Ab morgen bin ich Kapitän: Thüringer üben für den Sportbootführerschein auf der Bleilochtalsperre

Die Einweisung vor dem ersten Start.
 
Kurs halten: Der Kompass gibt die Richtung vor.
Saalburg-Ebersdorf: Kloster |

Manövrieren, navigieren, peilen, Knoten stecken: Fahrschüler üben auf dem Bleilochstausee für den Bootsführerschein. Um bei der Prüfung nicht baden zu gehen, müssen sie vorab auch jede Menge Theorie büffeln.

Schon in der ersten Fahrstunde auf der Bleilochtalsperre passiert das Schreckens­szenario. „Mensch über Bord an Backbord!“ ruft Fahrlehrer Torsten Koch und feuert mit kühnem Schwung den Rettungsring ins Wasser. Ein Menschenleben ist in Gefahr. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Gas wegnehmen, auskuppeln, Heck ­wegdrehen – so wie es im Lehrbuch steht. „Sehr gut“, lobt Koch und beobachtet, wie sein Fahrschüler das Motorboot im großen Bogen wendet. Wie er gegen den Wind direkt auf den orange leuchtenden Ring zusteuert. Der Ausbilder macht sich bereit, den „Verunglückten“ aufzunehmen, und fordert: „Bring das Boot jetzt zum Stehen!“ Seeleute sind per Du. Doch dann ein Patzer. Statt auf dem letzten Stück die Schraube auszukuppeln, legt der angehende Freizeitkapitän zum Stoppen den Rückwärtsgang ein. Ein gefährlicher Fehler! Die Schiffsschraube könnte den im Wasser Treibenden verletzen. Bloß gut, dass hier nicht wirklich ein Mensch auf Hilfe hofft. Es ist nur eine Simulation. Dennoch wird das Rettungsmanöver wiederholt. Es muss sitzen. In einer Woche ist Prüfung für den Sportbootführerschein.

Eine Menge Lernstoff

Auf dem Wasser ist es wie auf der Straße: Wer sich mit Motorkraft ­fortbewegen möchte, braucht eine Fahrerlaubnis. „Ein Bootsführer muss die Regeln im Schifffahrtsverkehr beherrschen und vorausschauend fahren“, bekräftigt Torsten Koch. Auf der Straße könne man mal eben rechts ranfahren. Auf dem Wasser gehe das nicht. Der 36-jährige Wassersport-Enthusiast betreibt in Magdala eine Bootsfahrschule. Insgesamt gibt es in Thüringen etwa zehn. Sie schulen die Führerscheinanwärter zu Vorfahrtsregeln und Verkehrsschildern, Schallsignalen und Positionslichtern. Eine Menge Stoff. Man muss sich auf jeden Fall zusätzlich hinsetzen und zwei, drei Wochen intensiv lernen, um prüfungsfit zu sein. Und das ist keineswegs Seemannsgarn. Die Prüfungskommission reist eigens aus Hamburg oder Leipzig an. Von Hunderten möglichen Fragen werden letztendlich 30 gestellt. Diese sind per Auswahlkreuz zu beantworten.

Mit Seekarte und Kompass

„Vor allem die ­Navigation hat es in sich, die sollte man nicht ­unterschätzen“, rät Torsten Koch. Mit Kurs­dreieck, Stechzirkel und Bleistift müssen die Teilnehmer auf Seekarten Kurse berechnen, Standorte bestimmen, Geschwindigkeiten ermitteln. Ganz ohne Taschenrechner. Da muss man schon altes Schulwissen reanimieren, bis es wieder klappt mit der Formelumstellung und der schriftlichen Division. Hinzu kommen nautische Wortungetüme – wie rechtweisender oder missweisender Kurs, die Bezug zum geografischen beziehungsweise ­magnetischen Nordpol nehmen. Oder der Besteckversatz, der rein gar nichts mit Messer und Gabel zu tun hat, umso mehr aber mit dem Navigationsbesteck. Doch die Aussicht, mit dem Bootsführerschein See schon bald raus aufs Meer und über die Wellen zu düsen, beflügelt ungemein.

Dem Heimathafen ganz nah

Bevor es soweit ist, üben die Skipper in spe auf der Bleilochtalsperre in Ost­thüringen. Deutschlands größter Stausee ist zugleich ein beliebtes Prüfungsgewässer. Auch Torsten Koch bezieht am Ufer sein Sommer­domizil. Im Winter arbeitet er als Programmierer und Fahrlehrer für die Straße. „Aber sobald die Sonne höher steigt, zieht es mich ins Kloster“, bekennt er fröhlich und erklärt: „Kloster, so heißt der Ortsteil von Saalburg, auf dessen Zeltplatz der Wohnwagen meiner kleinen Familie steht.“ Hier ist er dem Wasser ganz nah – und dem Heimathafen seiner zwei Fahrschulboote.

Jedes Manöver muss sitzen

„Stechen wir zur praktischen Ausbildung in See, sitzt der Fahrer meist das allererste Mal im Leben am Steuer eines Motorbootes“, erzählt er. Ganz klar, dass nicht jedes Manöver auf Anhieb gelingt. Ablegen, Peilen, Aufstoppen, Wenden, Anlegen – alles wird mehrmals trainiert. Genau wie die Seemannsknoten, deren Namen fast so knifflig sind wie das ­Binden der Seile selbst: Palstek, Stopperstek, Webleinstek. Sechs von neun Knoten will der Prüfer sehen. Und natürlich auch das Rettungsmanöver. „Darum üben wir es jetzt zum Abschluss noch einmal“, motiviert der Ausbilder und wirft den Rettungsring über Bord. Dem Missgeschick vom Anfang kann er durchaus Gutes abgewinnen: „Ich freue mich über jeden Fehler, den ihr heute macht. Der passiert euch garantiert nicht nochmal in der Prüfung.“ Torsten Koch vertraut auf den Lerneffekt.


Hintergrund

• Mit dem Sportbootführerschein See können alle Seegewässer der Welt befahren werden.
• Die Gesetze variieren von Land zu Land. In Kroatien zum Beispiel besteht generelle Führerscheinpflicht, in Deutschland ab einer Motorleistung von 15 PS.
• Für Binnenwasserstraßen ist der Sportbootführerschein Binnen erforderlich.
• Einige Vorschriften für See und Binnen unterscheiden sich.
• Für große Boote empfiehlt sich eine Funkausbildung und ein ­Pyroschein für Seenotsignale.
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