Helfen durch Zuhören - Ein Telefonseelsorger erzählt

Anrufer erzählen von ihren Nöten und Ängsten. Foto: TelefonSeelsorge (Foto: Foto: TelefonSeelsorge)
 

"Das größte Problem ist die Einsamkeit.“ Ein Nordthüringer arbeitet seit zwei Jahren ehrenamtlich als Telefonseelsorger und erzählt , wie ein offenes Ohr Herzen öffnen kann.

Sein weißer Blindenstock lehnt am Stuhl in dem kleinen Cafe. Lächelnd bestellt er einen Espresso, ohne auf die Karte zu schauen. Eine Augenkrankheit ließ ihn nahezu erblinden. Umso mehr vertraut er seinen Ohren. Seit zwei Jahren arbeitet der 58-jährige Nordthüringer ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge Erfurt. In dieser Zeit hat er von mehr Sorgen und Leid gehört, als in all den Lebensjahren zuvor. Er bittet, seinen Namen nicht öffentlich preiszugeben. Anonymität ist das oberste Prinzip der Telefonseelsorge. Auf beiden Seiten der Verbindung. Nur unter diesem Schutz öffnen sich die Menschen.


"Es ist ein aktives Zuhören"

Rund 20 Gespräche im Monat führt er am Sorgentelefon - und hört den Anrufern vor allem zu. Hellwach und konzentriert. „Es ist ein aktives Zuhören. Ich denke mich hinein in diesen Menschen, der ein Problem hat - vielleicht mit Alkohol, mit Mobbing, in der Partnerschaft oder wegen einer Krankheit. Ich versuche nachzuempfinden, wie er sich in der schwierigen Situation fühlt.“ Wichtig sind nicht nur die Worte, sondern auch der Tonfall des Anrufers, das Innehalten. Ein guter Zuhörer hört selbst aus der Stille etwas heraus. Und reagiert. „Denn es gibt kein zweites Mal. Ich kann das Gespräch nicht am nächsten Tag fortsetzen“, sagt er. Seine tiefe, weiche Stimme strahlt Ruhe aus.


Mit Worten Wege aus der Verzweiflung zeigen

Ist jemand psychisch krank oder steckt in finanzieller Not, lässt sich die Situation am Telefon nicht verändern - dessen ist sich auch der Seelsorger bewusst. „Aber ich kann gemeinsam mit dem Anrufer nach einer Perspektive suchen, ihm den Rücken stärken.“ Gezielt fragt er: Woher kommt das Problem? Was müsste geschehen, damit es Ihnen wieder besser geht? Wie können Sie das erreichen? „Der Betroffene soll selbst auf die Lösung kommen, ich versuche nur, ihn zu leiten.“ Das gelingt manchmal gut, manchmal weniger gut. Ist Unterstützung von außen nötig, rät er, wer weiterhelfen kann: Sozialarbeiter, Beratungsstellen, Freunde. Ansonsten ist Zurückhaltung geboten. „Nicht meine Ansichten stehen im Mittelpunkt, sondern derjenige mit den Sorgen und Ängsten. Er braucht ein offenes Ohr, keine fremde Geschichte.“


Es entsteht persönliche Nähe

Zweimal im Monat fährt er die 80 Kilometer vom Südharz ins Büro nach Erfurt für einen Tages- und einen Nachtdienst. Warum, ist schnell erklärt: „Als Frührentner wollte ich nicht einfach die Hände in den Schoß legen. Und die Seelsorge war mir als Pfarrerssohn bereits vertraut.“ Er wusste, wie belastet Menschen sein können. Ihnen zu helfen, absolvierte er die einjährige Ausbildung zum Telefonseelsorger. „Das war eine spannende Zeit, die mich enorm bereichert hat“, schätzt er heute ein. Es ging um Gesprächsführung und um Themen wie Trauer, Tod, Sucht, Partnerschaft, Gewalt und Suizid, aber auch um Selbsterfahrung. „Denn nur wer sich selber kennt, findet den Zugang zur Gefühlswelt anderer.“ Er ist dankbar dafür, dass ihm das gelingt. „In vielen Gesprächen entsteht eine besondere persönliche Nähe. Diese Offenheit, mit der mich die Menschen beschenken, treibt mich an.“

"Ich kann abgeben an Gott"
Die Inhalte der Telefonate wandeln sich, so wie die Gesellschaft selbst. Heute sind auch die Flüchtlingsströme ein Thema. „Das größte Problem aber ist und bleibt die Einsamkeit“, resümiert der Mann, der selbst drei Kinder und drei Enkel hat. Einzelschicksale verrät er nicht, alles Besprochene bleibt vertraulich. „Sie machen sich keine Vorstellung, was wir alles hören. Das ist mitunter hammerhart.“ Er fühlt mit - und darf sich dennoch nicht damit belasten. „Wir können jederzeit mit unserer Leiterin reden, außerdem treffen wir uns monatlich zur Supervision, um in der Gruppe Themen aufzuarbeiten.“ Am meisten aber hilft ihm sein Glaube. „Ich bin Christ. Ich kann abgeben an Gott und weiß, dass er Lasten, Leid und Not mitträgt und auch mich entlastet.“

Mehr zum Thema:Interview mit Uta Milosevic, Leiterin und das Gesicht der TelefonSeelsorge Erfurt


Hintergrund

- Die bundesweiten Rufnummern der TelefonSeelsorge lauten 08 00 / 111 0 111 und 0800 111 0 222. Das Sorgentelefon ist anonym, rund um die Uhr erreichbar und kostenlos. In Thüringen gibt es drei Stellen: in Jena, Gera und in Erfurt.

- Die TelefonSeelsorge Erfurt sucht nach neuen Helfern. Ein Ausbildungskurs startet im Januar. Auskunft erteilt Leiterin Uta Milosevic unter Telefon 0361/5621620 oder per E-Mail: telefonseelsorge.ef@t-online.de.

- Wer die Arbeit der Telefonseelsorger unterstützen möchte, kann Spenden: Ökumenische Telefonseelsorge Erfurt e.V., IBAN DE63 3706 0193 5002 4240 12, BIC GENODED1PAX, Pax-Bank Erfurt eG
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