Dampfloknostalgie: Die "Bergkönigin" zieht tausende Bahnliebhaber in ihren Bann

Die Bergkönig vom Typ 95 027 schnauft durch den Thüringer Wald. Hier in der Höhe von Ernstthal. Foto: Andreas Abendroth
 
Blick in den Führerstand der "Bergkönigin". Foto: Andreas Abendroth
Harte Arbeit auf der Bergkönigin

Die „Alte Dame“ zieht Tausende in ihren Bann / Bahnnostalgie hautnah erlebt

von Andreas Abendroth

NEUHAUS AM RENNWEG/ARNSTADT. Schnaufend taucht das schwarze Dampfross in meinem Blickfeld auf, rollt in den Bahnhof von Lauscha ein. Vor hunderten Zuschauern und vor mir steht sie, die legendäre Bergkönigin vom Typ 95 027. „Die Bergkönigin ist da“, schwärmt auch neben mir ein älterer Eisenbahnfan im Outfit von 1913.
Grund für diesen außergewöhnlichen Besuch ist das 100jährige Bestehen der Eisenbahnlinie nach Neuhaus am Rennweg. Von Lauscha aus, wird es über Ernstthal, wie vor Jahrzehnten zum höchstgelegenen Bahnhof Thüringens gehen. Und ich werde für die nächsten vierzig Minuten zu Gast auf dem Führerstand sein.

Mit „Komm hoch“, werde ich von Lokführer Andreas begrüßt. Neben ihm sind noch Heizer Michael und zur Unterstützung Henri an Bord. Ich blicke auf unzählige Hebel, Hähne, Manometer und eine große Ölkanne. Es riecht nach Öl und Kohle.
Viel Zeit zur Unterhaltung und Erläuterungen bleibt nicht, die Eisenbahner haben gut zu tun. „Wir wollen pünktlich in Neuhaus einrollen“, so die Devise. Zunächst muss die Lok umgekuppelt werden. Ein Vorgang, den ich noch mehrfach erleben werde. Dann ertönt das Abfahrtssignal. Lokführer Andreas lässt die Dampfpfeife mehrmals ertönen. Auf dem Bahnsteig spielt eine Kapelle, die Ausfahrt wird von jubelnden Menschen begleitet.

Entlang der Strecke kommen Hobbyfotografen und Eisenbahnnostalgiker auf ihre Kosten. Menschentrauben säumen trotz Regen die Strecke, winken der Lokbesatzung und den Mitfahrern in den vier historischen Wagen zu.

Immer wieder drehen die Männer an Handrädern, betätigen Hebel. Dann nimmt Heizer Michael die große Schippe zur Hand. Wie automatisieret schaufelt er die Steinkohle und im gleichen Takt öffnet sich jedes Mal die Feuertür, lässt einen Blick auf das glühende Innere des Feuerrostes zu. Schnaufend macht die Bergkönigin ihrem Namen alle Ehre, zieht die Wagen die Steilstrecke hinauf nach Neuhaus. Während die Eisenbahner sich um die Lok, die Signale und Tunneldurchfahrten kümmern, versuche ich Momente mit meiner Kamera festzuhalten.

Wie viel Arbeit zum Betrieb einer Dampflok notwendig ist, erläutert mir später Hans Friedrich. Der 74jährige Eisenbahner hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt. Über 42 Jahre stand er auf dem Führerstand verschiedenster Lokomotiven. Heute bildet das „Urgestein“ noch Kesselwärter und Lokführer aus. „Es sind viele Arbeiten notwendig, bis eine Dampflok einsatzbereit ist. Allein das Anheizen einer Lok, wie der 95 027, dauert rund fünf Stunden. Zunächst wird mit Holz vorgefeuert, später der Rost mit Steinkohle gleichmäßig beschickt“, berichtet der Fachmann.
Die Regler, Dichtigkeit der Ventile und Wasserstandsanzeigen müssen überprüft werden. Mit Ölkanne und Ölspritze ausgerüstet, muss die Lok an vorgegebenen Stellen abgeölt werden. Auch die Brennstoffvorräte sowie die Sandkästen werden kontrolliert.
Von Hans Friedrich erfahre ich auch, dass eine Dampflok nach rund 30 Betriebstagen zur Wartung muss und dass derzeit eine Tonne Steinkohle 320 Euro kostet. Dann ertönt das Signal einer Dampflok. Die Parade der Lokomotiven auf der Drehscheibe im historischen Bahnbetriebswerk Arnstadt hat begonnen. Und das gehört der Eisenbahner natürlich auf den Führerstand einer Dampflok.

INFOS:
- Die Bergkönigin 95 027 wurde 1926 von Hanomag in Hannover gefertigt.
- Die Baureihe 95 wurde speziell für Bergstrecken gebaut und war bis in die 80er Jahre bei der Deutschen Reichsbahn im Thüringer Wald im Einsatz.
- Durch die hohe Reibungslast von 95,3 t könne extrem Steigungen bewältig, mit Hilfe der Riggenbach-Gegendruckbremse lange Talfahrten sicher erfolgen.
- Die 95 027 ist derzeit bei der AG Rübelandbahn im Harz im Einsatz.

TECHNISCH DATEN:
- Spurweite: 1435 mm (Normalspur) - Länge über Puffer: 15.100 mm
- Höhe: 4.550 mm
- Leermasse: 103,7 t
- Dienstmasse: 127,4 t
- Reibungsmasse: 95,3 t
- Höchstgeschwindigkeit: 65 km/h
- Indizierte Leistung: 1.192 kW
- Verdampfungsheizfläche: 200,00 m²
- Wasservorrat: 12 m³
- Brennstoffvorrat: 4 t Kohle

Eine Fotoserie von meinem Dampfloktag findet ihr hier: http://www.meinanzeiger.de/saalfeld/kultur/100-jah...
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