Sommers Rudelschtadt - Wie Mundartdichter Anton Sommer in seiner Heimat Rudolstadt geehrt wird

Die Heidecksburg - Symbol und Wahrzeichen von Rudolstadt.
 
Mundartdichter Anton Sommer liebte seine Stadt und nannte sie "mein Rudelschtadt". (Foto: Archivfoto)
 
Gunter Linke ist "D'r Altschtädter". Gästen zeigt er gern "sein" Rudolstadt und packt nette Anekdoten in Mundart.
 
Durch diese Gasse muss er kommen...
 
Den Altschtädter kennt man auch mit kritischem Blick.
Rudolstadt: ... |

Er liebte nur einen Sommer, dann nahm er die Dame seines Herzens mit nach Weimar. Aber um Friedrich Schiller geht's jetzt gar nicht, wenn sich Rudolstadt auch gern mit dem berühmten Dichter schmückt. In der Stadt verwurzelt hingegen war Mundartdichter Anton Sommer, der nicht nur seine Stadt, sondern auch den Christstollen liebevoll auf die mundartliche Schippe nahm.

Dafür, dass Rudolstadt mit Friedrich Schiller lockt, hat D’r Altschtädter alias Gunter Linke ja Verständnis. Wer schmückt sich nicht gern mit großen Namen? Obwohl man sagen muss, dass der berühmte Dichter nur einen Sommer in der Stadt weilte und dann lieber mit Goethe Weimar aufmischte.
Wenig Verständnis hat der mundartgeprägte Stadtführer Linke hingegen dafür, dass ein großer Sohn der Stadt - Heimat- und Mundartdichter Anton Sommer - nicht annähernd diese Beachtung findet. Wunderbare Sinnsprüche habe der Lehrer und Garnisonsprediger geprägt, weiß Linke, und beginnt sogleich, einen zu zitieren: „Beim Borgen ös d’r Taler mordskläne, beim Bezahlen riebisch gruß, m’r wills nech mäne.“ Soll heißen: Wenn man Geld borgt, erscheint einem das ziemlich wenig, es ist aber ein Riesenbatzen, wenn man es zurückzahlen muss. Man will es nicht glauben.
Dass sich viele Menschen despektierlich über Mundarten äußern, regt den Altschtädter auf. „Sie waren lange Zeit Kommunikationsmittel. Erst Luther fasste die Mundarten und Dialekte zu einer einheitlichen Schriftsprache zusammen.“
Die DDR-Funktionäre waren auf die Mundart ebenfalls nicht gut zu sprechen: „Sie befürchteten, dass die Menschen damit Botschaften austauschten, die der Staatsführung nicht dienlich sind.“

Geburtstagsfeier der besonderen Art am 1. Dezember

Wie auch immer die Dinge sich entwickelten, ganz verschwand die Mundart aus Rudolstadt jedenfalls nicht. Und damit auch nicht das Andenken an Anton Sommer. An der gleichnamigen Grundschule gibt es sogar eine Arbeitsgemeinschaft Mundart, die sich gebührend auf Sommers bevorstehenden 200. Geburtstag am 11. Dezember vorbereitet. Die Party findet allerdings ein wenig früher statt, und zwar am 1. Dezember in der Bibliothek. Unter dem Motto „Mei Rudelschtadt, das lob ech mir“ wollen die Mundartgruppe und D’r Altstädter Gunter Linke eine Geburtstagsfeier der anderen Art ausrichten. Dazu wird Schittchen gereicht, das in Rudolstadt eine lange Tradition hat. „Rudolstadt war schon zeitig handwerklich geprägt“, erklärt D’r Altschtädter. „Im 15. Jahrhundert entwickelte sich die Bäckerinnung, zu Hoch-Zeiten gab es in Rudolstadt 40 Bäcker, in nahezu jeder Straße einen. Dort wurden auch Schittchen gebacken.“

Und Schittchen gibt es auch


Je nach Region trägt das schwere Gebäck andere Namen, 20 sind es allein in Thüringen. Über die Form und die weiße Bepuderung des Stollens gibt es nur Vermutungen. Lange hielten die Menschen den Christstollen für eine Nachbildung des Jesuskindes, wobei sie den weißen Zuckerguss als Windel interpretierten.
Erwähnt wurde das Schittchen erstmals im 14. Jahrhundert. Für den Altschtädter ist es nicht nur sehr wahrscheinlich, dass Anton Sommer - der von 1816 bis 1888 lebte - in den Genuss dieser Spezialität kam, sondern erwiesen: „Sommer hat die Geschichte vom Schittchen in Prosa und Lyrik gefasst.“ Daher ist das Gebäck für die Geburtstagsfeier am 1. Dezember gut gewählt. Der Altschtädter und bekennende Sommer-Fan kann sich keine bessere Kombination vorstellen.

Hintergrund:
Der Rudolstädter Mundartdichter Anton Sommer wurde am 11. Dezember 1816 in Rudolstadt geboren. Als Gymnasiast war er Redakteur einer Schülerzeitung.
Sommer studierte Theologie und gründete, nachdem er in Rudolstadt keine Pfarrstelle erhielt, eine Mädchenschule. Später wurde er Garnisionsprediger, arbeitete aber auch als leidenschaftlicher Lehrer und referierte oft über Sprachentwicklung.
Die vielen Gedichte und Geschichten, die er über seine Heimat verfasste, sind in Mundart geschrieben. Aus ihnen erfährt der Leser viel über das Leben in der kleinen schwarzburg-rudolstädtischen Residenzstadt. Die Autorentätigkeit verhalf Sommer zu einem sorgenfreien Leben.
Mit 60 Jahren erblindete er völlig und erkannte seine Schüler nur noch an der Stimme. In die Kirche musste er geführt werden.
Sommer starb 1888. Sein Grab befindet sich auf dem Nordfriedhof gleich am Eingang.
Ihm zu Ehren tragen eine Straße und eine Rudolstädter Grundschule seinen Namen.
Sein Lebenswerk wurde in dem Band "Bilder und Klänge aus Rudolstadt" festgehalten.
Das bekannteste Gedicht ist wohl „Hämwieh“ (Heimweh), das seine Verbundenheit mit seiner Heimat Rudolstadt schildert.

Termine:
1.Dezember, 18 Uhr, große Aula der Bibliothek Rudolstadt: Veranstaltung zu Sommers 200. Geburtstag.
Am 11. Dezember laden die Freunde des Rudolstädter Abends 19 Uhr historisch Interessierte in das Albert-Anton-Haus ein.

www.rudolstadt.de

Hier noch das Gedicht vom Schittchen:

De Schittchen
Anton Sommer

Zugedeckt, an warmen Flacke,
stiht’s Mahl schon an d’r Wand.
Heite woll‘ mer Schittchen backe,
Ricke, Dorte, seid zor Hand!
Un höbsch offgepaßt,
das d’r nischt vergaßt,
wenn’s gerathe soll gut schmecke.
Doch das Beste thutt d’r Bäcke.

Subald de Weiber wollen backe,
da werd a völ gegart derbei.
De Arbeit ging ju nech von Flacke,
wenn alle mößten stölle sei.
Mer mißte ju de Frau verachte,
die ihre Zonge ließ in Ruh;

Das ös `n Weibern ihre Sache,
un dazu hann se ju ihr Maul,
daß se könn ihr’n Gahrig mache,
un sinn nech met `n Worten faul.

Nahmt de Botter aus d’r Röhre,
ob se werd zerloffen sei,
daß uns nachen nischt thutt störe,
wenn mer ämal sinn derbei.
Macht `n Zocker klar!
Bröngt de Mandeln har!
Un Rosinen gruß un kläne,
wascht se ab, un last‘se räne!

Was mer etzonder in d‘ Stobe,
aus Weizenmahl ze Stande bröng.
Das werd ä Jedes nachen lobe,
wenn alles drönne ös ze föng.

Es werd schon off de Feiertage,
uns allen schmecke delekat;
un `s werd änn Jeden nech behage,
subald `s dermöt ä Ende hat.

Un gucke, `s ös a gar nech ohne,
wie mancherlä mer backen ka.
De Schittchen bleiben doch de Krone,
die sinn d’r Stolz von jeder Fra.

Bäckens Rese, sih ech sprönge,
etz, allo, werd eingemacht!
Nun, ihr Mägen, alle Dönge,
nach änannre hargebracht!
Eier, Mölch un Schmalz,
änne Hamvel Salz,
warn’s änn wul de hefen trage?
Das ös änne gruße Frage.

Bei Thomsens ös ju Tafe heite,
`s ös a nun schonne `s fömfte Könd.
Völ ibrig hann se nech de Leite,
d’r Alte käne Seide spönnt.
Da werd`s wul a an jeden Morgen,
nech fahle bei’n an Nahrungssorgen. –
Herjesses, wie de Zeit vergiht!

Da ös ju Nachbersch Wilhelm dröm,
a wedder aus d’r Fremde häm.
Ar ös ä höbscher Borsch geworn,
ech traf’n off d’r Gasse vorn.

Da werd sich seine Gustel freie,
die hat sich bald kaputt gesehnt.
Ar blieb ’r draußen noch getreie,
das ös mer gar nech mehr gewöhnt.

Ar giht ju nergends annersch hönn,
`s ös änne ausgemachte Sache,
subald se onger komme könn,
da war’n se nachen Hochzeit mache.

Wie etze schon d’r Täg werd feste,
thu nunne de Rosinen nein.
Die sinn doch daderbei das Beste,
machen erscht de Schittchen fein.
Etz kost `n a,
Ricke schmeck, un sah.
Mußt dich aber racht besönne,
ob a nischt thutt fahle drönne.

Denn wenn das Bittre vor thutt schmecke,
un sollt a noch so völ drönn stecke,
da tagt’s ganze Schittchen nischt.

Un war ä Mägen etz will freie
Dar sorg‘, wenn ar`sch nech will bereie,
daß ar de rachte a erwöscht.

Heite werd ju in d’r Kerche,
Hanels mari höng getraut.
Da werd’s a ä Mordsgewärsche,
denn `s ös änne höbsche Braut.
Möchte se wul a gane sih,
wie `r werd’s Brautkläd stih.
Hann se änn völ Hochzeitsgäste?
Ach dar Tag ös a `s Beste.

Ös verbei de erschte Woche,
pfeift’s schon aus änn annern Loche.
D’r arme Mann, dar alle Tage,
muß sich schinde, muß sich plage.
Un muß söch zersorge,
un muß schaffe und muß borge,
bei dan theiren Botterpreise,
sich ze närn off ehrl’che Weise.

Un in Hause de Frau,
arweit söch änn Buckel a.
muß stopfe un ströcke,
un de Hemden flöcke.
Un wische und kehre,
un zanke un wehre,
in d’nlusen Strächen,
von d’n Jong un d’n Mägen.

Die hiern nech off met querkeln un plagen,
dazu gehiert ä guter Magen.
Dromm stellt eich nur bei Leibe nech vör,
als wenn’s ä Paradiesgarten wär.
War nech Geduld hat änne gruße Portion,
dar laß nur seine Nase dervon.

Setz de Mulle etz in’s Warme,
nune muß d’r Täg erscht gih,
Mußt nech vornewack su barme,
ar kömmt ju schonne in de Hih
laß’n nur in Ruh!
Deck’n wedder zu!
Offgepaßt muß aber ware,
daß’r uns necht thutt vergare.

Zuvöl in jeder Sache schadt.
Daß Gott!, war su änn Saufaus hat.
Wie Sälersch Hanne bei’n Storche,
die kömmt nech aus d’r Angst un Sorge.

Wehe, wenn dar lusgelassen,
ohne Mötze, kreiz un quar,
kömmt getorkelt dorch de Gassen,
molum aus’n Rathaus har.
Wenn’r nichtern,
ös’r schichtern,
thutt känn Könne was zu leide,

Aber hat’r,
schräch geladen,
nachen haust’r, wie ä Häde.
Gestern war Spektakel dröm,
ar kam met änn Storme häm.

Seine Frau,
wie se’n sah,
konnte a nech an söch halte,
wollte’n schalte,
da gings lus,
d’r Larm war gruß!

Alles lief besamm, de Sache,
konnt de Leite nech mehr fasse.
Das Gezanke un das schrein,
von d#n könnern, dronger nein.

De Karbatsche,
hiert mer klatsche.
In de Haare,
thun’sch fahre.
Om de Käpfe,
fliegen Täpfe,

Fanstertafeln gihn entzwä,
`s ös’n alles änerlä,
wenn in seiner Wut,
alles giht kaputt.
`S war, als wollt’r heite räne,
alles schmeiße korz un kläne!

`S wär su fortgegang de Nacht,
wenn de Leite,
nech bei Zeite,
hätt`n Karl zur Ruh gebracht.

Nune, lus, ons rufft d‘ Bäcke,
setzt eich nur äweile hönn.
Könnt an eiern Strompfe ströcke,
weil mer etz nischt mache könn.
Lahnert nur nech romm,
flugsch `n Strompf genonn!
Stahlt `n lieben Gott de Tage,
un de Motter muß sech plage.

Se leiten ju schon wedder hönn,
war werd‘ änn heit begraben?
He, Dorte, laaft geschwönne hönn,
un frah de alte Raben.
Die ös ä wahres Wochenblatt,
un wöß a alles aus D‘r Stadt.
Ach `s ös Sorgersch Katherine,
Möllersch Grußen seine Frau.
Die mordsjalische Maschine,
die se war’n miß nongertrah.

No, dar wird söch a nech gräme,
Den su lange ar sche hat,
gab’s nischt wie Krieg derhäme,
das wöß ju de ganze Stadt.

Dar werd bald, das werschte sieh,
wedder off de Freite gih.
Nur de Könner dauern mich,
denn die fahr’n schlacht derbei.
Waqrn’n d’r Neien söcherlich,
allerwend in Wage sei.

Etz ös Zeit, nun nahmt de Mulle,
daß mer’sche ins Backhaus trahn.
Ricke, böst änn räne tolle,
wärschst ju an d‘r Haustör an.
Dorte, mach’r off,
Deck’n Mantel droff!
Daß de Kälte off’n Wage,
epper nech in’n Täg thutt schlage!

Wenn se nur racht Achtjen gaben,
un höbsch off’n Zeiche sinn.
Daß mer käne trött dernaben,
schmeißt de ganze Mulle hönn.
Off d’r Gasse,
läht’s Eis ju bargehuch.
Un de glatten,
rutsch’gen Platten,
daß mer söch nech satt genug,
vorsih kann.

Un de Rackerkönner,
machen änne Glanner,
nach änanner.
Off’n Flack,
sönn änn bäde Bäne wack.

De Polezei,
alle Tage,
giht verbei,
die hat kä Age,
fer solche Sachen,
un wenn de Liete de Halse brachen.

`S werd aber etze ömmer schönner,
woromm hann se änn Ratstaglöhner,

woromm sönn se änn nech off’n Dache,
un lassen de Gassen räne mache.
Wär ech nur bei d’r Polezei!
Nachen sollt’s bald annere Ordnung sei.

No, mer warn’s ju noch erlabe.
Äns muß met’n Annern gih.
Wemmer soll de Steiern gabe,
will mer a derför was sih.

Nein in Ufen sönn se etze,
bis daher ös gut gegang.
Wenn se söch nur nech thun setze,
was wär nachen anzefang?
Wenn’s sche vergrennt,
tausend Tode sapperment!
Ach amnende, wahrend’n Hoffen,
sönn se schonne brät geloffen.

War war änn off’n Markte heite,
un hat dan Spuk met angehiert,
dan änne Hetze Weibesleite,
met änner Botterfra verfihrt?

Se hatten’s galgend weiß gekröcht,
daß ihre Weckchen war’n ze kläne.
Die hann’se schiene hargeröcht.
Wie Furien, nä, mer sollt’s nech mäne,
su zerrt’n se ’n Korb ‚r wack,
un fielen iber de Stonze har,
un schmössen de Botter naus in Drack,
daß jeder Weck zartraten war.

Un Reden sönn derbei gefall’n,
su feine uns u schiene!
De Schlimmste aber onger all’n,
daß war Conditersch Mine.
Es göbt gar völ verschiedne Sachen,
si su de weiber wutig machen.
D’r allerschrecklichste d’r Schrecken,
sönn aber kläne Botterwecken.

No, etz komm se aus’n Ufen,
guckt, es ös ä wahrer Staat.
Wie die aussihn unberufen,
sönn se söcher delecat!
Huch un braune, ei,
alles, wie’s muß sei.
Woll’n se gleich met Botter schmiere,
nachen glänzen se rach sihre.

Rein, ihr Könner, alle rein,
daß mer uns racht sihre frein.
Hopft un spröngt eich außer Athen,
unsre Schittchen sönn geraten.

Un nun brauch mer nech ze sorgen,
nune hammer ganz gewonn,
daß mer su an jeden Morgen,
was ze unsern Kaffee honn.
Morgen scheid‘ mer `sch erschte an,
war’n uns delectire dran.

Wenn’s nachen off de Näge giht,
de Herrlichkät ä Ende nömmt,
da spart mer seinen Appetit,
bis wödder ä Weihnachten kömmt.

Etze off d’r Kuchenschanne,
traht mer flugsch de Schittchen häm!
Wenn doch, Ricke, Dorte, Hanne,
gleich nur eier Vater käm.
Daß’r sch könnt sieh,
su salthierden stih.
Fräde ös in allen Ecken,
wenn zun Fast de Schittchen schmecken.

Zum guten Schluss D'r Altschtädter in Aktion - in einem unbeschnittenen Video zum 25. Geburtstag des Allgemeinen Anzeigers.


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