Reisen mit der Kutsche: "Mercedes" der Rudolstädter Prinzen hielt nur 1000 Kilometer

Wann? 14.02.2015 11:00 Uhr

Wo? Heidecksburg, Schloßbezirk, 07407 Rudolstadt DE
Jeanette Lauterbach zeigt die Zeichnung einer Kutsche mit Sonnenschirmaus der Zeit um 1790. Dieses Bild stammt aus dem Sammlungsbestand des Museums Schloss Heidecksburg und wurde bisher noch nicht gezeigt.
 
Diese Zeichnung einer Kutsche stammt aus dem Sammlungsbestand des Museums Schloss Heidecksburg- angefertigt in der Zeit um 1790. Der Künstler ist unbekannt.
Rudolstadt: Heidecksburg | „Um Erfahrungen fürs Leben zu sammeln, zieht es junge Menschen nach der Schulzeit ins Ausland. Das war auch im 18. Jahrhundert nicht anders, damals meist allerdings nur den Reichen oder Prinzen vorbehalten“, erklärt Jeanette Lauterbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schlossmuseum Heidecksburg. So machten sich 1789 die Prinzen Karl Günther und Ludwig Friedrich von Schwarzburg-Rudolstadt für zwei Jahre mit einer Kutsche auf ihre Grand Tour - eine Bildungsreise. Diese führte sie in deutsche Fürstentümer, die Schweiz und nach Frankreich. „Mit dabei war der Läufer Meuselbach, der eine ganz wichtige Funktion inne hatte. Er ist stets der Kutsche voraus gelaufen, hat Zimmer in den Gasthöfen reserviert und das Essen bestellt. Zuvor musste er in Rudolstadt eine Laufprüfung ablegen. Er musste die Strecke, die ein gewöhnlicher Mensch in sechs Stunden schafft, in 60 Minuten absolvieren.“

Das Reisen mit der Kutsche war alles andere als bequem, die Federung eher schlecht bei den oftmals steinigen und holprigen Wegen. Die Temperatur im Inneren glich der Außentemperatur. Mit der schwer beladenen Kutsche kam man nur gemächlich voran. Neben Kleidungsstücken und Verpflegung nahm man auch Geschirr, Reisebesteck, Nachttopf, Reiseschreibzeug und viele persönliche und luxuriöse Dinge mit, die man nicht missen wollte. Es ist nicht verwunderlich, dass die Reisenden aufgrund der geringen Reisegeschwindigkeit und bedrängenden Enge zeitweise nebenher liefen. „Ludwig Friedrich hat das nachweislich gerne getan. Das war ihm oft lieber, als stundenlang unbequem zu sitzen“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Alleine für die Strecke von Rudolstadt nach Coburg benötigte die sechsköpfige Reisegesellschaft 18 Stunden.

Alle Erlebnisse dieser Reise sind genau dokumentiert. Der verantwortliche Minister Friedrich Wilhelm von Ketelhold hat Tagebuch geführt, das bis heute erhalten ist. So ist nachzulesen, dass schon am dritten Reisetag in dem fränkischen Dorf Meschenbach die erste Reparatur an der Kutsche fällig war. Nach weiteren sechs Wochen und gut 1000 Kilometern erreichte man Genf. „Der Reisewagen war nun absolut unbrauchbar, eine Reparatur zu teuer. So kaufte man eine neue Kutsche, diesmal englischer Bauart“, sagt Jeanette Lauterbach. Die Bezahlung unterwegs war nicht immer einfach, da jedes Fürstentum eine eigene Währung hatte. Dafür wurden Wechselbriefe, den heutigen Reiseschecks ähnlich, genutzt. Bei der gesamten Reise 1789/90 wurden 14282 Taler ausgegeben. Zum Vergleich: Schiller konnte mit 400 Talern ein Jahr gut leben.

Von Genf ging es mit der neuen Kutsche über Lyon-Straßburg-Frankfurt-Hamburg-Lübeck nach Berlin und zurück nach Rudolstadt. Wie nachzulesen ist, fuhr man oft des Nachts – als Beleuchtung dienten Lampen mit Kerzen oder Fackeln. Wegekarten gab es schon, allerdings waren diese nicht sehr genau. Als Orientierung dienten meist einfache Wegweiser aus Holz oder Postsäulen, die teilweise auch heute noch vorzufinden sind. Der neue Reisewagen hielt gut durch, nur einmal war noch eine größere Reparatur fällig. Nahe Hannover kam es zum Bruch eines Vorderrades. „Die Reise war mit Sicherheit sehr strapaziös - oft verbrachten die Reisenden acht Stunden und mehr in der Kutsche."

Jeanette Lauterbach hat viel zum Thema „Reisen mit der Kutsche“ recherchiert. Anhand von bisher nicht gezeigten Bildern, Skizzen und Objekten aus dem Archiv im Schlossmuseum Heidecksburg erläutert sie in einem Vortrag spannende Details aus jener Zeit, als die Kutsche noch zu den modernsten Verkehrsmitteln gehörte.

Termin: Schlossmuseum Heidecksburg, 14. Februar, 11 Uhr, Vortrag „Reisen mit Kutsche“ von Jeanette Lauterbach
Dieser Vortrag ist der Auftakt zu einer Reihe weiterer Veranstaltungen zum Jahresthema des Schlossmuseums „Reisen“.

Weitere Informationen: Schlossmuseum Heidecksburg
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