Sechzig Jahre zwischen Plauen und Kölleda

Lieselotte Albert verbrachte ein Jahr im Kreiskrankenhaus Kölleda und erzählt 60 Jahre später - aus der Sicht der Lernschwester.
 
Das Kreiskrankenhaus in den 50er Jahren.
 
Hier fand Frau Albert damals die Annonce.
 
Vier der Kölledaer Schülerinnen (oben) im Jahre 1952/53 und der Arnstädter Examenkurs aus dem Jahre 1954 (Bild unten).

Eine Zeitzeugin berichtet aus dem Wirken als Lernschwester in Kölleda.



In einer Zeit, in der man den Patienten noch das Kopfkissen aufschüttelte, es kein Einmalmaterial gab, und die "Gute Nacht Runde" - so selbstverständlich war - wie der freundliche guten Morgen Gruß, verschlug es die aus Plauen stammende Lieselotte Albert, im Alter von 20 Jahren als Lernschwester (vom 3. November 1952 bis 01.Januar 1953) in das damalige Kölledaer Kreiskrankenhaus.
Was ging der Lernschwester von einst durch den Kopf, als sie nach sechzig Jahren zurückkehrte?

1. Wie kam es zur Berufswahl als Krankenschwester und wie kommt eine aus Plauen stammende Krankenpflegeschülerin nach Kölleda?
Nach Traumberufen fragte in dieser schweren Nachkriegszeit absolut niemand.
Ich erwischte einen Lehrvertrag und wurde Kaufmannsgehilfin für Groß - und Einzelhandel. Danach folgten zwei Jahre in der freiwilligen Gerichtsbarkeit/Amtsgericht als Sachbearbeiterin. In dieser Zeit kam mir in der Zeitschrift "Stafette" der evangelischen Jugend eine Annonce der "Zehlendorfer" in die Hände. Ich erkundigte mich umfassend - ein Briefwechsel fand statt - die Entscheidung folgte und so wurde ich "berufen" in das Kreiskrankenhaus Kölleda. Diese Diakonieschwesternschaft mit Heimathaus in Berlin - Zehlendorf hat jeweils mit den Krankenhäusern der Städte oder der Kreise einen Gestellungsvertrag über eine Gruppe/Anzahl Schwestern, um dieses Krankenhaus zu betreiben. Das ist immer eine Leitende Schwester, für die Stationen eine Stationoese und die Vertretung. Dazu kamen je nachdem: Schwestern für OP, Röntgen, Küche, Wäsche und ähnliches. Diese kamen alle von außerhalb. Sie bildeten den (familiären) Schwesternkreis und wohnten im Hause. Das sogenannte freie Personal kam aus der Stadt und der Umgebung. Die Stadt Kölleda war also nicht selbst gewählt, sondern es war einer von vielen Orten in Ost und West, wo Diakonieschwestern in Arbeitsfeldern tätig waren.


1. Wenn Sie an Ihre Zeit als Lernschwester im ehemaligen Kölledaer Krankenhaus zurückdenken, woran erinnern Sie sich am liebsten?
Für mich war es das erste eigene los-Lösen aus dem Elternhaus im Alter von 20 Jahren, und so waren meine Gedanken vielfältig, als ich mit dem Zug von Plauen über Gera - Erfurt - Sömmerda - in Kölleda ankam. Ich erinner mich an die Bahnhofstraße, damals noch ziemlich unbebautes Gebiet - bis man links zum Krankenhaus abbog. Das war schon alles aufregend für einen totalen Neuling in Krankenhausdingen. Die Ankunft, auch ganz offiziell mit polizeilicher Abmeldung und Ummeldung der Lebensmittelkarten von zu Hause, hatten so was endgültiges, es war alles neu.
Man wurde "eingekleidet". Eine Schülerin bekam "nur" die Arbeitstracht, die aber auch im Umfeld und zu den Stadtwegen getragen wurde. Weiße Bluse, kurze Ärmel, Kleiderrock grau-weiß gestreift, Schürze, Haube und Brosche. Das sagt aus, ob man Schülerin, Jungschwester, Stammschwester oder Verbandsschwester ist. Mit der Haube hatte ich anfangs Probleme, da meine frisch dauergewellten Haare immer wieder heraus rutschten. Wichtig war auch die Rocklänge, 30 cm vom Boden! Das war aber auch damals in der Damenmode durchaus üblich. Hosen für Frauen waren noch nicht Mode, nur im Sport.
So - nun war man eingekleidet - man gehörte nun dazu.
Ich bewohnte mit vier weiteren Mitschülerinnen das große Giebelzimmer hoch oben über dem Haupteingang. Die Verhältnisse waren sehr bescheiden, aber geborgen und glücklich lebten wir dort. Zwischen uns fünfen sind lebenslange Freundschaften entstanden, wir lachten und weinten zusammen, zofften uns und waren wieder gut. Wir konnten uns austauschen über Gutes und schlimmes, wie es "unseren" Patienten geschah - wir lebten und arbeiteten in der Gemeinschaft des Schwesternkreises und wir tauchten tief in die Krankheiten und Schicksale der Patienten ein - wir litten sehr mit.

Unter Anleitung meist der Zweitschwester machten wir die ersten Schritte in den Beruf und lernten was wir durften oder nicht durften. Natürlich waren alle Nebenarbeiten "unsere". Es ging sozusagen von der Pike auf. Klo scheuern, Windeln vorspülen ( das Grobe), es gab keinerlei Einmalmaterial. Die Elastikbinden kochen, spülen, wieder schön aufwickeln, bei alldem sehr auf Hygiene achten, zu exakter Zeit die Anweisungen im Stationszimmer beachten - Tropfen verabreichen und abhaken usw. und irgendwann dann auch die erste subkutane Injektion im Beisein einer Schwester. Da gab es natürlich Vordrängler, eifrige - aber auch solche, die bissel rangeschubbst werden mussten.
Man wurde immer mal versetzt, um alles kennenzulernen. Ich arbeitetet zuerst im Haupthaus, Station I - Chirurgie, dann auf 2 und den 3, den Baracken. Die Oesen hießen Gertrud, Gunhild und Ruth und ich hielt mich möglichst von diesen noch respektvoll zurück, aber man wurde trotzdem beobachtet und beurteilt - 1/4 Jahr war ja Probezeit, da hießen wir "Pröbchen". Mit den Ärzten selbst hatten wir nichts zu tun. Aber mit den Patienten knüpften wir Kontakt beim so genannten Staub wischen in den Zimmern. Da gab es zuerst manche Verwechslung - dem Dialekt geschuldet - aufgrund der örtlichen Eigennamen.
Es wurde auch noch viel gepflegt und in Ordnung gehalten durch die Schwestern: Betten machen, Verordnungen nach Plan ausführen, z. Bsp. Wickel anlegen, feuchte Wärme auf den Bauch, Verbände - Einläufe, Vorbereitungen zur OP und abends bekamen die Patienten grundsätzlich noch das Kopfkissen aufgeschüttelt. Jeder Patient wurde erst entlassen, wenn sein Gesamtbefinden es erlaubte, es ging nicht "Schema-F".
Gemeinsam mit den Patienten erlebte man Gutes und Böses. Einmal hatten wir im Kinderzimmer auf Station 1 einen Jungen, vielleicht 5 Jahre, der durfte nur ganz wenig trinken. Das tat mir sehr leid, weil man ja nicht gegen die Anweisung verstoßen durfte.
Im Seitentrakt vorn auf der 1 waren Zimmer für Schwangere zur Entbindung. Da war plötzlich alles in Bewegung, wenn eine Frau mit Wehen kam und jeder war froh, wenn auch die Hebamme rechtzeitig eintraf - sie war nicht im Haus angestellt, sondern wurde gerufen. Wie erlösend, wenn dann ein Schreien zu hören war: das Baby war auf der Welt.
Irgendwann hatte ich Sonntagsdienst in der Ambulanz - gleich beim Haupteingang links - da kam Chefarzt Dr. med. Ziller auf seiner Runde vorbei. Er testete mich schnell mal auf Staub an der Portiere - natürlich im Spaß. Ich sehe ihn noch vor mir, er war ein guter Chef und ein guter Mensch, ohne jegliche Arroganz und immer dem Patienten in seiner Ganzheit zugewandt. Wir mochten ihn alle sehr.

In OP und Ambulanz hatte Schwester Maria ihr Tun. Sie ist mir noch sehr deutlich in Erinnerung und bei ihr erlebte ich dann als "Unsterile" auch meine erste Operation. Ein junger Mann wurde an der Schilddrüse operiert, also vorn am Hals. Es war mir erstaunlich und etwas schauerlich, dass er mit der offenen Wunde immer auf Fragen des Arztes antworten musste. Er war nicht in Vollnarkose. Aber nur so konnte festgestellt werden, dass die Stimmbänder funktionierten. Und unsereiner war hinter her auch ganz stolz, was man alles schon gelernt und mitgemacht hat. Übrigens arbeiteten wir den ganzen Tag, mit zirka zwei Freistunden, diese lagen entweder vor dem Mittag oder danach.


In einem Krankenhaus gibt es immer auch Dauer und Langzeitpatienten, jedenfalls damals. Sie hätten zu Hause nicht bestehen können, sie brauchten Pflege und Zuwendung rund um die Uhr. Pflegeheime oder Hospize in der heutigen Form gab es nicht. Dies waren auch nicht vornehmlich alte Menschen, sondern Familienmütter oder Väter, die schwerste Erkrankungen hatten und auf ständige Spritzen gegen Schmerzen und ähnliches angewiesen waren.
Auch diese, ich erinner mich noch sehr, hatten unsere volle Liebe und unseren großen Willen, ihnen beizustehen. Auch die "Visite" hielt sich meist ein klein wenig länger bei ihnen auf. Während der Gute Nacht Runde - konnte jeder Patient noch etwas fragen - es wurde ein Abendvers oder ein Gedicht gelesen und so die Patienten für eine ruhige Nacht vorbereitet. Ganz unvorstellbar heute. Es gab weder Radio, Fernseher, Handy oder ähnliches. Telefonieren? Wer hatte schon zu Hause ein Telefon?


3. Was hat sie dazu bewogen, Kölleda wieder zu verlassen?
Es war nötig, nun nach Arnstadt zum dortigen Kreiskrankenhaus zu kommen, dem eigentlichen Ausbildungsseminar. Dies mit weiteren Unterricht in Richtung Examen. Viel Neues kam da auf mich zu und am 23.09.1954 überstand ich, mit weiteren 14 Schülerinnen mit Zittern und Zagen, aber mit Bravour das Examen.

4. Was haben Sie empfunden, als sie 60 Jahre später - als Besucherin zurückkehrten und vor dem Gebäude standen?
Immer wollte ich noch einmal nachschauen in Kölleda, aber es hat 60 Jahre gedauert, bis ich wieder per Zug - die gleiche Strecke - in Kölleda ausstieg und die jetzige Bahnhofsstraße hin wanderte - immer das "damals" vor den Augen. Am leeren Gebäude sah ich, dass es noch nicht lange verlassen sein konnte. Es war in gutem Zustand - ich las alle Schilder an den Türen, konnte aber leider, leider nicht hinein. Ich ließ alles auf mich wirken und es fiel mir das hier Niedergeschriebene ein.


Hintergrund
Das Gebäude wurde 1907 erbaut.
Von 1912 bis 1973 haben die Zehlendorfer Diakonieschwestern in diesem Haus gewirkt.
Später galt das Krankenhaus nur noch als Außenstelle für Innere Medizin des Sömmerdaer DRK-Krankenhauses.
Mit Inbetriebnahme des neuen Bettenhauses in Sömmerda wurde die Außenstelle 2011 geschlossen und teilweise lediglich als Archiv genutzt.
2014 erwarb die Stadt Kölleda die Immobilie (Voreigentümer war der Landkreis) und investierte 430.000 Euro in die Zukunft, mit dem Ziel barrierefreien Wohnraum zu schaffen.
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2 Kommentare
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Jürgen Hildebrandt aus Sömmerda | 14.01.2015 | 15:03  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 14.01.2015 | 17:18  
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