Welttag des Stotterns: Wenn der Redefluss in Stocken gerät

Logopädin Andrea Bischoff therapiert Redeflussstörungen am LoEgo Therapiezentrum für Logopädie in Nordhausen.
Was tun, wenn der Redefluss ins Stocken gerät? In Deutschland stottern 800.000 Menschen, ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Bereits bei Kleinkindern kann die Redeflussstörung behandelt werden. Diagnostiziert und therapiert wird Stottern in Deutschland unter anderem von Logopäden wie Andrea Bischoff, die am LoEgo Therapiezentrum für Logopädie in Nordhausen tätig ist. Im Interview mit Sandra Arm sprach die 30-Jährige über Momente des Stotterns, Wundermethoden und dem großen Defizit am Wissen über das Stottern.

Frau Bischoff, gibt es bei Ihnen Situationen, in denen Sie ins Stottern geraten?
Andrea Bischoff: Ja, die gibt es auch. Wenn ich viel therapiert habe, merke ich es. Ich stottere viel mit, das habe ich in der Ausbildung und diversen Weiterbildungen so gelernt. Im Gespräch mit den Kollegen oder im Alltag gerate ich auch selbst mal ins Stottern. Die meisten Menschen stottern gelegentlich, zum Beispiel in stressigen Situationen oder wenn man sehr schnell spricht - das kennen wir alle.

Wie kommen Sie dann wieder in ihren normalen Sprechrhythmus zurück?
Bischoff: Das normalisiert sich eigentlich von ganz allein. Für mich ist wichtig, dass ich mich nach den Therapiestunden ein bisschen entspanne und mir eine Pause gönne. Entweder ich trinke einen Tee oder gehe auch mal spazieren. Danach kann es weitergehen!

Was hilft bei stotternden Menschen?
Bischoff: Diese Menschen sollten so früh wie möglich zu ihrem Kinder- oder Hausarzt gehen, anschließend einen Logopäden aufsuchen und sich beraten lassen. Wenn der Arzt sagt, es liegt nichts vor, dann sind wir angehalten, keine Therapie durchzuführen. Wir müssen auf Geheiß der Ärzte reagieren.

Liegt etwas vor, dann arbeiten wir mit den Patienten langfristig zusammen. Die Therapie ist mehrdimensional aufgebaut. Zu Beginn steht das Beratungsgespräch zwischen dem Patient und dem Therapeuten. Jede Therapie ist individuell auf den Patienten zugeschnitten. Es gibt zur Behandlung mehrere Techniken, ich suche den jeweils besten Ansatz heraus. Wir arbeiten sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen zum Beispiel an der Atmung, am Stottern direkt, dem Abbau der Begleitsympotome und wenn nötig an der Artikulation. Stottern kostet und fordert Zeit, die wir uns auch nehmen.

Langfristig bedeutet auch, dass wir die Patienten nach der Therapie weiter in ihrem Alltag begleiten und auch in-Vivo-Training durchführen, das heißt erarbeitete Techniken werden in alltäglichen Situationen gefestigt. Nach Abschluss der Therapie erkunde ich mich regelmäßig nach den Fortschritten der Patienten und wenn nötig, vereinbaren wir erneut einen Gesprächstermin.

Wie lange dauert eine Therapie?
Bischoff: Das ist sehr unterschiedlich. Bei Kindern führe ich meist nach Bedarf ein, zwei oder drei Verordnungen durch. Eine Verordnung entspricht zehn Therapiestunden. Danach gönne ich den jungen Patienten eine Pause, um das Gelernte im Alltag zu übertragen und um zu sehen, wie sie und auch die Eltern damit zurechtkommen. Während dieser Phase telefoniere ich auch mit den Eltern, um zu hören, ob es Fortschritte gibt oder ob das Kind in die alten Gewohnheiten zurück gefallen ist.

Bei Erwachsenen dauert eine Behandlung meist mehrere Monate, weil sie bereits über einen längeren Zeitraum stottern und es dadurch länger dauert, die Sprechgewohnheit zu ändern und Begleitsymptome abzubauen. Nicht nur die Arbeit mit dem Patienten in den Sitzungen ist wichtig. Zuhause soll das Gelernte durch Übungen weiter stabilisieren werden.

Erfolg versprechen auch andere Stottertherapien wie zum Beispiel Del Ferro. Wie seriös sind die sogenannten Wundermethoden?
Bischoff: Die Methode verspricht schnell Erfolg, sie funktioniert aber nur eine gewisse Zeit. Ich bin seit sieben Jahren Logopädin, in denen ich drei Patienten hatte, die bei Del Ferro in Behandlung waren. Sie sagten mir, dass die zehn Tage Therapie toll waren und sie danach weitestgehend stotter frei wären. Das ging ein, zwei Monate gut, danach fielen sie wieder in ihre alten Gewohnheiten zurück.

Man sollte bei Methoden, die sehr teuer sind und nicht von der Krankenkasse übernommen werden, sehr vorsichtig sein!

Warum ist das Defizit am Wissen über Stottern heute immer noch so groß?
Bischoff: Oft wählen stotternde Menschen einen unauffälligen Beruf, in dem das Sprechen nicht im Vordergrund steht. Viele schämen sich und sprechen ungern über ihre Probleme. Stottern wird in der Gesellschaft oft tabuisiert. Früher wurde es als Krankheit abgestempelt, die mit Intelligenzminderung einhergeht. Das stimmt nicht! Menschen, die stottern, sind intelligent und ganz normal. In dem Moment, wo sie etwas sagen wollen, verlieren sie die Kontrolle über ihre Sprechwerkzeuge und der Redefluss wird unterbrochen.

Es gibt einfach auch zu wenig berühmte Persönlichkeiten, die stottern und das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Auch in den Medien wird kaum Aufklärung betrieben, sei es durch die Begleitung eines Patienten bei seiner Therapie, im Alltag wie beispielsweise bei einem Bewerbungsgespräch oder im Beruf. Unbedingt brauche man darum so etwas wie den Welttag des Stotterns, um aufzuklären.

Wie soll ich mich gegenüber Stotternden verhalten?
Bischoff: Ich sage immer: Es sind ganz normale Menschen, die auch normal behandelt werden sollen. Ich verhalte mich ihnen gegenüber genauso wie den Menschen, die nicht stottern! Es gibt auch Leute, die es lustig finden, wenn jemand stottert. Das ist für das Gegenüber kein schönes Gefühl. Besser ist es, offen auf die Person zuzugehen und das Gespräch zu suchen.

Ebenso ist dem Stotterer nicht dabei geholfen, wenn man mit ihm langsam spricht. Er denkt dann womöglich, „mein Gegenüber hält mich für dumm“. Das Beste ist, Störfaktoren wie Radio oder Fernseher auszuschalten, um sich zu unterhalten. Sitzt man in einer größeren Gruppe zusammen, in der alle auf einmal sprechen, ist es hilfreich, wenn einer das Wort ergreift und die Gruppe auffordert, dass einer nach dem anderen spricht.
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