Einfach malen - ohne zu fragen

Michael Dyroff ist der Leiter des Kunsthauses Lukas in Buttstädt.
  Buttstädt: Kunsthaus Lukas |

Am 18. Oktober eröffnet die Stiftung Finneck ein Kunsthaus für Menschen mit und ohne Behinderung / Im Gespräch mit dem ­Kunsthausleiter Michael Dyroff

„Malen kennt keine Grenzen“, sagt Michael Dyroff. Der Maler und Pädagoge ist der Leiter des neuen Kunsthauses in Buttstädt, das am 18. Oktober eröffnet wird. Er lädt alle Menschen ein, in Malkreisen und offenen Angeboten im Kunsthaus, ihre Potenziale zu leben. AA-Redakteurin Sandra Rosenkranz sprach mit dem Künstler, der selbst seit über 40 Jahren malt, vorab über kreative Prozesse, Selbstvertrauen und was Menschen mit und ohne Behinderung künstlerisch voneinander lernen können.

Was heißt „Malen kennt keine Grenzen“?
Auf das Kunsthaus bezogen, heißt das, dass ich keine Grenzen ziehen werde. Inklusion ist die Aufgabe, dass alle Menschen Zugang haben.
Auf das Malen bezogen heißt das, einfach malen lassen, kreativ sein. Wenn ich anleite, dann nur um Impulse zu geben, zu dienen, zu assistieren, damit der Malende sich vollends auf seinen Malprozess konzentrieren kann. Jede Entscheidung die der Malende trifft ist richtig. Das ist das Spannende.


Es kann also jeder malen?
Eigentlich ja, auch wenn nicht immer alles gut aussieht. Das kann aber jeder nur herausfinden, wenn er es macht. Es geht um das Umsetzen der eigenen Fantasie und da ist alles erlaubt. Das muss nur harmonisieren.
Stefan bei der Stiftung Finneck beispielsweise. Er ist geistig behindert, hat aber Talent. Herzen sind sein großes Thema gewesen mit Gesichtern. Allein wollte er erst nicht malen. Wir haben dann Gespräche geführt. Plötzlich hatte er eine Idee und hat losgelegt. Er hat mich um Rat gefragt, aber meine Ideen nicht immer umgesetzt, sondern sie nur als Impuls genommen. Ich habe ihn machen lassen und seine Umsetzungen akzeptiert, dass hat ihn geprägt und gestärkt.


Sie würden also nie jemandem sagen: „Du kannst nicht malen“?
Nein. Aber was ich nicht mache, ist etwas schönreden. Ich möchte nicht lügen. Ich möchte jedoch zeigen, dass ich mit demjenigen mitlebe und ihn animiere, etwas neu zu machen, seine Stärken zu entdecken. Vernichtende Kritik bringt einen nicht weiter. Kritik muss neugierig machen und ich muss sie begründen.


Sie sind nicht nur Maler, sondern auch Pädagoge. Ist das ein Vorteil, auch wenn es um die Leitung des Kunsthauses geht?
Manchmal durch das Belehrenwollen auch ein Nachteil. Natürlich ein Vorteil. Ob ich alles richtig mache, weiß ich nicht. Das ist auch für mich eine Entdeckung. Was jetzt überhaupt mit dem Haus passiert. Kann ich das bewältigen, was ich an Ideen habe?
Seminare, Malkreise, Lesungen und weitere Angebote sollen das Haus zu einem Treffpunkt für Kultur- und Kunstinteressenten machen. Als Künstler möchte ich mich hier raushalten. Nicht mit meinen Erfahrungen, aber es geht nicht um meine Bilder. Hier geht darum Freude zu leben, mit Farben und Formen anzuregen. Die Skulpturen von Charlie aus dem Haus Elim der Stiftung Finneck haben hier schon einen Platz gefunden, weitere Kunstwerke von anderen Gästen sollen hinzukommen. Und dann gibt es zwei Dinge, die ich mit dem Kunsthaus vermitteln möchte: Lebensgefühl und einfach Malen ohne zu fragen, ob es große Kunst ist.


Müssen Sie bei erfahrenen und unerfahrenen Malern nicht unterschiedlich ansetzen? Wobei letztere nicht vielleicht auch noch eine Hemmschwelle überwinden müssen?
Die wird vielleicht sowieso da sein, weil das Kunsthaus über die Stiftung Finneck läuft und die Arbeit gemeinsam mit den behinderten Menschen erfolgt. Das kann ich nicht auflösen. Ich kann nur sagen: Seid neugierig. Schaut, was passiert und vielleicht bekommt ihr Lust.


Denken Sie, dass sie mit Vorurteilen kämpfen müssen?
Die kann ich nicht aussschließen. Aber hier kann man mal ganz unvoreingenommen reinkommen. Denn das, was selbst Schwerbehinderte malen können, macht neugierig. Und selbst wir können von den Behinderten lernen.
Wenn wir vielleicht vor einem großen weißen Blatt stehen und zucken, Angst haben loszulegen, überlegen die behindertenMenschen oft nicht lange. Sie legen einfach los und strahlen dabei. Da können wir das Unbefangene lernen. Der geistig behinderte Mensch fragt nicht erst nach dem Gefallen des Bildes und ob er das überhaupt kann, sondern er geht in dem Malprozess auf.
Und dann wird es Spannend: Was passiert, wenn die Behinderten sehen, was die anderen malen. Das kann ich nicht voraussehen. Da bin ich gespannt. Da können diese Menschen vielleicht auch von uns lernen.


Sie haben mal gesagt: Jeder kann im kreativen Prozess mit Farbe erfahren, dass man sich selbst vertrauen und dabei seine Fähigkeiten erkennen kann.
Ja, das stimmt. Natürlich kommt das Malen aus der Erfahrung heraus. Bestimmte Grundsachen kennt und kann aber jeder. Zum Beispiel die Farben.Wichtig ist, dass der Maler merkt, dass in seinen Prozess nicht ständig reingeredet wird. In diesem Schaffen merkt er, dass er ganz bei sich selbst ist. Er muss nicht immer alles benennen. Er merkt, dass es Spaß macht. Er kommt runter vom Alltagsstress. Und das steigert wiederum das Selbstwertgefühl. Das ist keine Therapie. Aber es passiert etwas mit dem Menschen. Meines Erachtens entsteht nur eine Hemmung, weil die Neugierde verschwindet. Aus Angst etwas verkehrt zu machen, beschäftige ich mich damit lieber nicht. Das möchte ich barrierefrei machen.


Ist der Schritt zur Selbstüberschätzung danach nicht sehr klein?
Natürlich. Wo da die Grenze ist, weiß ich nicht. Ich kann nur ein Momentgefühl vermitteln.


Malen ohne Barrieren und Grenzen?
Das Grenzenlose heißt aber nicht, dass die Kunst keine Regeln hat. Die möchte ich in den Prozess mit einbringen. Warum sieht Gelb und Grün langweilig aus? Was ist der Farbkreis, die Komplementärfarben? Die Gesetzmäßigkeiten möchte ich nicht außen vor lassen. Diesen Anspruch habe ich an den Malkreis.

Was haben Sie noch geplant?
Es gibt Techniken mit Acryl und Aquarell, die ich hier für möglich halte auszzuführen. Auch Workshops im Papierherstellen zum Beispiel. Graffiti ist auch ein Thema, von dessen Vielseitigkeit ich begeistert bin. Ich werde die Teilnehmer immer an ihren Entwicklungspunkten abholen, um gemeinsam mit ihnen Fortschritte zu machen.
Das Eigene von dem Haus ist, wir haben die große weiße Wand, wir haben Staffeleien, Tische, ein Farbenpult und Trennwände, wenn jemand für sich sein möchte. Wir haben eine Handpresse für Linolschnitt und Materialdruck. Ich habe viel Literatur gekauft, von der ich mich selbst anregen lassen werde. Und ich möchte wissen, was den Leuten am Herzen liegt.


Was malen Sie hauptsächlich?
Öl und Aquarell. Und Motive eigentlich alles. Meistens Landschaften und jetzt kommen auch immer mehr philosophische Themen hinzu.


Was bedeutet Malen für Sie?
Malen ist für mich Freiheit. Irgendwie hab ich ein Ideal: Früher wurde Hausmusik in der Familie gemacht und oder gemeinsam gemalt, gedichtet ohne einen Anspruch zu haben gleich ein Künstler zu sein. Malen, Musizieren diente dazu, die Gemeinschaft zu festigen und sich zu unterhalten beziehungsweise sich zu entspannen.
Viele suchen derzeit einen Ausgleich zum Alltag. Das finde ich gut. Aber manchmal hab ich das Gefühl, dass viele ein Superstar werden wollen. Bin ich schlecht, wenn ich keiner bin? Ich finde es sollte einfach nur um das Malen gehen, um die Freude des Schaffens, mehr nicht, aber auch nicht weniger.


Warum heißt das Kunsthaus Lukas?
Das war ich. Eigentlich hatte ich „Malzeit“ geplant. Aber weil ich im Internet so viele Werkstätten und Kurse mit diesem Namen gefunden habe, musste ich mir etwas anderes ausdenken. Weil die Namen der Häuser der Stiftung Finneck alle einen biblischen Bezug haben, fiel mir ein, dass der Evangelist Lukas Kunstmaler und Arzt gewesen ist und das Evangelium geschrieben hat und dewegen Schutzpatron für Künstler und Ärzte ist. Lukas ist auch ein geläufiger Name und da haben wir den Alltag, den religösen Bezug und einen Schutzpatron dazu und am Tag der Hauseröffnung, dem 18. Oktober, ist der Namenstag von Lukas.

Und wie kam es überhaupt dazu, solch ein Kunsthaus zu eröffnen?
Ich bin Kinderheimbetreuer gewesen, habe ich mit den Kinder immer etwas gemalt und da plötzlich auch Talente entdeckt. Widersprüche und Widerstände gab es natürlich auch, dass diese Menschen doch nicht malen könnten. Aber ich habe mich nicht beirren lassen. Die Mitarbeiter waren mehr und mehr angetan. Mir kam dann der Gedanke, dass man sich den Behinderten doch professionell widmen kann. Ich habe mir ein kleines Kunsthauskonzept fertigen lassen. Das habe ich dann 2008 / 2009 der damaligen Finneck-Chefin vorgelegt. Jetzt bin ich auf offene Ohren gestoßen und jetzt bin ich hier und man kann jederzeit kommen.
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