Neuanfang aus der Sucht

Neuanfang

Dieser Text, entstanden zwischen dem 20.09. und 5.10.2014 im der Fachklinik für psychosomatische abhängigkeitserkrankungnen Bad Blankenburg, soll Gefühle und Erkenntnisse eines dort behandelnden Patienten wiedergeben. Er soll aber auch Mut machen, um Dinge die im Leben schief laufen, zu verändern und zu hinterfragen. Über allem steht das thema "Sucht".

"Mein Name ist Tim Siegler, ich bin 29 Jahre alt und Kämpfe gegen den Alkohol...

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Am Ende des ersten Lebensteils steht das Nichts. Es ist groß, schwarz und leerer Raum. Der leere Raum wird von einem monumentalen Fragezeichen ausgefüllt, das unaufhörlich darauf pocht, beantwortet zu werden. Doch ich kann es nicht allein. Noch nicht. Dieses Fragezeichen, das sich dick und fett in den Alltag eingebrannt hat, pulsiert in jeder Sekunde, zwingt mich, von selbst Antworten zu finden.

Doch wie? Mit therapeutischer Hilfe? Der Familie? Ja sogar der Medizin? Alles ist möglich, aber der Startschuss muss, ja muss von mir kommen. Im Radio läuft der Queen-Hit „Show must go on“. Ist das mein Signal? Kann ich damit den Nullpunkt, von dem aus alles Neue geleitet wird, definieren?
Klar ist, an einem Fixpunkt ist der Neuanfang nicht festzumachen. Die Leere füllt sich nicht allein durch meine persönliche Mithilfe von innen, sondern auch durch Hilfestellungen von außen. Das „nicht-alleine-machen-können“ ist neu für mich. Ich muss mich darauf einlassen, dass ich Hilfe durch Dritte zulasse. Das Eingeständnis sich selbst gegenüber, in der Vergangenheit die falschen Schlüsse gezogen zu haben und falsche Wege gegangen zu sein, muss ich erst noch lernen.

Hilfe zulassen heißt nicht, sich selbst nicht helfen können. Heißt nicht versagt zu haben. Heißt nicht schwach zu sein. Es bedeutet viel mehr, realistisch auf eigene Situationen aufmerksam zu werden und manchmal sich auch die Augen öffnen zu lassen. Es geht immer weiter, hier ist nicht Schluss. Das ist nicht das Ende wie bei einer unheilbaren Krankheit oder bei Schicksalsschlägen. Ich kann handeln, ich bin in der Lage zu handeln und ich will handeln. Selbstständig. Mit Hilfe!

Herbstanfang. Der Nebel hängt in den Hügeln des Thüringer Waldes. Schwer wie ein Vorhang breitet er sich aus, nur um dann den leichten Sonnenstrahlen des Morgens Platz zu machen. Es scheint, dass die Zeit stillsteht. Nur die sich verfärbenden Blätter zeugen vom Fortgang der Uhr. Die dunkelgrünen Blätter verändern sich in Goldgelbe oder Rostrote, bis sie sterben und langsam, im Spiel des Windes, zu Boden segeln. So muss auch Goethe in seiner Weimarer Zeit die Natur empfunden haben. Die herbstliche Ruhe, die wogenden Tannen und die einzeln noch vernehmbaren Vogellaute. Der Wald lädt zum spazieren ein. Lang und dunkel zieht er sich über die Hügelketten. Romantische Höfe, Burgen und kleine Ortschaften prägen das Landschaftsbild und zwingen zum Nachdenken und Innehalten.
Und man steht inmitten dieser Umgebung und muss das Wort „Stille“ erst einmal begreifen. Wie kann ein Wort, das das Nichts bedeutet ausgesprochen werden und wie fühlt es sich an? Was ist der Unterschied zwischen innerer und äußerer Stille? Wieder prägen Fragen den Gedankenablauf. Kann ich im Inneren überhaupt still sein? Die Gedanken schweben stets weiter, aber nicht zu denken geht nicht, ja, es gibt keinen Nullgedanken. Man denkt ständig, über das private Leben, den Beruf oder so simple Gedanken wie „Was werde ich heute Essen?“. Schon beim Überqueren der Straße legt man sich im Kopf zurecht, in welche Richtung man weiterlaufen möchte.

Denken heißt auch Entscheidungen treffen. Das bedeutet also, dass wir unser ganzes Leben, bewusst oder unbewusst, im Kopf alles Handeln vorausdenken, mal reiflich durchdacht, mal spontan. Zwingt uns also das Denken in eine Schiene, von der wir annehmen, dass diese der richtige Weg ist, oder haben wir noch die Möglichkeit Schranken zu bilden und andere Wege einzuschlagen? Ich denke, nein ich weiß, ja wir haben sie! Es gibt Möglichkeiten neue Wege zu gehen und zu denken. Manchmal ist dafür ein Schnitt nötig, kein einfacher. Es ist häufig der tiefe Einschnitt, der neue Wege begehbar macht, ähnlich wie beim Straßenbau. Am Anfang steht nichts, dann muss man mit schwerem Gerät Steine und Geröll wegschaffen, um am Ende den glatten Asphalt zu legen mit unbekanntem Ende. Aber auch diese neue Straße wird wiederum Ausfahrten besitzen, Baustellen hervorbringen, Rastplätze zum Nachdenken schaffen oder auch mal in einem Stau zum Innehalten zwingen. Doch Vorsicht, sie wird auch wieder eine Überholspur bieten, die zum Rasen einlädt. Sie darf auch genutzt werden, aber in gesunden Dosen. Rechts überholen, den erlaubten Weg zu verlassen, ist verboten. Aber man sollte sich stets im Klaren sein, dass Rasen zu erhöhtem Benzinverbrauch führt und ohne rechtzeitigen Tankstopp in einer Panne endet.

Oder 1912, auf der Titanic. Alle saßen in einem Boot, beziehungsweise Schiff. Der Eisberg kam, wurde gerammt und das Schiff sank. Die Tragödie nahm ihren Lauf und Hoffnungen starben, als nicht genug Rettungsboote zur Verfügung standen. Der eiskalte Nordatlantik verschlang die gutgekleideten, erfrorenen Seelen.
Wir sitzen auch in einem Schiff, den Eisberg, unseren Eisberg, hat jeder für sich selbst schon gerammt. Mal härter, direkter und mal fast unmerklich leise, aber zum Sinken reichte es. Unser Glück ist, dass für jeden ein Platz in den Rettungsbooten da ist, man hat sogar so viel Raum, um sein eigenes Päckchen mitzubringen. Außerdem hat die Rettungsmannschaft für genug Ruder gesorgt, so dass man mit vereinten Kräften, mit jedem Ruderschlag der Unglücksstelle weiter entkommen kann. So wird der Abstand zwischen dem Passierten und dem rettenden Jetzt von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde größer. Man lässt alles hinter sich und für den erneuten Ernstfall hat man ja nun seine Rettungsweste.
Wieder geht die Sonne über dem Thüringer Wald auf. Bäche plätschern und geben den Eindruck des fließenden Lebens wieder. Der Bach wird irgendwann zum Strom, er reißt alle Gedanken mit sich und spült sie in weiter Ferne in ein Meer, das alles sammelt und aufsaugt, so dass neues Wasser nachfließen kann. Stromschnellen müssen immer überwunden werden, Wasserfälle lauern als Gefahren versteckt am Wegesrand. Ich laufe, die Äste unter meinen Sohlen brechen unter dem Druck meines Körpers. Die Steine die ich unter mir Spüre, stellen keine Hindernisse dar, sie lassen mich über sie hinweg laufen. Die Luft ist klar, sie lässt die Gedanken in meinem Kopf tanzen. Ich laufe aber nicht weg, nein, es fühlt sich an, als sei es ein Gefühl der Freiheit über die inneren Fesseln. Ich spüre mein Herz klopfen und die Muskeln kontraktieren. Erschöpfung will sich über mich ausbreiten, aber ich lasse es nicht zu. Noch nicht. Erst wenn eine gesunde Dosis erreicht ist, lasse ich nach und beginne zu regenerieren. Genau so wie ich es innerlich versuche.

Freiheit. Warum ist mir dieses Wort so wichtig geworden? Es ist der 3. Oktober. Überall hört man dieses Wort, das für so viele Menschen bedeutsam ist. Freiheit. Innerlich? Äußerlich? Politisch? Sozial? Man kann es in so vielen Sparten gebrauchen und doch ist die Bedeutung simpel. Die Erlösung aus Einschränkung, UngerechtigNeuanfangkeit, dem Eingesperrt sein. Freiheit, dieser für uns leider allzu selbstverständliche Begriff ist in der heutigen Zeit aber längst nicht für alle Menschen der Erde Realität. Wie dankbar müssten wir eigentlich sein, weit weg von den großen Tragödien der Welt zu leben. Krieg? Nein, zwar in Europa, aber weit entfernt. Terror? Nein, zwar in den Medien, aber keine tägliche Bedrohung beim auf die Straße gehen. Ebola? Nein, ist ja in Afrika. Naturkatastrophen? Nein, keine Erdbeben durch Plattenverschiebung, keine Wirbelstürme, keine Vulkanausbrüche. Uns geht es gut, ja, aber…
…die sogenannten eigenen „Päckchen“ die jeder mit sich herumschleppt. Nicht sichtbare Katastrophen. Nicht sichtbar für Medien, Politik, Boulevard und den Rest der oberflächlichen Gesellschaft. Es sind die persönlichen Katastrophen, die uns manchmal das Gefühl der Freiheit vergessen lassen. Ist es die Arbeitslosigkeit oder die Verschuldung, die Personen, ja ganze Familien in Existenzängste führt. Krankheiten, eigene oder die der Angehörigen, irreparabel oder zumindest schwer. Psychische Erscheinungen wie Depressionen oder aber die Sucht.

Die Sucht. Egal nach was, sie bestimmt ein Leben, legt eigene Grenzen fest, engt ein oder isoliert sogar und schafft so eine Art Gefängnis mit unsichtbaren Mauern und Gittern. Die Wärter in diesen „Gefängnissen“, sind Fleisch und Blut gewordene Dämonen wie Alkohol, Drogen, Medikamente. Sie sorgen dafür innere Ängste zu verringern, Probleme anscheinend unter dem Tentakel der Bewusstseinsveränderung vergessen zu lassen und sind angebliche „Freunde“ wenn es darum geht, sich einmal mehr selbst zu belügen. Diese Gefängniswärter gaukeln Freiheit vor, zeigen aber insgeheim den Weg in die Hölle. Eine Hölle, die wenn erreicht ist, sehr tief sein kann. Und dann wollen diese Wärter wieder auftreten, als Erlöser, den Himmel versprechend. In Form von Werbung und Imagination die wunderschöne Frauen und romantische Orte zeigt, die sich angeblich dann besonders mit einem Glas, einer Flasche des beworbenen Produkts genießen lassen. Oder die Freude auf dem Rücken von Wildpferden mit einer Tabakware durch die ungezähmte Prärie der westlichen USA zu galoppieren. Diese Teufel projezieren auch ein Freiheitsgefühl auf die suchtgeplagte Menschheit. Aber Vorsicht, jeder Werbespot ist nach circa 30 Sekunden zu Ende. Und was dann? Dann verschwinden plötzlich die traumhaften Landschaften. Wo schöne Frauen einst lagen, sieht man nur noch kargen Stein, Pferde werden wieder zu Huftieren des Teufels. Die Hölle tut sich erneut auf. Nach 30 Sekunden ist alles wieder glutrot und oben am Abgrund stehen diese Suchtteufel, sie lachen hämisch und freuen sich, wieder einmal gewonnen zu haben, wieder einmal die Macht darüber zu besitzen, die Freiheit des armen Kranken einschränken und definieren zu dürfen.
Also, es geht darum diese Teufel zu besiegen. Zu kämpfen, nicht nur für Freiheit, nein, sondern für das wertvollste unseres Daseins, das Leben. Der Hölle, als tiefes Erdenloch, ist nicht so leicht zu entkommen. Es gibt keine Leitern und wenn, dann solche auf denen meist die letzte Sprosse angesägt ist und man beim Berühren nur noch tiefer abstürzt. Doch wie kann man dann fliehen? Die Antwort ist so simpel wie sie auch Überwindung kostet. Die Formel lautet „Hilfe zulassen“. Nicht alleine klettern. Stützen war nehmen. Sich von Engeln Flügel leihen. Probleme beschreiben, um den Teufel mit Worten beizukommen. Das Verhöhnen der bösen Geister zum Ansporn werden lassen, diese zu überwinden. Die schöne Frau an dem romantischen Ort mit Persönlichkeit zu verführen. Die wilden Pferde einfach so galoppieren zu lassen. Mit Freude, nicht aus der Sucht willen. Der Teufel, dieser arme Teufel, er wird uns vor Spott anfunkeln, doch wir lächeln zurück. Es ist das Lächeln der wirklichen Freiheit, des Sieges über fremde Fesseln, der Erfolg der eigenen Person und deren Willenskraft. Dieser Teufel wird zu Staub zerfallen und mit dem Feuersturm tief in das innere seiner eigenen verdorbenen vulkanischen Höllenwelt zurückgesogen. Freiheit. Jetzt. Zulassen!

Es ist Herbst, die Regenwolken wogen über dem Thüringer Wald. Es ist ruhig. Das Zwitschern der Zugvögel ist seit Tagen erloschen. Der Regen peitscht an das Fenster, kleine Rinnsale suchen sich den Weg von den Dächern der Häuser hinunter, um vom feuchten, laubbedeckten Boden aufgesogen zu werden. Die Stille Jahreszeit beginnt. Die Kastanien liegen aufgeplatzt in den Gärten und Parkanlagen, Kinder spielen im goldenen Laub und vereinzelt vernimmt man den Schrei eines Kuckucks. Ruhe. Besinnung. Nachdenken. Aber nicht wieder an den Teufel. Herbst wird oft mit negativen Assoziationen belegt. Vergehen, Tod, Ende. Manche Gedanken werden schwer. Positives wird verdrängt, der Teufel zündelt wieder. Wassereimer zum löschen stehen bereit, sind aber alleine zu schwer zum Tragen. Einsamkeit darf sich nicht einstellen. Eine Feuerwehr besteht auch nicht aus einer einzelnen Person. Es ist immer ein ganzer Zug der anrückt. Ich muss zwar das Kommando übernehmen, die Strategie vorgeben. Doch ich bin nie allein. Er muss seine Helfer informieren und führen. Nur dann kann auch die kleinste Glut im Keim erstickt werden und wenn der dicke Qualm verzogen ist, die Herbstsonne ihre wenigen, aber starken Strahlen zum Vorschein bringen.

Sonnenstrahlen. Ein Adler fliegt in großen Kreisen über das Tal und die Hügel mit Burgen und Ruinen hinweg.

„Va pensiero, sul’ali dorate“
„Steig Gedanke, auf goldenen Flügeln“

Verdi. Ein Lied, das Gefangene im Chor aus sich herausschreien. Aus Sehnsucht nach der Freiheit, im Angesicht von unüberwindbaren Mauern und Ideologien. Des Adlers breite, majestätische Flügel saugen das Sonnenlicht wie Solarsegel auf. Ohne das leiseste Geräusch fliegt er durch die herbstliche Luft, um dann im Sturzflug sein Opfer zu erlegen. Ein kurzer, ruhiger Moment in dem ein Leben ausgelöscht wurde, ein Ende sich abzeichnet. Von niemandem bemerkt, von der Natur akzeptiert. Kreisläufe schließen sich und andere werden neu eröffnet. Aber es sind manchmal besondere Kreise, sie haben wieder einen Anfang.
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