Das Gehirn schwindet, aber die Gefühle bleiben

Wilfried Georgi ist 78 Jahre. Er gründete zehn Selbsthilfegruppen und hat selbst sieben Jahre lang seine Frau gepflegt. (Foto: Wilfried Georgi)
Sömmerda: Seniorenpark | Selbsthilfegruppe Angehörige Demenzkranker jetzt auch in Sömmerda – Interview mit Initiator Wilfried Georgi.


Am 17. Mai hat sich in Sömmerda mit Ihrer Hilfe eine Selbsthilfegruppe Angehörige Demenzkranker gegründet. Warum erst jetzt?
Selbsthilfegruppen helfen sich nicht nur selbst, sie müssen auch selbst gegründet werden und sind völlig ehrenamtlich aufzubauen. Dass ich jetzt auch noch diese, die zehnte, gegründet habe, ist den eifrigsten unter den Sömmerdaer "Begleitenden”, zu danken, die bisher immer nach Greußen kamen und Hilfe suchten.

Wann und wo haben Sie die erste Gruppe gegründet?
Am 12. Mai 2001 in Greußen. 2000 hatten die Ärzte bei meiner Frau Demenz festgestellt. Da es die nächste Selbsthilfegruppe erst in Jena gab, beschloss ich hier eine zu gründen. Weitere gibt es in Sondershausen, Roßleben, Bad Langensalza, bei der Neuapostolischen Kirche und im Internet. Mit Sömmerda schließt sich nun ein Ring um Greußen. Das reicht mir.

Waren Sie immer der Initiator?
Ja, immer. Mich stört die Untätigkeit. Ich möchte auch, dass meine beiden Betroffenen nicht vergeblich davon betroffen waren. Allerdings ging es nie ohne einen Vertreter vor Ort, der mich unterstützt und bei Bedarf vertritt.

Wer macht das in Sömmerda?
Da habe ich mit Karola Eckardt das Glück.

Woher kommt Ihre Motivation?
Einesteils ist es Wut auf die Krankheit. Meine Krankheit jedoch ist das Helfersyndrom. Es ist meiner tief christlichen Erziehung und Einstellung zu schulden, jedem Bedürftigen beizustehen und zu helfen, wenn ich kann.

Warum ist Ihrer Meinung nach eine Selbsthilfegruppe für Angehörige Demenzkranker so wichtig?
Es gibt zum Glück fünf gute Medikamente gegen die verschiedenen Demenzen. Aber sie können nicht heilen. Regelmäßig geht der Betroffene mit seinem Begleiter zum Facharzt. Doch der Begleitende darf sich dann Gedanken machen, wie er es über 24 Stunden Rundum-Begleitung mal 365 Tage schafft. Das kann kaum jemand ohne selbst schweren gesundheitlichen Schaden zu nehmen. Auch ich hätte das ohne Selbsthilfegruppe nicht vermocht.

Ich stelle mir das auch schwierig vor. Besonders den Umgang.
Der Umgang ist wichtig, denn man kann mit den Kranken bis zum Schluss kommunizieren. Sie auszuschließen ist der falsche Weg. Bei ihnen schwindet zwar der Verstand, aber die Gefühle bleiben bis zuletzt.

Welche Aufgabe übernimmt die Selbsthilfegruppe?
Das Wichtigste ist das aus einem riesigen Erfahrungs- und Wissenspool genährte gegenseitige Gespräch und das ist in der Gruppe unversiegbar. Gleichzeitig bildet sie einen Trostpool.

Nicht wer kann, sondern wer sollte und wem empfehlen Sie, Kontakt aufzunehmen?
Ihre Frage ist gut formuliert, ich setze noch eins drauf: Es müsste sich jeder bei uns melden, der einen von Demenz Betroffenen zu Hause begleiten möchte oder muss.

Wann trifft sich die Sömmerdaer Selbsthilfegruppe?
Wir beginnen mit der Schulung am 30. Mai. Dort wird alles Weitere geklärt.

Gibt es besondere Aktionen?
Ja. Normalerweise treffen sich alle Selbsthilfegruppen einmal monatlich. Es gibt regelmäßig Vorträge. Geprüfte Fachbücher werden zur Ausleihe bereitgestellt und jedes Mitglied bekommt monatlich meinen Newsletter. Doch lassen wir es ruhig angehen. Ich bin fest überzeugt, dass auch die Selbsthilfegruppe in Sömmerda ein voller Erfolg gegen eine Volkskrankheit und eine wertvolle Entlastung für die Angehörigen der von Demenz Betroffenen wird.


Für das Gespräch bedankt sich Sandra Rosenkranz.




• Schulung ab 30. Mai montags 16 - 18 Uhr im Seniorenpark am Mühlgraben Sömmerda (sieben Einheiten)

• Kontakt:
Alzheimer Gesellschaft Thüringen e.V. ( 03 61 / 21 03 15 55
Selbsthilfegruppe Angehörige Demenzkranker Sömmerda: Wilfried Georgi 0 36 36 / 70 04 89 und Karola Eckardt 0 36 34 / 60 05 79

• Im Landkreis Sömmerda leben bei einer Einwohnerzahl von rund 74.000 nach einer wissenschaftlichen Statistik 960 an Demenz erkrankte Bürger, allein in der Stadt Sömmerda sind das bei 20.000 Einwohnern 260 Betroffene.
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