Freude, Lust und Ausschweifung: Thüringer erhalten die Epoche des Barock am Leben

In herrlichen Kleidern mit der Kutsche fahren - das barocke Leben hat für einige Thüringer seinen Reiz nicht verloren. (Foto: IG Barock)
 
Kerstin und Thomas Schaarschmidt mit ihrer zweiten Identität. (Foto: IG Barock)
  Uhlstädt-Kirchhasel: ... |

Wenn der Berufsalltag vorüber ist, schlüpfen sie in ihre Gewänder, pudern sich, setzen Perücken auf und zack! - beginnt die Zeitreise in den Barock. Kerstin und Thomas Schaarschmidt lieben und leben diese Epoche der deutschen Geschichte mit ganzer Leidenschaft.

Zunächst trafen sich am Barock Interessierte um Kerstin und Thomas Schaarschmidt aus Zeutsch im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt in lockerer Atmoshäre. 2013 wurde aus der Interessenvereinigung ein Verein - der IG Thüringer Barock e.V. Er recherchiert barocke Gepflogenheiten - Wie heißen die Mahlzeiten, wie verständigt man sich via Fächersprache, was bedeuten Schönheitspflästerchen? - und tritt öffentlich auf.
Ich traf mich mit dem Adelsgeschlecht derer von Schaarschmidt, um mehr über dessen ausschweifenden Lebenswandel zu erfahren.

Es ist mir eine Ehre, .... Wie darf ich Sie eigentlich ansprechen?
Kerstin Schaarschmidt: Da wir unsere Kostüme nicht tragen, dürfen Sie uns mit bürgerlichem Namen anreden.
Thomas Schaarschmidt: Bedenke, meine Liebe: es sind Gewänder oder Roben, keine Kostüme.
Kerstin Schaarschmidt: Das muss ich noch verinnerlichen.

Welche Lobby hat der Barock in Thüringen?
Kerstin Schaarschmidt: In Thüringen gibt es eine kleine Szene, in Sachsen ist sie weitaus größer. Deshalb teilen wir uns die Vereinsspitze: Kanonier Frank Schober aus Moritzburg und ich. Die meisten deutschen Barockgruppen bleiben lieber unter sich. Wir wollen unser Hobby öffentlich machen.
Thomas Schaarschmidt: Es geht uns auch darum, authentisches Geschichtswissen so zu verpacken, dass es die Menschen unterhält, denn der Barock war eine Zeit der Ausschweifung, Lust und Freude.

Wann entdeckten Sie den Barock für sich?
Kerstin Schaarschmidt: Ich lief im Umzug zur 800-Jahrfeier in Saalfeld mit, trug ein schönes Kleid, aber eine scheußliche Perücke. Ich dachte: wer soll sich denn das anschauen? Doch plötzlich waren die Menschen begeistert von den schönen Kleidern und da stand für mich fest: das machst du weiter. Mein Mann fotografierte den Umzug. Ich glaube, er ist die ganze Zeit nur vor und zurück gerannt, um die besten Motive zu bekommen. Seitdem lieben und leben wir dieses Zeitalter.

Welche Personen verkörpern Sie?
Thomas Schaarschmidt: Gestatten, Herzog Friedrich Wilhelm II. von Sachsen-Altenburg. Manchmal bin ich auch Fürst Günter I. von Schwarzburg-Sondershausen.
Kerstin Schaarschmidt: Als solcher hast du mir ja ein Schloss in Arnstadt gebaut.
Thomas Schaarschmidt: Aber meine Liebe, das ist doch nur ein Witwensitz. Meine Gemahlin ist Herzogin Magdalena Sybille, ferner Fürstin Elisabeth Albertine von Schwarzburg-Sondershausen.

In Ihrem Haus gibt es sicher viele Kleiderschränke. Was wiegt ein Gewand?
Kerstin Schaarschmidt: Schwer zu sagen. Für eines meiner Kleider habe ich 17 Meter Stoff vernäht...
Thomas Schaarschmidt: Ich schätze, zwischen 10 und 15 Kilo.

Wo treten Sie auf und wie werden Sie in der Szene akzeptiert?
Thomas Schaarschmidt: Mittlerweile ist unser Verein so etabliert, dass man uns zu Veranstaltungen und Umzügen in ganz Deutschland einlädt. In Thüringen gehören das Barockfest in Gotha und die Thüringentage zum Programm. Auf dem Fest des Waldes hier im Umkreis krönen wir die Jagdkönigin. Anfangs waren die Hardliner uns gegenüber skeptisch und korrigierten uns. Aber wir wollen uns abheben und die Menschen unterhalten. Heiterkeit lässt sich leichter konsumieren als das Schwere, Getragene.
Kerstin Schaarschmidt: Wir laufen zu den Veranstaltungen nicht nur herum. Wir führen Rollenspiele auf und geben Audienzen. Wir erscheinen auch nie im Kostüm. Wir ziehen uns erst am Veranstaltungsort um. Mittlerweile packen wir das in einer halben Stunde.

Wie bereiten Sie sich auf einen Auftritt vor?
Kerstin Schaarschmidt: Wir recherchieren, was in jener Zeit gewesen sein könnte. Dann schreiben wir ein Drehbuch inklusive der passenden Musik. Auch Schminke, Mimik und Gestik müssen stimmen. Bei den Shakespeare-Festspielen in Ludwigstadt lernten wir, dass man auf der Bühne mit alldem übertreiben muss.

Ändert sich etwas in Ihrer Persönlichkeit, wenn Sie die Gewänder tragen?
Kerstin Schaarschmidt: Ja, das kann man nicht beeinflussen. Deshalb tragen wir bei den Proben meistens einen Reifrock, um das Gefühl - für die Rolle und die Sprache - zu bekommen.

Haben Sie Lampenfieber?
Kerstin Schaarschmidt: Aber ja, doch es gibt einen Trick: Immer einen Daumen breit über das Publikum schauen. Die Leute haben dann den Eindruck, man würde sie ansehen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man den Text vergisst. Apropos: Wir hatten ganz vergessen, Ihnen Kaffee anzubieten...

Gern. Gab es im Barock eigentlich Kaffee?
Thomas Schaarschmidt: Im Spätbarock. Johann Friedrich Böttger hatte ja gerade das Porzellan erfunden, um den Kaffee angemessen einzunehmen. Der Weg für den Kaffeeautomaten war also frei.

Hätten Sie im Barock leben wollen?
Kerstin Schaarschmidt: Wir leben gestern und heute und lieben es, die Epochen zu verbinden.
Thomas Schaarschmidt (lacht): Es wäre auf die Position angekommen. Aber die heutige Zeit hat schon ihre Reize. Und eine Stereoanlage ist allemal preiswerter als ein Kammerorchester.

Können Sie sich an eine besonders heitere Begebenheit erinnern?
Thomas Schaarschmidt: Ja, das war ein Empfang der Ministerpräsidentin. Unsere Kanoniere hatten einen synchronen Salutschuss abgegeben und die Leibwache von Frau Lieberknecht sofort geschlossen die Hand am Holster.


Audio-Tipp: Jeden Dienstag, 9.30 Uhr, eigene Radiosendung auf Regionalsender SRB 105.2 Podcast: Der Herzog liest aus den Gazetten.
Informationen: www.barockvz.de Mitglieder kommen aus Gera, Rudolstadt, Bad Lobenstein, Schönbrunn, Großlohra (neue sind herzlich willkommen).
Termine 2016: Vereinsstammtisch in Zeutsch, wo sich verschiedene Vereine vernetzen; Grüne Woche Berlin (beides Januar); 666-Jahrfeier Hummelshain, Sommerfest Etzelsbach, Forsthaus Willrode.
Kontakt: facebook; E-Mail: IG@barockvz.de; Telefon: 036742/67835


Kleine Barockkunde

Geschichte:
Epoche von etwa 1575 bis 1770 der europäischen Kunstgeschichte, gegliedert in die Abschnitte Früh-, Hoch- und Spätbarock oder Rokoko. Vorher: Renaissance, nachher: Klassizismus. Der Barock war durch üppige Prachtentfaltung gekennzeichnet. Von Italien ausgehend, verbreitete er sich zunächst in den katholischen Ländern Europas, später in protestantischen Gegenden. Barock war Epoche der europäischen Geistesgeschichte.
Mahlzeiten:
Frühstück: Petit Déjeuner; Gabelfrühstück: Lunch; Mittagessen: Déjeuner; Abendessen: Diner; Nachtessen: Souper.
Barock-Knigge:
Löffel weder mit Serviette abwischen, noch in die Faust nehmen; Messer nicht ablegen, um Gabel in die rechte Hand zu nehmen; Serviette auf dem Schoß ausbreiten, nicht in den Ausschnitt stecken; Glas heben, Gegenüber ansehen, nicken und trinken (Glasanstoßen nur unter sehr vertrauten Tischgenossen üblich).
Damenknicks:
Die Dame gleitet auf dem gebeugten rechten Fuß nach hinten, wobei sie ihn hinter und um den linken Fuß legt, der seine Stellung nicht verändert.
Verbeugung der Herren:
Mit der rechten Hand hält man stets den Hut. Ansonsten wird die rechte Hand an die Brust geführt. Die linke Hand wandert zum Degengriff oder wird locker vom Körper weg gehalten - alles in einer fließenden eleganten Bewegung. Im Barock verständigte man sich mittels der Fächersprache, wenn Worte nicht angebracht waren.
Schönheitspflästerchen:
Ursprünglich dienten sie dafür, Hautunreinheiten, Pocken- und Syphillisnarben zu überdecken. Später wurden sie zum Symbol für Geziertheit und Koketterie. Je nach Stelle am Körper unterschied man unter anderem würdevoll, leidenschaftlich, unwiderstehlich, nichts gegen Liebesabenteuer, zärtlich oder frech.

Die Bildergalerie zeigt Herzog Thomas Schaarschmidt und sein Gefolge in verschiedenen Situationen. Alle Fotos stellte uns die IG Thüringer Barock freundlicherweise zur Verfügung.
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Karin Jordanland aus Artern | 31.12.2015 | 10:52  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 31.12.2015 | 11:23  
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 31.12.2015 | 11:44  
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