Guten Morgen, liebes Knie - besser lernen im Gleichgewicht

Die Zweitklässler der Integrativen Grundschule in Rastenberg trainieren vor dem Unterricht mit kleinen Übungen das Gleichgewicht. Im Bild bewegen die Schüler ihren Körper nach vorn und zurück, müssen die Endpositionen kurz halten.
  Bildung kommt ins Gleichgewicht: Bewegungen im Vorfeld des Unterrichts können die Lernleistungen verbessern

Erwartungsvoll stehen die Zweitklässler der Integrativen Ganztagsgrundschule in Rastenberg neben ihren Tischen. Vor der ersten Schulstunde begrüßen sie mit gesenktem Kopf abwechselnd die Knie. "Guten Morgen, liebes Knie." Vor der zweiten Stunde heißt es: "Erst nach vorn, und dann zurück. Ich bleib steh'n, was für ein Glück." Vor der nächsten Stunde drehen sie sich um die eigene Achse, müssen mit dem Körper rauf und runter. Jeweils nach drei Minuten ist Schluss und Unterricht angesagt.

Anja Werner, Heilpädagogin und Neurophysiologische Entwicklungsförderin, hat bei den Gleichgewichtsübungen alle im Blick - auch Jessica, Lea und Lena. "Die Übungen machen Spaß und die Sprüche dazu sind lustig", sagt Lena. Ist alles im Gleichgewicht, beginnt das Lernen.

Die Bewegungsabläufe stammen aus einem Gleichgewichtsprogramm zur Lernunterstützung im Rahmen der Studie "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit" des hessischen Kultusministeriums. Anja Werner ist eine dafür zertifizierte Dozentin in Thüringen. Dorothea Beigel, Lehrerin und Sozialpädagogin, entwickelte das Programm, denn "Konzentration und Aufmerksamkeit haben maßgeblich mit der Verarbeitung von Gleichgewichtsreizen zu tun". Anstoß zu dem von ihr geleiteten Projekt gab 2006 ein Hals-Nasen- Ohren-Arzt. Er stellte bei vielen Kindern eine Überempfindlichkeit im Hören fest und brachte dies mit Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben in Verbindung.

Die wissenschaftliche Studie "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit I" zum Hören, Lärmprävention, Sehen und Gleichgewicht zeigte, dass zwei Drittel der Kinder im Grundschulalter Probleme mit dem Verarbeiten von Gleichgewichtsreizen haben und dies mit schlechteren Noten in Deutsch, Mathe und Sport korrelierte. "Die Intelligenz ist da, aber um das Potenzial zu nutzen, fehlt die Bewegung", weiß Dorothea Beigel. "Fest steht, dass Kinder sich heute weniger bewegen, die Meilensteine der motorischen Entwicklung aber unverändert sind."

Die Übungen aus dem Programm trainieren gezielt das Gleichgewicht. Sie werden nicht in den Sportunterricht integriert, sondern auf die Unterrichtsstunden verteilt, um Gehirn, Aufmerksamkeit und Konzentration immer wieder anzuregen. "Jeder Lehrer schafft es, drei Minuten von der Stunde abzugeben", sagt Dorothea Beigel. "Zudem hilft das langsame Ausführen der Übungen den Alltag zu entschleunigen. Und die Schüler sollen mit Freude trainieren. Ob frei, mit Festhalten oder im Sitzen."

Sprüche begleiten das Mini-Training, das fast ohne Hilfsmittel funktioniert. "Sie erhöhen die Anforderung und durch das Sprechen wird die Atmung trainiert", erklärt die Motopädin. Sie hat für die in Hessen messbaren Leistungserfolge eine eigene, aber wie sie betont, "unwissenschaftliche" Erklärung: "Ich glaube auch, dass das gemeinschaftliche Ausführen der Übungen, das emotionale und soziale Verhalten positiv beeinflusst."

In allen Bundesländern praktizieren bereits einige Schulen das Programm. Die Entscheidung ist freiwillig. "Ich denke, wenn es den Kindern gut tut, spricht es sich weiter herum." Aber darauf möchte Anja Werner in Thüringen nicht warten. Für September 2014 organisiert sie zum Programm den ersten Fachtag im Freistaat. Die Fachschule für Gesundheit und Soziales in Weimar, Landessportbund, Stadtsportbund Weimar und Stiftung Finneck gehören zu den Unterstützern. Die Schirmherrschaft übernimmt Sozialministerin Heike Taubert.

Anja Werner möchte das Projekt - ähnlich wie in Hessen - an alle Schulen Thüringens herantragen. Positive Erfahrungen konnte sie bereits sammeln: "Mir berichten die Rastenberger Lehrer, dass sie verbesserte Bewegungsabläufe beobachten und die Schüler die Übungen gern machen."


Hintergrund

• Die Studie des Kultusministeriums Hessen „Schnecke-Bildung braucht Gesundheit“ in
Zusammenarbeit mit den Hochschulen in Aalen und Bochum wurde mit 8000 Schülern in den Jahren von 2007 bis 2012 durchgeführt. Sie belegt die positive Wirkung der
Bewegung auf den Lern- und Motivationsprozess.

• Das dafür entwickelte Gleichgewichtsprogramm zur Unterstützung des Lernens
und der Gesundheit entstand im Austausch zwischen Pädagogik und Medizin. Es kann vom Kindergarten bis zum Gymnasium und im Förderschulbereich angewendet werden.

• In Thüringen läuft das Programm im Landkreis Sömmerda seit Anfang Oktober an
der Ganztagsgrundschule der Stiftung Finneck in Rastenberg (1./2. und Förderschulklasse) und im Landkreis Saalfeld Rudolstadt (Initiative Sabine Franz).

• Der Name „Schnecke“ für das Projekt leitet sich aus der Gehörschnecke im
Innenohr ab. Das Gleichgewichtsorgan gilt als der älteste Teil des Ohres.

• Weitere Infos: www.bildung-kommt-ins-gleichgewicht.de

• Kontakt Anja Werner, anja.werner.rb@web.de

Dorothea Beigel:
"Es geht nicht darum, die Gleichgewichtsübungen zu können, sondern es geht darum,
sie zu machen. Wir können unseren Gleichgewichtssinn in jedem Alter trainieren. Je
früher Kinder damit anfangen, umso mehr profitieren sie davon."
„Wahrnehmen und Bewegen bilden eine Einheit.“
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1 Kommentar
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Hannelore Grünler aus Artern | 13.01.2014 | 06:58  
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