Versuch‘s mal mit Gefühl: Plädoyer für eine Hundeerziehung ohne Druck und Zwang

Die Deutsche Dogge Isa und der Golden Retriever Boris gehören zu den Hunden, die Nicole Gerwig in ihrer Hundeschule in Trebra (Hohenstein) betreut.
  Hohenstein: Hundeschule |

Platz! Sitz! Aus! Ist das wichtig für die Hundeerziehung? Absolut nicht, sagt Trainerin Nicole Gerwig. Es kommt vor allem auf Geduld und Fürsorge an.

Der Hund ist der beste Freund des Menschen. Aber ist der Mensch auch der beste Freund des Hundes? Hundetrainerin Nicole Gerwig hat da ihre Zweifel, wenn sie die überalterten Erziehungsmethoden vieler Zweibeiner beobachtet. Statt den Hund mit Freundlichkeit und Respekt zu behandeln, wird er allzu oft zum Befehlsempfänger degradiert. Es wird kommandiert statt kommuniziert.
„Im Moment haben wir eine dramatische Entwicklung in der Hundeerziehung.
Diese basiert zunehmend auf Zwang, Druck, Kontrolle und Angst“, schildert die Thüringerin ihre Beobachtung. Den Hund unterwerfen zu wollen, sei nach heutigem Wissensstand genau der falsche Weg. Strafen und Zwang führen zu Aggressivität und Angst. Dabei wäre es so einfach und völlig problemlos,
mit Hunden in unserer Mitte zu leben.

Frau Gerwig, was läuft in der Hundeerziehung Ihrer Meinung nach falsch?
Viele Menschen halten am alten Irrtum fest, in der Beziehung von Mensch und Hund gehe es vor allem um die Rangordnung. Nach der Devise: Einer muss das Sagen haben. Eben nicht! Dieses Modell funktioniert aus mehreren Gründen nicht. Zum einen kann sich eine Rangordnung immer nur innerhalb einer Tierart ­bilden. Hunde wissen aber, dass wir keine Hunde sind. Also klappt das nicht. Zum anderen basiert der Irrtum auf Beobachtungen von Gehegewölfen. Diese leben aber nicht unter natürlichen Bedingungen.

Gibt es inzwischen neuere Studien?

Ja, zum Beispiel vom amerikanischen Wolfsforscher David Mech, der ausschließlich das Verhalten frei lebender Wölfe studiert hat. Er sagt, dass es unter ­Wölfen gar kein Alphatier gibt. Vielmehr herrscht die klassische Aufteilung wie in einer Menschenfamilie. Die Eltern übernehmen die Führung. Sie ziehen die Jungen zu überlebensfähigen Wölfen auf, zeigen, wie das Leben funktioniert. Der Forscher widerlegt auch die Annahme, Wölfe würden miteinander unterdrückend und aggressiv umgehen. Das Gegenteil ist der Fall: Sie sind liebevoll und geduldig.

Was heißt das in Bezug auf den Hund?
Lassen wir Hunde, wie sie sind, ohne sie zu unterdrücken. Dann gehen sie äußerst liebevoll und fürsorglich miteinander um, sind extrem geduldig. Das betrifft auch die Beziehung zu anderen Tierarten und zu uns Menschen.

Die bekannten Rangordnungsregeln aber halten sich hartnäckig.

Leider, dabei haben sie keinen Sinn. Der Hund darf nicht in erhöhter Position liegen, darf nicht zuerst essen, nicht zuerst durch die Tür gehen – das wurde jahrelang gelehrt. Solche Regeln sind vom heutigen Wissensstand her schlichtweg falsch, sie provo­zieren erst recht Probleme mit dem Hund. Es gibt im Hundetraining viele extreme Strömungen – von Hau drauf! bis Tutschi-Tutschi. Wir sollten wieder zum normalen Umgang mit den Hunden zurückfinden.

Wo liegt Ihrer Meinung nach das größte Problem?
Momentan basiert die Hunde­erziehung vor allem auf Zwang, Druck und Angst. Es wird mit Schreckreizen gearbeitet. Das Ergebnis sind Hunde, die kein normales Sozialverhalten mehr zeigen, die unter Ängsten leiden, aggressiv werden oder apathisch. Durch Bestrafung kann ein Hund nicht lernen. Bellt er zum Beispiel aus Angst und ich zerre an der Leine und brülle ihn an, stellt er zwar das Verhalten ab, hat aber immer noch Angst. Er lernt nicht, wie er sich anders verhalten kann. Im Gegenteil, durch die Bestrafung fühlt er sich beim nächsten Mal noch schlechter in dieser Situation, mit der er eh nicht klarkommt.

Kann ein Hund zuordnen, wofür er bestraft wird?
Egal wie ich ihn bestrafe, es besteht immer die Gefahr, dass er Fehlverknüpfungen bildet, dass er alles in dieser Situation mit der Strafe verbindet – und sei es das Kind, das gerade vorbeikommt. Außerdem ist es auch eine Art Vertrauensbruch, wenn ich – seine engste Bezugsperson – ihn bestrafe.

Dabei ist der Besitzer doch das Vorbild für den Hund.

Natürlich, an wem sonst soll sich ein Hund orientieren? Das ist das Problem. Immer wenn ich strafe, vollziehe ich eine aggressive Handlung. Der Hund lernt: Aha, so verhält man sich, aggressiv soll ich sein. Zwei Beispiele: Wenn ein Welpe neugierig auf Menschen zuläuft und ich ihn ein paar Mal derb zurückziehe, muss ich mich nicht wundern, dass er irgendwann aggressiv auf Passanten reagiert. Und wenn ich wilde Rauf- und Wurfspiele mit ihm mache, wird er auch dem nächsten Jogger oder Radfahrer hinterherjagen.

Was ist für ein gutes Training wichtig?

Ich muss wissen, in welcher Lernphase sich mein Hund befindet. Einen Welpen trainiert man anders als einen fünfjährigen Hund. Ich muss das Ausdrucksverhalten des Hundes verstehen und erkennen: Wann hat er Stress? Wann zeigt er Beschwichtigungssignale? Dann kann ich ihm helfend zur Seite stehen, ihm einfach die Welt erklären und ihn auch selbst erfahren lassen.

Was zeichnet ein gutes Herrchen oder Frauchen aus?

In erster Linie Geduld. Es muss nicht alles sofort klappen. Vom 5-jährigen Kind erwarten wir ja auch keine Abiturleistung. Wichtig ist der Respekt vor diesem Individuum und ein gutes Bauchgefühl. Wie geht es meinem Hund gerade? Kann ich ihn unterstützen, vielleicht aus dieser Situation herausholen? Hunde sind wie offene Bücher. Wir müssen sie nur beobachten. Mein Rat: Sei einfach ein guter Freund. Behandle den Hund mit Freundlichkeit und Respekt und genauso wird er sich gegenüber anderen Tieren und Menschen verhalten.
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