Mechanisches Wunderwerk

Die Rechenmaschine Curta Typ II kann im Historisch Technischen Museum in Sömmerda besichtigt werden. Die Ausstellung ist ergänzt mit Informationen rund um die Funktionsweise und ihren Erfinder Curt Herzstark, der dem Wunderwerk auch seinen Namen gab. Fotos: S. Rosenkranz
 
Barbara Speiser, Mitarbeiterin im Historisch ­Technischen Museum Sömmerda
Sömmerda: Historisch Technisches Museum |

Rechenmaschine Curta gehört jetzt zum Bestand des Historisch Technischen Museums in Sömmerda / Ihr Österreichischer Erfinder Curt Herzstark war nach dem Krieg und seinem Entlassen aus dem Konzentrationslager Buchenwald für kurze Zeit auch in Sömmerda

Eine Pfeffermühle mit Keramikmahlwerk ist vergleichsweise schwerer als die Handrechenmaschine Curta Typ II mit Kurbel – zehn Zentimeter hoch, fünf Zentimeter Durchmesser. Sie ist so klein, dass sie in jede Aktentasche passt und auch auf dem Schreibtisch wenig Platz einnimmt. Sie arbeitet nur nicht elektronisch, sondern mechanisch. Und was für die Zimmermänner die Erfindung des Zollstocks war, war für Kaufleute, Techniker und Ingenieure ab 1948 die Curta – ein kleines Rechenwunderwerk.

Eine Curta Typ II, hergestellt etwa im Dezember 1970, gehört jetzt zum Bestand des Historisch Technischen Museums in Sömmerda. „Sie ist neben fünf Schreibmaschinen und einem ZN-Gewehr ein Geschenk des Vereins der Freunde und Förderer des Historisch-Technischen Museums“, erzählt Museumsmitarbeiterin Barbara Speiser, die die Curta als besondere Verbindung von Weltgeschichte mit lokalem Geschehen sieht. Nicht ohne Grund gehört sie für sie nach Sömmerda, obwohl ihr Erfinder Curt Herzstark Österreicher war und die Curta letztlich in Liechtenstein hergestellt wurde. „Das Spannendste an seiner Geschichte ist, wie die politischen Verhältnisse auf das Leben eines Menschen einwirken.“

Curt Herzstark war im Konzentrationslager in Buchenwald. Nach dem Krieg führte ihn sein Weg für kurze Zeit nach Sömmerda in das Rheinmetallwerk. Dort fragte er auf Anraten des Weimarer Rechenmaschinenvertreters Kurt Müller an, denn Herzstark suchte nach einer Firma, die seine konzipierte Rechenmaschine baut. Die im KZ aus dem Kopf gezeichneten Pläne konnte er retten und Rheinmetall war bekannt für Büromaschinen und machte Sömmerda damals zum Zentrum der Feinmechanik in Thüringen.

Das Interesse seitens der Firmenführung war groß. Der Büromaschinenmarkt wartete auf Rechenmaschinen im Taschenformat. Erste Prototypen wurden hergestellt. Nach dem Krieg sollten die Betriebe auch wieder in Schwung gebracht werden. Als einem Mann mit sozusagen weißer Weste bot man Herzstark sogar den Posten als technischer Direktor an, den er 1945 annahm. Doch der Erfinder stand mehr und mehr unter Beobachtung, er flüchtete. Im Protokollbuch des Betriebsrates des Rheinmetallwerks vom Dezember 1945 steht: „... der technische Direktor Herzstark hat unbemerkt unser Werk verlassen.“ Damit endet seine Zeit in Sömmerda.

Birgit Speiser, Museumsmitarbeiterin: "Ich weiß, dass es ein ­mechanisches ­Wunderwerk ist und jetzt kann ich sie in den Händen halten. Ein echtes ­Museumsstück, sogar mit ­Beschreibung."

„Wir haben damals verpasst, diesem intelligenten Mann, der aber nie so richtig berühmt geworden ist, den roten Teppich auszulegen“, meint Barbara Speiser, die von der Technik der Curta fasziniert ist. Alles mechanisch: Prozentrechnung, Wurzelziehen, arithmetische Mittel, Statistik, Winkelberechnung. „Ich kannte die Rechenmaschine, wusste, dass es ein mechanisches Wunderwerk ist und jetzt kann ich sie in den Händen halten. Es ist ein echtes Museumsstück und das mit Beschreibung.“ Sie glaubt, dass die Maschine sogar noch funktioniert. Ob sie hier noch jemand bedienen kann, ohne die Beschreibung zu studieren, ist fraglich. Denn die Curta ist aus dem Alltagsgebrauch verschwunden, wurde in den 1970er-Jahren von elektronischen Rechnern abgelöst. Heute ist sie bei Sammlern in der ganzen Welt beliebt. Gut erhalten liegt der Wert zwischen 1500 und 2000 Euro.


Zur Sache
• Das Funktionsprinzip der Curta ist das der doppelten Staffelwalze. Sie wurde von 1948 bis 1971 vom Liechtensteinischen Unternehmen Contina in einer Gesamtstückzahl von etwa 140 000 produziert.
• Die Curta beherrscht die vier Grundrechenarten, wobei alle Rechnungen auf Additionen und Subtraktionen zurückgeführt werden. Die Erfindung mit einer komplementären Staffelwalze besteht aus ungefähr 700 Einzelteilen. Es gab zwei Typen, die Curta I und die Curta II. Sie unterscheiden sich durch die unterschiedliche Anzahl von Rechenstellen.
• Tipp: www.curta.de


Zur Person
• Am 26. Januar 1902 wird Curt Herzstark in Wien geboren, er ist Halbjude.
• 1938 lässt er seine Erfindung einer Rechenmaschine mit einer einzigen von Einstellrädchen umgebenen Staffelwalze patentieren.
• 1943 kommt Herzstark ins Konzentrationslager Buchenwald. Seine Arbeit an einer neuen kleinen Rechenmaschine wird bekannt. Sie sollte dem „Führer“ als Siegesgeschenk überreicht werden, doch er gab sein Wissen nicht frei.
• Buchtipp: „Curt Herzstark – Kein Geschenk für den Führer – Schicksal eines begnadeten Erfinders“


Öffnungszeiten Historisch Technisches Museum Sömmerda
Montag geschlossen
Dienstag und Donnerstag 9 bis 18 Uhr
Mittwoch geschlossen
Freitag 9 bis 16 Uhr
Sonntag 14 bis 17 Uhr

Telefon: (03634) 6929855
Fax: (03634) 6929854
E-Mail-Adresse: museum(@dreysehaus.de
Internet: www.dreysehaus.de
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Hannelore Grünler aus Artern | 16.07.2014 | 01:34  
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