Rasant steigende Haftpflicht bedroht Existenz der Hebammen

Am 5. Mai, dem Internationalen Welthebammentag, wollen die freiberuflichen Hebammen Christiane Dörnbrack (links) und Marlies Matthes in Nordhausen auf das drohende Aus für ihren Berufsstand aufmerksam machen – von 12 bis 15 Uhr in einer Straßenbahn, die zwischen Bahnhof und Nord pendelt.
Nordhausen: Hebammenpraxis Rundum |

Die Politik ist gefordert: Hebammen fürchten aufgrund immenser Haftpflichtkosten um ihre Existenz

Wenn jetzt nichts geschieht, werden freiberufliche Hebammen in absehbarer Zeit ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Sie finden keine bezahlbare Haftpflichtversicherung mehr. Ohne diese aber dürfen sie nicht arbeiten. Redakteurin Sibylle Klepzig sprach mit den freiberuflichen Hebammen Marlies Matthes und Christiane Dörnbrack in Nordhausen.

Zunächst drohte ab Juli 2015 ein Komplettausfall der Haftpflichtversicherung. Wie ist der aktuelle Stand?

Marlies Matthes: Durch Verhandlungen des Deutschen ­Hebammenverbandes wird es auch 2015 eine Versicherungsmöglichkeit geben. Diese gilt aber nur für ein weiteres Jahr und die Prämien erhöhen sich um weitere 20 Prozent. Eine in der Geburtshilfe freiberufliche Hebamme müsste dann über 6000 Euro zahlen – bei einem Verdienst von durchschnittlich 8,50 Euro netto pro Stunde. Das ist keine Lösung, sondern bedeutet für die Hebammen ein Sterben auf Raten. http://www.hebammenverband.de/aktuell/nachricht-de...

Was erwartet junge Eltern, wenn immer mehr Hebammen ihren Beruf aufgeben?

Christiane Dörnbrack: Frauen werden immer schwerer wohnortnah eine Hebamme für die Versorgung bei Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett finden. Dabei ist Beratung wichtig – auch in der Säuglingspflege und beim Stillen. 30 bis 40 Minuten dauert ein Hausbesuch der Hebamme im Schnitt. Ein Arzt hat diese Zeit nicht.

Marlies Matthes: Gesetzlich hat jede Frau das Recht, den Ort der Geburt selbst zu wählen. Aber Geburten zu Hause oder in Geburtshäusern wird es dann kaum noch geben. Bis 2012 habe auch ich zum Beispiel Hausgeburten betreut. Die sieben Anfragen 2013 aber musste ich ablehmen – oder die Frauen hätten zuzahlen müssen.

Ändert sich nichts, werden sich die Geburten bald in großen Kliniken konzen­trieren?
Christiane Dörnbrack: So kann es kommen. Vorstellbar sind große Geburtszentren, in denen eine Hebamme zwischen zehn Frauen gleichzeitig hin und her spurtet. Das große Ziel ist aber die 1:1-Betreuung unter der Geburt, bei der jede Hebamme für eine Frau da ist.

Was muss geschehen, damit sich die prekäre Situation der Hebammen ändert?

Marlies Matthes: Das Problem ist kein privates, sondern ein gesellschaftliches. Darum sammmeln wir auch Unterschriften für eine Petition an den Gesundheitsminister. Unsere Forderung ist ein gesellschaftlich finanzierter Gesundheitsfonds mit einer Haftungsobergrenze für Hebammen.

Zur Sache:

- Christiane Dörnbrack betreiben in Nordhausen die Hebammenpraxis „Rundum“. Gemeinsam mit Hebammen des Südharz-Klinikums wollen sie am 5. Mai über das Problem informieren – von 12 bis 15 Uhr in einer mit Plakaten geschmückten Straßenbahn zwischen Bahnhof und Südharz-Klinikum.
- Unterstützen kann man den Protest der Hebammen durch die Unterzeichnung einer Petition an den Gesundheitsminister oder einen Brief an den zuständigen Bundestagsabgeordneten. Einen Musterbrief gibt es hier: http://www.hebammenunterstuetzung.de/

Infos beim Hebammenverband: http://www.hebammenverband.de/

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