Besser spät als nie: Der Ostthüringer Maler Ralf Schlegel weiß jetzt, was er wirklich will

Ralf Schlegel inmitten seiner Bilder.
 
An das Bild mit den Berliner Motiven legt er noch letzte Hand an, dann kann es hinter Glas.
Pößneck: ... |

Ralf Schlegel ist ein fleißiger Mann, in dem aber auch ein Künstler steckt. Nur durch eine Krankheit findet er die Kraft, das zu tun, was er wirklich will.

So wie sich der Mensch fühlt, so sieht seine Wohnung aus, hat mal jemand gesagt. Das trifft wohl auch auf Ralf Schlegel aus Ostthüringen zu. Der 44-Jährige wohnt in einem hübschen schmalen Haus mit Holztreppen, Blick auf Pößnecks Hanglagen und einem Charme, den ein Bau aus Glas und Stein niemals ausströmen wird. Die Wohnung ist klar strukturiert, praktisch eingerichtet, ohne viel Schnickschnack - ganz so wie er selbst: Klare Strukturen, offen und ehrlich - das spürt man.
Künstlern unterstellt man gern ein liebenswertes Chaos - und nimmt vielleicht deshalb nicht gleich wahr, dass der hochgewachsene schlanke Mann dieser Gruppe zuzuordnen ist. Ralf Schlegel malt Bilder mit Pastellkreide. Seine Motive hängen hinter Glas, damit die Kreide sich nicht abträgt. Kunstvoll umgesetzte Gebäude im Wohnzimmer, bemerkenswerte Porträts im Schlafzimmer über dem Bett. Die Bilder zeigen Schlegel in einer offenbar schwierigen Lebensphase. Als der Künstler zu Tee und Plätzchen bittet und man ins Plaudern kommt, passt plötzlich alles zusammen. Schlegels Leben war nicht immer so aufgeräumt und durchstrukturiert. Es gab viele Irrwege. Eine lange Suche nach etwas, das ihn ausfüllt. Dabei hatte in seiner Heimatstadt Jena alles verheißungsvoll begonnen.
"Künstlerisch geprägt hat mich eine Dozentin an der Volkskunstschule, die ich bis zur 10. Klasse besuchen durfte", erzählt Schlegel. "Sie hieß Fräulein Walter, war Malerin und stammte aus Weimar. Silhouetten, Farben, Fantasiemalerei - ich lernte unheimlich viel von ihr."

Nach der Schule ist Schluss mit lustig, der Ernst des Lebens beginnt

Doch nach der Schule ist Schluss mit lustig. Schlegels Eltern verlangen, dass der Junge einen ordentlichen Beruf lernt. "Elektromonteur war nun überhaupt nicht mein Ding, aber ich beendete die Ausbildung meinen Eltern zuliebe."
Nach der Wende werden die Karten neu gemischt und wie viele Altersgenossen orientiert sich auch Ralf Schlegel um. "Ich arbeitete als Zivi in einem Pflegeheim. Diese Zeit hat mich sehr geprägt, doch irgendwann wollte ich dem Tod nicht mehr so nah sein." Schlegel kommt als ABM-Kraft in einer Tischlerei unter. "Endlich durfte ich wieder kreativ sein. Ich wurde Schaufensterdekorateur. In der DDR ein Traumjob, nach der Wende ein Beruf ohne Zukunftsaussichten."
Wieder alles auf Anfang. Ralf Schlegel absolviert ein Praktikum bei Zeiss. "Am letzten Tag stand ich mit einem Vertreter im Fahrstuhl. Noch bevor wir unten waren, hatte ich einen neuen Job."
Schlegel studiert Grafik, arbeitet 16 Jahre lang als Lithograf, erstellt Druckvorlagen für Keramik, bildet Mediengestalter aus. Er lernt seine Frau kennen, wird mehrfach Vater. Alles ist bestens und doch hat er das beklemmende Gefühl, dass in seinem Leben etwas fehlt.

Ich ließ alles los: meinen Beruf, meine Familie, mich selbst


Bis es zum Zusammenbruch kommt. Burnout, zweimal hintereinander.
"Ich ließ alles los: meinen Beruf, meine Familie, mich selbst. In der Klinik hatte ich viel Zeit zum Nachdenken." Oft hatte er seinem Schwiegervater beim Malen zugesehen, mit ihm Ausstellungen besucht und viel über Maler gelernt. "Ich empfand Sympathie für die Bilder von Alfred Ahner, die mit Pastellkreide gemalt waren. Sie waren so lebendig." Dass davon bei Schlegel etwas hängenblieb, wird ihm plötzlich bewusst und er greift selbst zur Kreide. "Auf einmal wusste ich, was mir die ganze Zeit gefehlt hat und was ich wirklich will. Das war unglaublich", erinnert sich Ralf Schlegel.
Die Stadien seiner Krankheit hält er in Selbstbildnissen fest und findet auch sonst seinen eigenen Stil. Schlegels Bilder sind stimmungsvoll, manchmal auch mystisch. "Mich faszinieren alte Häuser. Ihr Charme, ihre Morbidität. Eine Bierflasche, die man durch kaputte Fenster sehen kann, Staub, Spinnweben - das mag ich."
Pößneck mit seinen Hängen und alten Gebäuden findet er inspirierend. "Manchmal sitze ich stundenlang in der Stadt und male", verrät Schlegel. Von seiner Kunst könnte er nicht leben, das ist ihm bewusst. Bis jetzt reicht es nur für Ausstellungen. Doch Ralf Schlegel ist voller Ideen und Visionen. "In fünf bis zehn Jahren will ich etwas aufgebaut haben", sagt er und sieht sehr entschlossen aus.

Zur Sache:
Ausstellungen im März (Foyer der Thüringen-Kliniken „Georgius Agricola“ GmbH) und September (Kirche Pößneck).
Kontakt via E-Mail: rs_01@t-online.de
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4 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 04.02.2016 | 19:47  
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Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 04.02.2016 | 20:54  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 06.02.2016 | 11:23  
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Renate Jung aus Erfurt | 07.02.2016 | 02:21  
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