Es darf leicht im Leben sein - und alles ist im Gleichgewicht

Anja Werner testet Reflexe. Fotos: S. Rosenkranz
     
Was hier mal einfach aussieht, war beim Test nicht immer so. Doch letztlich habe ich im Test alle Aufgaben gemeistert. Nur etwas mehr Sport sollte ich noch treiben. Wenn da nicht immer die knappe Zeit wäre ...

Anja Werner beschäftigt sich als Neurophysiologische Entwicklungsförderin mit frühkindlichen Reflexen

Zum Programm „Bildung kommt ins Gleichgewicht“ ist die erste Fachtagung in Vorbereitung. Der zweite Bildungstag zum Thema „Vielfalt der entwicklungsfördernden Möglichkeiten zum individuellen Lernen“ findet am 21. und 22. März an der Finneck-Schule „Maria Martha“ statt. Hinter der Organisation der Aktionen steckt Anja Werner. Sie ist Neurophysiologische Entwicklungsförderin und Mitarbeiterin an der Förderschule und integrativen Ganztagsgrundschule in Rastenberg.

Seit wann arbeiten Sie als Neurophysiologische Entwicklungsförderin?
Seit 2006, ursprünglich habe ich Kindergärtnerin gelernt. Bereits vor 22 Jahren bin ich zur Stiftung Finneck gekommen und habe dann berufsbegleitend eine Weiterbildung zur staatlich anerkannten Heilpädagogin absolviert. Seit 2003 beschäftige ich mich mit frühkindlichen Reflexen. Im Jahre 2005 begann meine Ausbildung zur Neurophysiologischen Entwicklungsförderin.


Was genau macht eine Neurophysiologische Entwicklungsförderin?
Ich untersuche den Bereich im Gehirn, wo grundlegende motorische Muster festgelegt sind. Das sind beispielsweise die bereits genannten frühkindlichen Reflexe. Sie müssen bis zum einem Alter von einem Jahr gehemmt sein. Ist das nicht der Fall, dann ist es für das Kind schwierig, bestimmte Automatismen auszubilden. Es ist z.B. wichtig, dass ein Kind, spätestens wenn es in die Schule kommt, für eine bestimmte Zeit still sitzen oder auch still stehen kann.


Was ist ein frühkindlicher Reflex und was ein Automatismus?
Die frühkindlichen Reflexe sind bedeutend für die Entwicklung des Menschen. Sie legen ganz allgemein formuliert wichtige Grundlagen für späteres schulisches Lernen und Verhalten. Ein Beispiel dafür ist das Gleichgewichtsvermögen, welches die Grundlagen über die Entwicklung dieser frühkindlichen Bewegungsmuster erhält. Eine gute Ausreifung in diesem Bereich ist wichtig für Aufmerksamkeit, Konzentration und anderer Vorgänge.

Automatisch laufen Bewegungsmuster genau dann ab, wenn sie gut integriert sind. Ein Beispiel: Das Kind sitzt in der Schule und hat die Aufgabe bekommen, einen Text aus dem Buch abzuschreiben. Um diese Leistung zu erbringen, sind zahlreiche Voraussetzungen notwendig. Der Abstand zwischen Auge und Hand wird automatisch abgeschätzt, der Stift wird automatisch locker gehalten und in einem flüssigen Schreibvorgang über das Blatt geführt. Dabei sitzt das Kind automatisch still, was sehr wichtig ist, damit die Augen gleichmäßig der Hand folgen können. Die Vorgänge laufen also ab, ohne dass das Kind darüber nachdenken und sich vielleicht immer wieder orientieren muss, in welcher Zeile im Aufgabenheft es gerade ist.

Ein weiteres Beispiel: Beim Weitsprung automatisch das Absprungbrett zu treffen und damit die Entfernung zum Brett und die eigene Koordination darauf abgestimmt werden.

Fehlen Bewegungsvorgänge oder sind sie nur unzureichend entwickelt, kann ein Kind derart einschränkt sein, dass für eigentlich ganz normale Vorgänge mehr Energie benötigt wird. Es muss sich mehr anstrengen und immer wieder daran denken, still zu sitzen, den Stift locker und richtig anzufassen oder aufmerksam zuzuhören.


„Verwachsen“ sich solche frühkindliche Reflexe, sodass später alles von selber ausgeglichen wird?
Frühkindliche Reflexe bleiben ein Leben lang im System, wenn sie nicht bis zum ersten Lebensjahr abgebaut sind und können dort unter Umständen stören. Der menschliche Körper ist aber intelligent und kann Defizite unter Umständen durch Bereiche, die gut funktionieren kompensieren.


An der Finneck-Schule läuft das Projekt „Bildung kommt ins Gleichgewicht“. Sie organisieren für den 21./22.03. einen Bildungstag zu entwicklungsfördernden Möglichkeiten. Was wollen Sie erreichen?
Die Idee besteht darin, meine spezielle Arbeit mit dem Bildungsauftrag unserer Schule zu verknüpfen. An der Ganztagsgrundschule wollen wir alle Kinder mit den besten Möglichkeiten fördern. Mein persönliches Anliegen ist es aber auch, die Gesellschaft für auffällige Kinder mit anfangs scheinbar schwer zu indentifizierenden Ursachen zu sensibilisieren. Das sind Kinder, die in ihrer Entwicklung verschiedene Defizite hatten, zum Teil schon in vielen Therapien waren und oftmals ohne einen „durchschlagenden“ Erfolg. Wenn man sich in der Folge mit diesen Kindern beschäftigt und verschiedene Tests macht, zeigt sich oft, dass sie normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent sind. Trotzdem schaffen sie es in der Schule nicht. Sie können Auffälligkeiten in den unterschiedlichsten Bereichen aufzeigen. Häufig sind sie unaufmerksam, können sich nicht konzentrieren, Fein- und Grobmotorik sind nur unzureichend entwickelt. Zum Bildungstag sollen die Leute erfahren, welche Ursachen es gibt, dass diese Probleme nicht ausweglos sind und dass der Bereich der Bewegung sehr wichtig ist. Auch anhaltende frühkindliche Reflexe können wie bereits gesagt eine Ursache sein, wenn beim Kinderarzt von zentraler Koordinationsstörung die Rede ist.


Was trainieren sie da mit den Kindern?
Übungen, die den ganzen Körper in Bewegung bringen und insbesondere Kopfbewegungen spielen hier eine bedeutende Rolle. Gleichgewicht, Muskeltonus und Koordination werden trainiert. Auch an der Schule arbeite ich auch als Neurophysiologische Entwicklungsförderin.


Ich habe mich einem Test bei Ihnen unterzogen. Was haben Sie bei mir genauer unter die Lupe genommen?
Ich habe bei Ihnen beispielsweise die Grob- und Feinmotorik getestet. Aber auch Tests, die das Kleinhirn fordern, denn das hat die Aufgabe bestimmte Bewegungsimpulse zu geben. Hier auftauchende Defizite kann ich u.a. mit den Bereichen der frühkindlichen Reflexe verknüpfen. Zudem habe ich die Dominanz von Auge, Hand, Fuß und Ohr getestet, Ihre Augenmotorik untersucht, ob und wie ein Gegenstand fixiert wird. Aber auch inwieweit sich die Augen über die Körpermitte bewegen können. Die Fähigkeit der Augefolgebewegungen ist wichtig für das Lesen und Schreiben. Und hier ist wiederum ein gut ausgebildetes Gleichgewichtsvermögen entscheidend. Die Untersuchung Ihrer Balance hatte eine zentrale Rolle in der Testung. Die Ausbildung dieses Systems ist sehr wichtig für den Entwicklungsprozess.
Unser Gleichgewicht, physisch wie auch psychisch, ist eng mit unserer Gesundheit und Lebensqualität verknüpft.


Sie haben bei mir glücklicherweise keine Defizite festgestellt. Ich habe auch keine frühkindlichen Reflexe mehr. Was wäre, wenn es der Fall gewesen wäre?
Ich hätte Ihnen die Fakten und deren Hintergründe erklärt und warum ich vermute, dass die Reflexe bestimmte Abläufe stören. Sie hätten mir Ihre Schwierigkeiten genannt und wir hätten das in Verbindung gesetzt.


Wäre ich dann krank?
Nein. Wir hätten lediglich Schwierigkeiten im Wahrnehmungs- und Bewegungssystem festgestellt.


Wie merkt man, dass „nicht alles stimmt“?
Das ist nicht ganz einfach. Viele Indikatoren wie z.B. Höhenangst, Übelkeit im Auto oder auch Konzentrationsschwäche können mit frühkindlichen Reflexen zusammenhängen.


Diese Probleme werden aber doch als normal angesehen. Und Sie sagen, dass man diese lösen kann, wenn man will. Was raten sie Betroffenen?
Ich würde ihnen empfehlen, sich über dieses Thema näher zu informieren. Das geht beispielsweise über die Internetseite www.inpp.de oder wir vereinbaren einen Termin für einen Test.


Und wie funktioniert eine Behandlung?
Es werden Bewegungsübungen individuell vom Therapeuten zusammengestellt und zu Hause über einige Wochen mindestens fünfmal wöchentlich geübt. Danach wird erneut getestet, um Aufschluss über Veränderungen zu bekommen. Die Übungen werden an die Veränderungen und Fortschritte neu angepasst. Der gesamte Übungszeitraum umfasst eineinhalb bis zwei Jahre.


Das klingt prinzipiell ganz simpel und scheint das Leben auch einfacher zu machen. Wenn man weiß, woher die Probleme kommen, kann man sie versuchen zu lösen.
Eine Mutter aus Leipzig, selbst Heilpraktikerin, sagte nach einer Therapie mit ihrem Sohn bei mir: „Es darf leicht sein. Es ist ein Qualitätsunterschied zwischen Überleben und Leben.“ Viele können gar nicht glauben, was eine Übung bewirken kann. Man kann dem Kind oder Erwachsenen damit eine zweite Chance auf eine bessere Entwicklung und ein leichteres Leben geben.


Scheinbar liegt vieles auch am Gleichgewicht. Haben Sie Tipps, wie man es im Alltag trainieren kann?
Ganz wichtig ist es Bewegung in den Alltag zu integrieren. Z.B. könnte man sich motivieren, die Treppe anstelle des vorhandenen Fahrstuhls zu benutzen. Kinder benötigen die Möglichkeit, ihren natürlichen Bewegungsdrang auszuleben. Balancieren, Schaukeln, Klettern und vieles mehr muss nicht nur erlaubt, sondern gezielt angeboten werden.

Internetttipps:
Institut für Neuro-Physiologische Psychologie (INPP): www.inpp.de
Anja Werner: www.praxisanjawerner.de


Wie habe ich, Sandra Rosenkranz, meinen Test erlebt habe?
Zunächst war ich überrascht. Über zwei Stunden sollte der Test gehen. Und am Ende dauerte es wirklich so lange.
Zunächst schien es einfach. Ich sollte mich hinlegen. Erst auf den Rücken. In Ordnung. "Und jetzt so schnell aufstehen wie möglich", sagte Anja Werner. Es ging, aber war es auch schnell genug? Da merkte ich, dass ich doch mal wieder mehr Sport machen sollte. Einfacher und schneller ging das Aufstehen aus der Bauchlage heraus. Das motivierte mich wieder ein bisschen.
Dann hieß es stellen Sie den linken vor den rechten Fuß und gehen. Ich am doch tatsächlich dabei ins Schwanken.........Fortsetzung folgt
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2 Kommentare
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 26.02.2014 | 09:55  
Sandra Rosenkranz aus Sömmerda | 26.02.2014 | 11:10  
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