"Von Auschwitz in den Harz"

Das Idyll trügt. Von 60.000 Häftlingen, die im KZ "Mittelbau-Dora" inhaftiert waren, überlebten 20.000 das Lager nicht. Sie starben an Unterernährung, Entkräftung, Krankheit und Mord.
 
Dr. Jens-Christian Wagner leitet die KZ-Gedenkstätte "Mittelbau-Dora" und stellte dieses Jahr die Geschichte der Sinti und Roma in den Mittelpunkt der Gedenkfeier und einer Ausstellung.
Nordhausen: KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora | Interview mit Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte "Mittelbau-Dora"


Zum 67. Jahrestag der Befreiung stellen Sie das Thema Sinti und Roma in den Mittelpunkt. Warum?

Es gibt dafür drei Gründe. Die Gedenktage sollten sich nicht darauf beschränken, dass wir Kränze niederlegen und Sonntagsreden hören, sondern Ziel der Gedenkstättenarbeit und der Gedenktage ist die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte. Deshalb wählen wir seit Jahren ein Thema als Schwerpunkt.
In diesem Jahr sind es die Sinti und Roma.
Warum? Weil Sinti und Roma eine Minderheit in Europa sind, die heute immer noch bzw. wieder von Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung gezeichnet ist; vor allem in Ost- und Ost-/Mitteleuropa. Und zweitens, weil Mittelbau-Dora in der Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus ein ganz zentraler Ort gewesen ist.
Nach dem sogenannten Auschwitz-Erlass Himmlers vom Dezember 1942 wurden alle im Reichsgebiet lebenden Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert. Dort sind viele in den Gaskammern erstickt worden. Im Sommer 1944 sollte das „Zigeunerlager“ dort aufgelöst, alle Insassen ermordet werden. Das klappte so nicht, weil es einen Aufstand der Sinti und Roma gab und weil es im Deutschen Reich an Arbeitskräften mangelte. So entschied man Selektionen: Alle arbeitsfähigen Sinti und Roma wurden in KZs geschickt, die nichtarbeitsfähigen – Alte und Kinder – wurden im August 1944 in den Gaskammern erstickt. Die arbeitsfähigen Frauen kamen nach Ravensbrück und fast alle Männer kamen nach „Dora“. Deshalb spielt das KZ Dora mit seinen Außenlagern Ellrich und Harzungen in den Erinnerungen der Überlebenden eine so bedeutsame Rolle.

Wieviele Sinti und Roma verloren ihr Leben im KZ Mittelbau-Dora?
Insgesamt wurden rund 1700 Sinti, darunter nur einige Roma, nach Mittelbau-Dora geschafft. Spricht man in Deutschland von Sinti und Roma, sind eigentlich nur Sinti gemeint. 171 sind in Mittelbau-Dora nachweislich ums Leben gekommen, wobei man noch etwa 19 als Dunkelziffer annimmt und es somit insgesamt wohl 200 Sinti waren.
Die niedrige Todesrate verwundert zunächst, weil ja am Vernichtungswillen der SS kein Zweifel bestand. Dass so viele überlebten, hat mit kollektiven Überlebensstrategien zu tun. Die Sinti schafften es, sich in Familienverbänden gegenseitig Schutz zu gewähren. Sie waren ja wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Familien inhaftiert im Gegensatz zu anderen Häftlingen, die aus politischen Motiven einzeln ins inhaftiert worden waren.
Die Sinti gaben sich gegenseitig Kraft, um zu überleben. Die Älteren versuchten, die Jüngeren zu schützen. Viele Sinti erhielten durch ihre Deutschkenntnisse Funktionsposten. Als Vorarbeiter oder Kapos in den Kommandos versuchten sie dann ihre Familienmitglieder in das eigene Kommando zu holen und so zu schützen.
Wir müssen uns angesichts dieser Tatsache auch davon trennen, in der Aufarbeitung die Geschichte immer nur als Geschichte des Leidens darzustellen, sondern wir müssen gerade beim Blick auf Sinti und Roma stärker dazu kommen, die Geschichte dieser Häftlingsgruppe als eine Geschichte kollektiver Überlebensstrategien, von Widerstand, Selbstbehauptung und Eigensinn einzulesen.

Zoni Weisz, Überlebender des Völkermordes, wird am 16. April zu den Gästen der Gedenkfeier sprechen. Welches Schicksal verbindet sich mit seinem Leben?
Zoni Weisz war selbst kein Häftling des KZ „Mittelbau-Dora“.
Er war 7 Jahre alt, als seine Familie in den Niederlanden im Rahmen einer landesweiten Razzia gegen Sinto von den Besatzungsbehörden festgenommen wurde. Sein Vater war ein angesehener Instrumentenbauer mit einem eigenen Geschäft. Zoni entging der Festnahme, weil er an diesem Tag eine Tante besuchte. Seine Eltern und die beiden jüngeren Geschwister wurden in das Durchgangslager Westerburg gebracht, um weiter nach Auschwitz transportiert zu werden. Zoni wurde drei Tage später mit der Tante festgenommen und sollte dem bereits fahrenden Deportationszug etwas weiter östlich zugeführt werden.
Mit anderen Festgenommenen warteten sie auf dem Bahnhof und sahen den Wagon seiner Familie, weil der Vater eine Luke mit der Jacke der kleinen Schwester zugehängt hatte. Ein niederländischer Polizist, der offensichtlich dem Untergrund angehörte, hatte dem kleinen Zoni gesagt: „Wenn ich Dir ein Zeichen gebe, dann läufst du in den Zug, der auf dem anderen Bahnsteig steht. Er, seine Tante und wahrscheinlich auch einige Angehörige sprangen in den anderen Zug und entkamen so der Deportation nach Auschwitz.
Dort wurden seine Mutter und die jüngeren Geschwister in der Nacht zum 3. August 1944 vergast. Der Vater kam als arbeitsfähig nach Dora, bzw. nach Ellrich. Dort schwanden seine Kräfte sehr schnell. Er starb am 13. November 1944. - Das ist der Mittelbau-Bezug.
Zum 27. Januar hielt Zoni Weisz im vergangenen Jahr eine sehr bewegende Rede vor dem Bundestag. Sie beeindruckte mich so sehr, dass ich ihn bat, hier auch zu sprechen. – Es ist wunderbar, dass er zugesagt hat.

Junge Freiwillige präsentieren zur Gedenkveranstaltung Auszüge aus Erinnerungsberichten. Können eine treffende Passage vorwegnehmen?
Otto Rosenberg, geboren am 28.4.1927 in Ostpreußen, muss 1936 mit seiner Großmutter ins „Zigeunerlager“ in Berlin-Marzahn ziehen und als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie arbeiten. Wegen vermeintlicher Sabotage kommt er nach Auschwitz, später über Buchenwald nach Nordhausen. Im Außenlager Ellrich-Juliushütte muss er hart arbeiten. Im April 1945 verschleppt ihn die SS mit Räumung des Lagers nach Bergen-Belsen. Britische Truppen befreien ihn am 15. April 1945.
Er kehrt nach Berlin zurück, heiratet und hat mit seiner Frau sieben Kinder (eine Tochter ist die als Sängerin bekannte Marianne Rosenberg). 1970 gründet er die Sinti-Union Berlin und wird für sein Engagement 1998 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Er stirbt am 4. Juli 2001 in Berlin.

Er erinnerte sich an die Zeit nach Dora:
„Die KZ-Nummer ließ ich durch eine Tätowierung in Hamburg unsichtbar machen. Jetzt verdeckt ein Engel diese Schande. Die Nummer hatte mich immer gestört. Die Kinder fragten ja dauernd, und so kam ich nicht zur Ruhe. Dauernd wollten sie diese Nummer sehen. Jetzt ist der Engel da, der schützt davor, dass sich all die schlimmen Dinge, die damals passierten, wiederholen.“

Zum Gedenktag eröffnet eine neue Ausstellung. Worum geht es darin?
Es geht vor allem darum, dass die rund 1800 männlichen Sinti und Roma, die das Zigeunerlager in Auschwitz überlebten, fast alle nach Dora kamen. Deshalb auch der Titel „Von Auschwitz in den Harz“ – die Geschichte der Sinti und Roma in „Mittelbau-Dora“. Außerdem machen wir das Thema Selbstbehauptung und Widerstand stark, weil die Sinti und Roma nur durch ihre kollektiven Überlebensstrategien trotz des Vernichtungsdruckes der SS zum großen Teil das Überleben gelungen ist.

Wieviele Überlebende erwarten Sie zum 67. Jahrestag? Woher kommen sie? Wer sind die ältesten?
Wir erwarten zirka 15 bis 20 ehemalige Mittelbau-Häftlinge und 30 bis 40 Buchenwald-Überlebende. Also werden rund 50 KZ-Überlebende zum Gedenken kommen: aus Europa, Australien, Israel und den USA. Der älteste Überlebende, der kommt, ist 95 Jahre alt.

Am 17. April planen Sie Kranzniederlegungen in den ehemaligen Außenlagern Ellrich und Harzungen. Welche Bedeutung hatten sie einst?
Man hat die Sinti und Roma von Dora gleich in die Außenlager weitergeleitet. Es waren sogenannte Baulager. Die meisten KZ-Häftlinge haben zur Untertageverlagerung der Rüstungsindustrie dort gearbeitet. Nach dem Vorbild des unterirdischen Raketenwerkes im Kohnstein sollten seit dem Frühjahr 1944 überall im Harz, im Zorgetal zwischen Nordhausen und Ellrich Untertageanlagen entstehen, in die Rüstungsfabriken einziehen sollten. Die sind jedoch in einem Jahr Bauzeit nie fertiggestellt worden. Auf diesen Untertagebaustellen sind die Mittelbau-Häftlinge regelrecht verschlissen worden. Zur Unterbringung der Häftlinge hat man gleich in der Nähe die Lager eingerichtet.

Wie bringt man heute jungen Menschen Erinnerung und Mahnung an damals näher?
Indem man nicht mit dem erhobenen Zeigefinger dasteht, indem man Aktualitätsbezüge herstellt und keine falschen historischen Analogien bildet, sondern indem man sich ganz dezidiert mit dem Verbrechen vor Ort auseinandersetzt und dann fragt: Wer hat das gemacht? Warum wurde das gemacht? Wer hat sich wie verhalten? Darüber lassen sich durchaus Aktualitätsbezüge herstellen. Das Ziel einer solchen Analyse ist nicht eine Form von Betroffenheit, sondern kritisches Geschichtsbewusstsein. Dass Jugendliche befähigt werden, selbstständig ein historisches Urteilsvermögen zu gewinnen. Wir wollen keine Geschichtsdeutung vorgeben, sondern zeigen, dass durch die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus und KZ-Verbrechen so etwas wie historisches Urteilsvermögen gewonnen werden kann. Und wer das hat, der hat natürlich auch ein kritisches Gegenwartsbewusstsein.
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