Der Samba erobert Thüringen: Trommelgruppen treten am 10. Januar in Kannawurf gemeinsam auf

  Pößneck: ... |

"Reden, klatschen, laufen. Reden, klatschen, laufen." Der Kreis betet diese Worte vor sich hin wie ein Mantra. Tatsächlich ist es nicht einfach, diese drei unterschiedlichen Handlungen, die das Gehirn vereinen muss, eine Zeitlang durchzuhalten, denn das Klatschen geht gegen den Rhythmus und nebenbei muss man noch nach links oder rechts laufen und den Namen des Rhytmhus' richtig aussprechen. Wer den Kreis beobachtet, ahnt nicht, dass hier in den nächsten Minuten die Post abgeht und man ohne Gehörschutz nicht im Raum bleiben sollte.

Eine junge Frau löst sich aus der Gruppe und stellt sich als Sue Bähring vor. Sie leitet die Sambagruppe in Weimar und ist dabei, in Pößneck eine neue zu installieren. "Der Klatschkreis ist ein wichtiger Bestandteil des Anfängerkurses, weil das Gehirn lernen muss, verschiedene Trommelrhythmen und Handlungen zu koordinieren, ", erklärt sie. Die Trommler agieren ohne Noten und reagieren lediglich auf Handzeichen des musikalischen Leiters.

Rhythmus im Blut


Wenige Minuten später schnallen sich die Männer, Frauen und Kinder die Instrumente um. Sue Bähring erklärt die wichtigsten: "Surdo ist eine Trommel mit sehr dunklen Bässen, die den Takt vorgibt. Sie ist der Puls der Bateria - der Trommelgruppe." Die Tempohalter im Mittelfrequenzbereich nennen sich Caixa. Sie spielen nach vorn und sollen die Leute zum Tanzen animieren. Als Signalinstrument dient die Repinique, für die Melodie ist Agojo verantwortlich. Wer Tamborin spielt, steht in der Gruppe immer vorn, weil es sehr hart und hochfrequent klingt. "Der Shaker ist eines der lautesten Instrumente der Karnevalsbateria", schließt Sue Bähring ihren kleinen Fachvortrag.

Gemeinsam trommeln, gemeinsam Spaß haben


Die Trommelgruppen, die nach und nach in Thüringen etabliert oder wiederbelebt werden, nennen sich "Escola Popular" und sind ein seit 20 Jahren von der evangelischen Kirche forciertes Projekt, um jungen Menschen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu ermöglichen. Der Akzent liegt deshalb nicht auf verbissenem Lernen, sondern darauf, gemeinsam Spaß zu haben.
"Unsere Arbeit orientiert sich an den Sambaschulen in Rio de Janeiro, die auch den Karneval ausrichten", erklärt Kursleiterin Bähring. Neue Mitglieder sind herzlich willkommen. Wer mitmachen will, muss keiner Konfession angehören. Die Gruppen öffnen sich auch für Flüchtlinge, um diese besser in die Gesellschaft zu integrieren. "Uns geht es darum, andere Kulturen kennenzulernen, Vorurteile abzubauen und andere Menschen zu respektieren."
Um das Zwischenmenschliche geht es den Trommelgruppen auch, wenn sie an Demonstrationen teilnehmen. "Die Musik entfaltet deeskalierende Wirkung", weiß Sue Bähring.

Sue Bähring: "Manche sind weit weniger grobmotorig als gedacht"


Der Erfolg stelle sich bei Neueinsteigern recht schnell ein. "Schon in der ersten Stunde lerne ich, mit meinen Händen umzugehen, Rhythmusgefühl zu entwickeln. Viele staunen, wenn sie spüren, dass sie in Wahrheit gar nicht so grobmotorig sind, wie sie bisher dachten", sagt Bähring und lacht: "Man wird auch geduldiger und toleranter mit sich selbst, wenn man sieht, dass es beim Nebenmann auch nicht sofort klappt."


Hintergrund:
Samba ist ein Musikstil aus Brasilien, der in den Armenvierteln entstand. Die Musik erzählt von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Escola Popular nutzt die Energie, um durch gemeinsames Trommeln Gemeinschaft zu schaffen. Auf Originalinstrumenten werden Rhythmus, Groove, Instrumentaltechnik und Zusammenspiel erlernt. Die Instrumente werden gestellt.
Die Escola Popular ist eine internationale evangelische Capoeira (Kampftanz)- und Sambaschule und Teil der Bildungsarbeit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie interpretiert Kirchenlieder neu, gestaltet Schulprojekte, Konzerte, Auftritte, Gottesdienste und baut lokale Gruppen auf. Sie will das gesellschaftliche Leben mitgestalten und Brücken zwischen Kulturen bauen.
Kontakt Escola Popular der EKM: Hans-Jürgen Neumann, 0171/8395902

www.escola-popular.de

Termin: Die Trommelgruppen treten am 10. Januar zum ersten Faschingsumzug Thüringens, in Kannawurf, gemeinsam auf.
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1 Kommentar
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Renate Jung aus Erfurt | 11.12.2014 | 00:27  
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