Wir haben das Internet - wozu brauchen wir eine Bibliothek?

Bald kann ich´s wie die Großen! (Foto: Runkewitz)
Saalfeld/Saale: Bibliothek | Menschen, die bevorzugt ihre Dinge am Computer regeln oder sich täglich mit klammen kommunalen Kassen herumschlagen müssen, dürften sich dies wohl schon hin und wieder gefragt haben. - Doch die Saalfelder Bibliothek, die vor 85 Jahren als kommunale Einrichtung mit gerade einmal knapp 600 Büchern eröffnet wurde, erfreut sich auch heute großer Beliebtheit. Allein im letzten Jahr kamen fast 58 000 Besucher. Sie gehört somit zu den meistgenutzten Kultureinrichtungen der Stadt.

Warum gehen so viele Leute in die Bibliothek, wo man sich doch seine Informationen quasi von der Couch aus ins Wohnzimmer „googeln“ kann?

Dafür gibt es mindestens drei gute Gründe, denn:

Wissen für alle ist Demokratie!


Für jeden Bürger ist der barrierefreie Zugang zu Wissen ein verbrieftes Grundrecht. Doch das Erlangen von Information ist oft mit Geld verbunden, denn Wissen ist auch eine Ware. Und es verlangt Kompetenzen bei der Auswahl seriöser und geeigneter Informationen. Internetnutzer werden damit häufig konfrontiert.

Bibliotheken haben die Aufgabe, einerseits Informationen zur Verfügung zu stellen und andererseits als sachkundige Lotsen zwischen den medialen Angeboten zu agieren. Mit ihren 78 000 Medien kann die Stadt- und Kreisbibliothek Saalfeld einen Großteil des Wissensdurstes ihrer Benutzer vor Ort befriedigen oder sie beschafft die gewünschten Informationen über die „Fernleihe“ aus anderen Bibliotheken.
Barrierefreier Zugang heißt aber auch, dass der Bibliotheksbestand für jeden via Internet als Web-Katalog zugänglich ist. Und wer nicht über den finanziellen Hintergrund verfügt, sich die Hard- und Software zu beschaffen und sie beständig zu erneuern, kann zudem die bibliothekseigenen öffentlichen Internetplätze nutzen. Somit wird jedem die Teilnahme an der weltweiten Kommunikation und Informationsbeschaffung ermöglicht.

Die Garantie für Barrierefreiheit beim Zugang zu Informationen hört an der Stadtgrenze nicht auf. So versorgt die Bibliothek außerdem 6 ehrenamtlich geführte Gemeindebibliotheken im Kreisgebiet mit Medien aus ihrem Bestand. Der Name Stadt- und Kreisbibliothek weist auf diese Aufgabe hin, den sie seit 1955, als die Stadtbücherei mit der Kreisstelle für Bibliothekswesen beim Rat des Kreises vereinigt wurde, trägt. Methodische Anleitung in Form von jährlichen Zusammenkünften sowie praktische Unterstützung vor Ort runden diese Zusammenarbeit ab.

Wie wichtig eine umfassende Bildung für die gesellschaftspolitische Teilhabe der Bürger ist, wusste man bereits im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, weshalb sich schon damals, auch in Saalfeld, Lese- und Bildungsvereine gründeten, die wiederum Büchereien einrichteten und finanzierten. Aus ähnlichen Motiven heraus beschloss 1928 der Saalfelder Stadtrat die Eröffnung der städtischen Bibliothek, was am 13. März 1930 erfolgte. Nur wenn das Informationsangebot weder von wirtschaftlichen noch von weltanschaulichen Zwängen geprägt und der Zugang zu den Informationen ungehindert möglich ist, haben die Bürger aller Schichten die Chance, sich unvoreingenommen zu informieren, um sich an gesellschaftlichen Diskursen und demokratischer Willensbildung zu beteiligen. Man kann es auch mit den Worten Helmut Schmidts auf den Punkt bringen: „Öffentliche Bibliotheken sind geistige Tankstellen der Nation.“

Alle Kinder können lesen lernen!


Lesen ist nicht nur buchstabieren oder Worte entziffern. Lesekompetenz heißt verstehen, begreifen und kreativ weiterdenken. Viele Kinder haben zu Hause niemanden, der ihnen vorliest oder in Bilderbüchern blättert. In der Saalfelder Bibliothek aber sehen sie solche Menschen; zur Vorlesestunde „Vorhang zu“ zum Beispiel, in der Erwachsene ihre Lieblingskinderbücher vorstellen oder zum jährlichen „Vorlesetag“. Kindergartenkinder und Grundschüler suchen regelmäßig die Räume in Saalfeld und Gorndorf auf, um gemeinsam lesen und ungezwungen stöbern zu können. Eine Vielzahl von Kinderbüchern macht es möglich.

Die Förderung der Lesekompetenz im Vorschul- und Grundschulalter ist ein zentrales Anliegen der bibliothekspädagogischen Arbeit, damit die Kinder frühzeitig ihre Erfahrungen mit verschiedenen Erscheinungsformen der Lese-, Erzähl- und Schriftkultur machen können. Seit einigen Jahren werden an Erstklässler Gutscheine für Bibliotheksausweise verteilt und die Bibliothek ist Partner der bundesweiten frühkindlichen Leseförderinitiative „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“.

In den höheren Klassenstufen dagegen geht es um den Erwerb von Informationskompetenz, die notwendig ist, um intelligente Suchstrategien zu entwickeln, Informationsquellen zu identifizieren und Datenbanken nutzen zu können. Besonders die Schüler der achten bis elften Klassen besuchen im Rahmen des Unterrichts die Einrichtung, um anhand konkreter Aufgaben ihre Recherchefähigkeiten auszubilden und zu vertiefen.

Seit 1980, als mit der Abteilung Volksbildung beim Rat des Kreises die systematische Einführung in die Bibliotheksbenutzung für dritte, fünfte und achte Klassen der Saalfelder Polytechnischen Oberschulen vertraglich vereinbart wurde, orientieren die Bibliothekare auf altersspezifische bibliothekspädagogische Veranstaltungen. Vor zehn Jahren wurden erneut Kooperationsvereinbarungen geschlossen, an denen sich inzwischen 23 Kindertagesstätten, Grund- und Regelschulen sowie Gymnasien beteiligen. 31 000 Fachmedien unterstützen zudem das lebenslange Lernen bis ins hohe Alter.

In der Bibliothek ist was los!


Die Leseecken in der hiesigen Bibliothek sind nicht nur zum Studieren da. Sie laden zugleich zum Schmökern und Pausieren ein. Oftmals aber wird die Ruhe gestört, wenn Kindergruppen fröhlich zur nächsten Veranstaltung in die Kinderbibliothek strömen. Die Angebote für die Freizeit sind vielseitig und sprechen alle Altersgruppen an. Allein 2014 besuchten über 3000 Kinder und Erwachsene literarisch-musikalische Veranstaltungen, Autorenlesungen sowie Theater- und Puppenspielprogramme. Beispiele, die zeigen, dass sich diese Angebote gut in das breite Spektrum des Saalfelder Kulturlebens einfügen und es bereichern.

Die Vielseitigkeit der Bibliothek, ein Ort der soziokulturellen Kommunikation und Wissensvermittlung, hat auch das Tätigkeitsfeld der Bibliotheksmitarbeiter grundlegend gewandelt. Heute agieren sie u. a. als Medienlotsen, Bibliothekspädagogen und Kulturmanager.

Wird die Bibliothek als Institution durch das Internet wirklich in Frage gestellt?


Zweifellos hat das Internet die Bibliotheksarbeit revolutioniert und dazu verholfen, dass sich die Angebote für die Bürger wesentlich erweiterten. Doch die gesellschaftlichen Kernaufgaben der Bibliothek gehen weit über die des Internets hinaus! Ob kreativer Kulturbürger, Neugieriger, politisch Engagierter,
Lernender, Film- oder Musikliebhaber, Reisefreudiger, Ratsuchender oder Leseanfänger – mit ihrem vielseitigen Medienbestand und Veranstaltungsprogramm leistet sie einen spezifischen Beitrag zur Chancengleichheit der Bürger in unserer Gesellschaft.

Und was bisher nicht zur Sprache kam, jedoch vielen ebenso wichtig ist: In der Bibliothek kann man sich völlig entspannt mit Bekannten treffen.
Im Internet auch – aber eben nur virtuell!

Cornelia Hockarth
Stadt- und Kreisbibliothek Saalfeld

Erstveröffentlichung des Artikels zum 85jährigen Jubiläum der Stadt- und Kreisbibliothek Saalfeld in Saalfeld informativ, Heft 3/4 (2015) / hrsg. von RegioWerbung Stapelfeld, Saalfeld. - S. 14-16

Vorab eine weitere Information zum Jubiläum: Am Jahresende wird im Saalfelder Weihnachtsbüchlein ein Beitrag der Autorin zur Städtischen Bibliothek im Dritten Reich - unter Berücksichtigung der evangelischen Volksbücherei und der Arbeiterbibliothek - erscheinen.

Unter www.bibliothek-saalfeld.de können alle Interessierten mehr über das Veranstaltungsangebot in diesem Jahr erfahren!
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