an Tolkiens Saga. Und nur alle paar Hundert Jahre kommt ein Zauberer vorbei und sorgt für ein Feuerwerk.
So wichtig nehmen sich die Gerstengrunder nicht, dass einer von ihnen gerne mit Antlitz und Meinung in die Zeitung erscheinen möchte. Dabei muss sich das Örtchen keinesfalls verstecken, denn bei einigen der Wahlen in den vergangenen Jahren hielt man hier zwei Rekorde: Einerseits den mit der höchsten Wahlbeteiligung (zwischen 91 und 97 Prozent). Zum anderen den, der schnellsten Stimmauszählung. Bei 67 Einwohnern und 55 Stimmberechtigten scheint es zwar keine besonders große Herausforderung, aber am 25.5.2014 meldeten die Gerstengrunder um 18.07 Uhr und 52 Sekunden die Auszählung ihrer sämtlichen Stimmen zur Europawahl. Damit waren sie die schnellsten in Thüringen. Nicht zu vergessen ist, dass an diesem Tag mehrere Wahlen gleichzeitig ausgezählt wurden.

Liebenswert, aber verschlossen

Die Gestengrunder seien ein liebenswertes, aber eben auch verschlossenes Völkchen, heißt es, wenn man sich in der Stadtverwaltung in Geisa nach Kontakten erkundigt. Das lässt sich prüfen, indem man einen Ausflug dorthin macht. Mit den Einwohnern ins Gespräch zu kommen, ist nicht schwer. Sie plaudern freundlich und gerne, nicht ohne Stolz über das kleine Örtchen im Wartburgkreis, in dem die katholischen Gemeinde Mittwochs und an mehreren Samstagen im Monat in der Maria-Hilf-Kirche zusammenkommt. Das erzählt ein älterer Herr, der auf den nächsten „Runden“ zusteuert. Und meint damit seinen 80. Geburtstag. In seinem Gärtchen werkelt er fleißig, erntet Kartoffeln und anderes Gemüse und wohnt irgendwie schon immer hier. „Wo soll man auch hin“, findet er. Er kennt den Ort seit Jahrzehnten, hat auch miterlebt, als nur fünf Kilometer entfernt die Grenze nach Hessen auch das Ende der Reise für jeden DDR-Bürger bedeutete. Spontanen Besuch zu jener Zeit gab es nicht. Wer kommen wollte, benötigte einen Passierschein. Auch heute gibt es nur wenig spontanen Besuch. Gerstengrund ist ein Sackgasse, mit großer Wendeschleife, hinter der in kurzer Entfernung der Bus hält. Nicht immer sitzt jemand drin. Im 13-Uhr-Bus nach Geisa kam weder jemand an, noch stieg jemand ein. Der Busfahrer nutzte die Gelegenheit zur Reifenkontrolle und dazu, ein kleinen Rundgang um den Bus zu machen. Durchgangsverkehr gibt so gut wie keinen. Also keine von jenen Fahrern mit WAK-Nummernschild, die stets mit viel Gottvertrauen und überhöhter Geschwindigkeit auf dem Landstraßen des Wartburgkreises unterwegs sind und vorsichtige Fahrer in Angst und Schrecken versetzen. Gerstengrund liegt nicht auf ihrer Renn-Piste.
Der alte Herr gönnt sich indes eine Mittagspause, um bei seiner Schwester zu essen. Denn er sei alleine, erklärt er und in Gesellschaft schmecke es doch irgendwie besser.

Nicht nur ältere Menschen

Keineswegs ist Gerstengrund jedoch ein Ort, in dem nur „die Alten“ wohnen. Davon kündet ein großes Transparent, das die Ankunft des 67. Gerstengrunders kundtut. Und weitere sind unterwegs.
Eine junge Frau im Ort ist gerade auf Urlaub da, wo sie aufgewachsen ist, aber seit Jahren nicht mehr wohnt. Sie hat eine eigene Erklärung, warum hier die Wahlbeteiligung so hoch ist: Erstens sei es nicht weit bis zum Gemeindehaus, für jeden Bürger nur ein paar Meter. Außerdem sei ein großer Teil der Bürger in die Vorbereitungen und Durchführung der Wahl involviert. Klar, dass man da auch wählen gehe. Zudem sorge die Nähe zu Hessen dafür, dass viele Arbeit hätten. Und wer sich umschaut, fühlt sich in diesem Eindruck bestätigt: Hier und da wurde neu gebaut, vieles ist renoviert. Alles schick, kein Papierschnipsel liegt auf dem Boden. Moderne Technik hat Einzug gehalten: riesige Solardächer auf großen Scheuen zeugen davon. Die junge Frau findet aber auch: Selbst wenn einer nicht wählen geht, ein Problem sei auch das nicht. Schließlich sei das ja jedes einzelnen Entscheidung. Politisch selbstständig ist die Gemeinde noch immer, ein Glück wie die Anwohner finden.

Die Postfrau, die täglich stets nach zehn Minuten ihren Auftrag alles verteilt hat und den einen Briefkasten im Ort geleert hat, findet auch ein Erklärung: Die Menschen sind sich eben einig hier. Sie zeigen sich immer geschlossen. Wohl auch dabei, nicht unbedingt mit ihrer Geschichte in der Zeitung erscheinen zu wollen. Und so haben die Kühe des Ortes einige Berühmtheit erlangt, wenn über den Ort mit der höchsten Wahlbeteiligung in Thüringen berichtet wird.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige