Baumkletterer wollen hoch hinaus

Hoch hinaus geht es, wenn man sein Brot als Baumkletterer verdient. (Foto: Matthias Jagenholz)
 
Mathias Tuma kämpft mit dem Geäst. (Foto: Matthias Jagenholz)
Pflanzwirbach: ... |

Als Kind kletterte Matthias Jagenholz leidenschaftlich gern auf Bäume. „Dass ich das ohne Seil tat, durfte niemand wissen“, sagt er und es klingt ein bisschen verschwörerisch. Heute erklimmt er beruflich die Baumwipfel - mit Seil und nicht ganz so viel Leidenschaft wie früher. „Ich muss mich jedes Mal neu daran gewöhnen.“

Gemeinsam mit Geschäftspartner Mathias Tuma - die beiden Männer gleichen Vornamens kennen sich aus der Kindergartenzeit - hängt der Pflanzwirbacher allerorten in den Bäumen. Entweder um sie zu schlagen oder zu pflegen.
Tuma hat im Forst gelernt, ist Baumfäller und imponierte in den Neunzigerjahren seinem Landshuter Chef damit, dass er behände auf Bäume kletterte, wenn in lichter Höhe etwas zu richten war. Jagenholz ist Landmaschinenschlosser und entdeckte erst später seine Liebe zu Fichte, Tanne & Co. Weil Rudolstadt lediglich ausgebildete Baumkletterer in die Pflanzungen schickt, besuchten die Männer eine Baumkletterschule.
Potenzielle Gefahren lauern hoch oben im Baum. Quetschungen, Rippenprellungen oder Knochenbrüche ereilen Ungeübte vor allem dann, wenn zurückgebundene Äste mit voller Wucht zurückschnellen. „Anfänger wissen anfangs nicht, wie sie sich im Baum bewegen sollen“, weiß Matthias Jagenholz.

Das Leben im Baum


Gut 80 Prozent der Arbeit finden auf den Bäumen statt. Die Berufsgenossenschaft erlaubt höchstens sechs Stunden am Stück. „Zwischen 20 und 40 Meter sind die Bäume hoch“, beschreibt Matthias Jagenholz einen Arbeitsplatz. „Als wir vor vierzehn Jahren anfingen, schlugen wir ein Seil um den Baum.“ Heute gibt es dafür technische Hilfsmittel, die 300 Seiten eines Katalogs füllen.
Der Arbeitstag auf einer neuen Baustelle beginnt mit der sogenannten Baumansprache. Matthias Jagenholz erklärt: „Wir prüfen, welche Äste wegmüssen, welches Werkzeug wir dafür brauchen und ermitteln Gefahrenquellen. Gibt es Stromleitungen, zerbrechliche Dinge am Boden. Gewächshäuser schützen wir mit Decken, bevor die Arbeit losgeht.“ Binnen zehn Minuten sind die Männer in die Baumspitze vorgedrungen. „Wir setzen einen Ankerpunkt und arbeiten uns dann vor“, erläutert Jagenholz. „Die Höhe kann ich ausblenden, ich fokussiere mich einfach auf den Arbeitsbereich.“
Es kommt selten vor, dass beide Männer gleichzeitig im Baum arbeiten. „Einer bleibt meistens unten. Wenn etwas passiert, kann er den anderen vom Baum holen“, erzählt Jagenholz und berichtet von der abgequetschten Fingerkuppe seines Partners. Mathias Tuma hatte damals mehrere Minuten ohnmächtig im Baum gehangen.
Die Zahl der zu pflegenden übersteige eindeutig die der zu fällenden Bäume, weiß Kletterscheininhaber Jagenholz. Er findet es schade, wenn ein ortsbildprägender Baum verschwinden muss. „Manchmal fühlt sich jemand lediglich in seiner Sicht gestört“, empört sich Jagenholz. Diesen Baum versucht das schwindelfreie Duo dann zu erhalten.


Hintergrund:
Schützenswerte Bäume sind zum Beispiel Eiben, Gingko, Buchen, Maulbeerbäume, Ulmen und einzeln stehende Trauerweiden.
Jagenholz mag leichte Bäume wie Linde oder Birke lieber als die schwere Eiche oder Esche.
Der Baum wird mit Seil erklettert. Steigeisen verwenden die Baumkletterer nur, wenn der Baum gefällt werden soll.
Bei der Baumpflege werden Totholz und lockere Äste entfernt. Totholz sind Baumbestandteile ohne Blätter und Knospen.
Baumkletterer mögen keine Pappeln, weil diese sehr brüchig sind.
Bäume werden von Oktober bis März beschnitten, dann beginnt die Brutzeit der Vögel.
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4 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 30.09.2014 | 17:10  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 30.09.2014 | 19:19  
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Renate Jung aus Erfurt | 30.09.2014 | 21:48  
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Hannelore Grünler aus Artern | 03.10.2014 | 05:15  
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