Mein Geheimtipp: Ohne Helm, ohne Uniform und ohne Adler

Das Kriegerdenkmal mit einer betenden Frau – und an ihrem Rock zwei nackte Kinder.
Straußfurt: Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges |

Das Kriegerdenkmal mit einer betenden Frau – und an ihrem Rock zwei nackte Kinder

Bei den Ansichten von Straußfurt im Internet taucht dieses Denkmal nicht auf – sondern nur eins für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Und doch reiht es sich in die Grab- und Denkmalgalerie im Straußfurter Kirchhof ein. „Das Kriegerdenkmal des Ersten Weltkrieges ist nicht gestaltet wie man es erwartet, sondern damals wie sicherlich heute noch umstritten und deshalb mein Geheimtipp“, sagt Ortschronist Lothar Dillenberger nachdem er lange überlegte, was in Straußfurt ein Geheimtipp sein könnte.

Betracht man das Denkmal, wird das Besondere schnell klar. Dort steht kein stolzer Soldat in Uniform und fliegt kein Adler. Nein, auf dem Podest steht eine betende Frau. An ihren Rock klammern sich zwei Kinder ohne Kleidung. Ihre Gesichter zerreißen jedes Herz vor Traurigkeit. Zu den Füßen der drei liegt ein abgekämpfter, müder Krieger ohne Uniform. „Seine traurige Haltung spiegelt ebenfalls das Leid des Krieges wieder, das den Menschen widerfahren ist“, beschreibt Lothar Dillenberger die Figur.

Was er nicht eindeutig interpretieren kann, ist der Lorbeerkranz, den eines der Kinder in der Hand hält. „Wen will man damit ehren? Den Sieger? Sind die Gefallenen die Sieger?“, fragt er. „Aber entscheidend ist für mich die Gesamtaussage dieses Denkmals.“

Der Bildhauer Hans Walther aus Erfurt – seine Initialen sind auf der Rückseite des Denkmals eingearbeitet – hat es geschaffen. Er selbst kam als Heeressoldat mit traumatischen Erfahrungen aus dem Krieg zurück und lehnte es ab, Gewalt mit Kunst zu verherrlichen. Dies hat er mit zahlreichen Gefallenendenkmalen, die er in der Nachkriegszeit gestaltet hat, zum Ausdruck gebracht. Viele seiner ­Grabdenkmale in Erfurt überstanden deshalb die NS-Zeit nicht.

Obwohl Ortschronist Dillenberger seinen Heimatort wie seine Westentasche kennt, konnte er zu diesem Kriegerdenkmal von 1923 bisher wenig nachlesen. „Bekannt ist, dass Walther die Figurengruppe nach dem künstlerischen Vorbild von Ernst Barlach gestaltetet hat und dass damals nicht alle Straußfurter Gemeinderatsmitglieder für das Aufstellen dieses Denkmals gestimmt haben. Sie haben es als zu modern empfunden“, erzählt Lothar Dillenberger. „Sicher ist, dass die Kosten für das Denkmal zum größten Teil die damalige Zuckerfabrik in Straußfurt übernommen hatte.“

Ortsüberblick
Straußfurt ist eine Gemeinde mit etwa 1800 Einwohnern
• Nordwestlich verläuft der Höhenzug des „Hölzchen“ mit einem Trockenrasengebiet – dem Standort für das unter Naturschutz stehende „Adonisröschen“.
• Die Straußfurter Flur besitzt viele Feuchtbiotope. Die größte ist die Uferregion des Stausees. Dort kann man Graureiher, Schwäne und Haubentaucher beobachten. Ein Schauspiel ist das jährliche Rasten der Zugvögel.
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Hannelore Grünler aus Artern | 09.07.2015 | 12:26  
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