Hoffnung ist keine Strategie

Hoffnung ist keine Strategie

... vielleicht ist es vorbestimmt, vielleicht gewollt oder es ist einfach nur dumm gelaufen. Ein vierteljahrhundert Leben, reduziert auf ein bisschen Freiheit und viel eingesperrt sein. Zum Stark sein gezwungen, zur Brutalität genötigt. Gewalt buchstäblich in die Wiege gelegt bekommen, die Katastrophe vorgelebt.

"... und ach welch' Glück geliebt zu werden,
und Lieben, Götter, welch' ein Glück!..."

Aus unsichtbarer Gefangenschaft werden reale Eisengitter. Undurchdringbar, verstörend. Das Unglück nimmt seinen Lauf, zunächst unbemerkt, dann mit Justizia im Gepäck.

Doch wie fängt so eine Geschichte an? Die Antwort ist einfach, mit einer kleinen Taschenlampe. Einer Taschenlampe, unbedeutend im geregelten Tagesablauf, billig zu erstehen, nur in der Dunkelheit unverzichtbar. Diese kleine Taschenlampe also, eingebrannt ins Gedächtnis, vom Vater wohl als bedeutsamer angesehen als der eigene Sohn. Der kleine eigene Sohn, das Kind, das nur damit spielen will. Das sich damit in seine selbstgeschaffene Fantasiewelt zurückzieht. Es erkundet Höhlen, spielt Schlossgespenst oder erforscht die unheimlichen Gewölbe des familieneigenen Kellers. Nur um Spaß zu haben, um Kind zu sein. So passiert es eben auch, dass diese kleine Taschenlampe eines Tages verschwindet, an einem Fantasieort zurückgelegt wird, an dem sie unauffindbar versteckt bleibt bis die Batterie versiegt. Es passiert eben. Doch dann kommt der Vater heim. Genervt, müde, vielleicht auch vom Leben gezeichnet. Er weiß, dass sein Sohn auch in diesem Haus wohnt, es stört ihn sogar. Die Ruhe, die er sich erhofft wird ihm nicht gewährt.
So handelt er effektiv. Das Wort "Schelle" ist dabei fehlplatziert. "Schlag" trifft es besser. Später im Knast wird er es als "Punch" betiteln. Und der Vater schlägt nicht nur einmal zu, er trifft so oft bis der Sohn das Weinen verlernt, so oft bis aus Liebe Hass wird, so oft bis aus einem Kind die Hoffnung auf ein geregeltes Familienleben schwindet. 
Der Sohn, der sich nicht wehren kann -noch nicht- zieht daraus die falschen Lehren. Unfähig, Liebe zu empfinden und Nähe zuzulassen, versucht er aufzuwachsen. Falschen Freunden ist er nun schutzlos ausgeliefert, das Gute scheint mit dem Bösen zu verschmelzen und lässt es am Ende ganz verschwinden. Die Lehre von der Würde des Menschen, welche unantastbar ist, wird er nie verstehen können.

So ziehen sich die jungen Jahre dahin, die Angst vor Obrigkeiten kommt zum erlöschen. Unrecht wird vergolten, mit Härte die auch nicht vor möglichen Freunden halt macht. Die Abkapselung von der Gesellschaft ist vorprogrammiert und die Wirklichkeit erscheint sinnlos. Also greift der Sohn zu Drogen. Eine neue Hoffnung wächst scheinbar in ihm heran. Die Hoffnung nach vergessen, nach Aushalten scheint greifbar. Allerdings merkt er auch, dass die Wunderwelt eben so schnell vergeht wie sie kommt.
Das macht dem Sohn nichts. Durch Heimaufenthalte von der Elternliebe entrückt, mit nichts als einer Sporttasche mit geringem Inhalt bestückt, beschließt er trotzig sein Schicksal vom Leben im Abseits hinzunehmen. Er lebt in den Tag, konsumiert ohne Unterlass, feiert als gäbe es kein Morgen und nimmt Sanktionen der Staatsgewalt regungslos hin.

Struktur lernt er aber dann auf falschem Terrain. Weggesperrt, hinter Beton und Eisen in Justizvollzugsanstalten. Mal mehr, mal weniger Jahre, aber immer so viel, dass er denkt, er kann es aushalten. Der Sohn wird zum Mann, zum gefangenen Mann. Freiheit tritt in den Hintergrund, Kontinuität tritt ein. Aber es ist nicht die Kontinuität von einem glücklichen, familiären Leben in der wirklichen Welt. Es ist die falsche Kontinuität, die des Rechts, das unverrückbar und endgültig gesprochen hat und die Schlüssel der Freiheit verschluckt hat.

Die Tage, Wochen, Monate und letztlich auch Jahre ziehen dahin. Der erwachsene Sohn beginnt das Gefängnis als sein zu Hause anzuerkennen. Hat er doch dort Arbeit, Essen und einen Schlafplatz. Er freundet sich mit Wärtern und Mitgefangenen an, sieht sich als festen Bestandteil des Knastgefüges. Die Welt, wie sie wirklich ist, scheint mehr und mehr sich zu entfernen. Fäuste sprechen Recht und der Stärkere kontrolliert die Schwächeren. Vertraut wird niemandem, sind ja auch alles Rechtsbrecher und in der Vergangenheit wurde man sowieso nur enttäuscht.

Doch irgendwann, von Zeit zu Zeit, öffnen sich die Tore des Gefängnisses und dann steht der Mann da. Das letzte mal in richtiger Freiheit war er noch ein pubertierendes Kind. Jetzt wird er von der Gesellschaft als Erwachsener wahrgenommen und auch so behandelt. Forderungen an ihn sollen bitteschön ernstgenommen werden, man möchte sich doch auf ihn verlassen können.
Doch wie funktioniert das "Draußensein"? Was sind Regeln? Wem kann ich vertrauen? Er wird die Fragen zu seinem eigenen Nachteil wohl nicht so schnell beantworten können. Er will ernstgenommen werden, tut aber nichts dergleichen, die andere Menschen von ihrem gemachten Urteil abbringen könnten. Im Gegenteil, er stemmt sich gegen moralische und bestehende Regeln, versucht aufzurühren. Er glaubt sich seinen Platz in Freiheit mit Muskelkraft und angsteinflössenden Parolen erkämpfen zu müssen. Das dies mitunter lächerliche Züge annimmt, sieht er nicht. Das Recht des Stärkeren mag in der Tierwelt funktionieren, lässt aber die wirkliche Zivilisation völlig kalt. Er spricht von Maskenbällen, wenn er mit anderen spricht, bezugnehmend auf das verstecken vor der Realität. Die eigene Maske klebt noch fest auf seinem Gesicht. Für ihn scheint es die richtige zu sein, sie wird ihn aber eines nicht allzu entfernten Tages wieder ins Unglück stürzen.

Kann er Hoffnung denn überhaupt empfinden? Ist sie ein Plan für die Zukunft, der für ihn in Frage kommt? Er kann es selbst nicht beantworten, da er mit dem Erlernen von grundlegenden Lebensthemen zuweilen überfordert ist und sich das Sichtfeld durch seinen Irrglauben einschränkt. Änderungsversuche müssen schnell her, die Zeit ist knapp. Halbherzigkeit bringt ihm nichts, was er mit seinen Händen aufbaut, sollte er nicht gleich wieder mit dem Hinterteil einreißen.

Er möchte immer die Wahrheit sagen, aber was ist wenn er nicht einmal akzeptiert hat, was die eigentliche Wahrheit ist? Nämlich dass es so nicht mehr weitergeht, dass er sich entfremdet, von sich, von der Welt. Seine Wahrheit ist die einzige die für ihn zählt. Der Tellerrand der zum darüber hinaussehen steht, er existiert nicht. Im Gegenteil, wenn Mitmenschen von eigenen Zielen und Träumen sprechen, empfindet er dies als Heuchelei, da er für sich selbst jegliche Ziele und Träume aufgegeben hat, hinter Betonmauern und Eisengittern platziert hat. Er schimpft über die seiner Meinung nach Unvernünftigen, die seiner Meinung nach der Wahrheit entfliehen und seiner Meinung nach von seiner Realität meilenweit entfernt leben. Er glaubt ihnen nicht, denn außerhalb des Gefängnisses kann er sich die Hoffnung anderer nicht vorstellen. Hoffnung ist keine Strategie wenn es um ein Leben geht, aber sie ist eine Strategie die uns hilft Träume und Wünsche zu erfüllen.

TS 25.11.2014
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