Das Seepferdchen reicht nicht

In der Sömmerdaer Schwimmhalle führt die DLRG ihre Schwimmkurse durch.
 
Harry Sloksnat, Präsident des DLRG-Landesverband Thüringen
 
In der Sömmerdaer Schwimmhalle führt die DLRG ihre Schwimmkurse durch.

Harry Sloksnat, Präsident des DLRG-Landesverband Thüringen über
Rettungsschwimmer, Schwimmhallenzeiten und Schwimmausbildung

Die Freibadsaison in Thüringen beginnt. Haben wir dafür genügend Rettungsschwimmer?
So weit ich das überblicken kann, haben wir genügend gut ausgebildete Rettungsschwimmer. Aber weil es viele junge Leute sind, die Thüringen aus beruflichen Gründen verlassen könnten, werden immer neue Rettungsschwimmer gebraucht. Deshalb bilden wir als DLRG stetig aus.


Es sind nicht alles Rettungsschwimmer, aber die DLRG hat in Thüringen 2800 Mitglieder. Ist diese Grundlage zufriedenstellend?
Wir möchten schon noch mehr Mitglieder und uns auf der Fläche besser darstellen. Momentan sind wir entlang der A4 sehr stark vertreten. Im Norden und Süden vereinzelt. Dazwischen gibt es Regionen in denen wir wenig präsent sind und unser Engagement ausbauen wollen.


Nachwuchsprobleme?
In der Organisationsstruktur haben wir zwei Drittel Kinder und Jugendliche bis 26 Jahre. Ich sehe da keine Nachwuchsprobleme. Wir werden sehr stark nachgefragt. Das hängt aber immer davon ab, ob vor Ort die Schwimmausbildungen angeboten wird.

"Für die Schwimmausbildung nutzbare Schwimmhallen
haben wir in Thüringen zu wenig."



Bei 13 Badetoten im vergangenen Jahr in Thüringen ist das eigentlich wichtig. Warum werden sie nicht immer angeboten?
Das liegt meist daran, dass sie zu wenig Ausbilder oder Trainer haben oder keine ausreichenden Zeiten in der Schwimmhalle. Beispielsweise gibt es im Landkreis Sömmerda nur eine Schwimmhalle für alle Vereine, Schulen etc. Das ist ein grundsätzliches Problem. Also wenn diesbezüglich gesagt wird, Thüringen habe zu viele Bäder, dann wird jede Badestelle miteinbezogen – auch an den Stauseen, Teichen, Rückhaltebecken. In Summe mögen es genügend sein. Aber für die Schwimmausbildung nutzbare Schwimmhallen haben wir zu wenig.


Also wird die Vereinstätigkeit durch die Gegebenheiten eingeschränkt?
Sie wird eingeschränkt, zumal die Betreiber der Schwimmhallen stark auf hohe Einnahmen schauen. Schwimmhallen sind immer ein Zuschussgeschäft genau wie Freibäder und nicht nur auf die Schwimmausbildung ausgerichtet. So gibt es in den Orten die Schwimmvereine, die direkt eine Schwimmausbildung anbieten, aber auch Fitnesskurse wie Aquagymnastik, Gesundheitskurse. Das Angebot ist attraktiv, drängt aber den ehrenamtlichen Bereich zeitlich immer mehr zurück.


Entstehen deshalb Wartelisten für Schwimmkurse?
Teilweise. Aber meines Wissens sind die Listen für jeden Schwimmkurs lang, unabhängig vom Anbieter. Wartezeiten unter einem Jahr sind selten. Viele Eltern kennen das Problem und melden ihre Kinder verständlicherweise bei mehreren Stellen an. Nur sollte man daran denken, dass man bei den restlichen Stellen absagt, wenn man irgendwo genommen wird.


Konkurrieren DLRG, Wasserwacht oder andere Vereine?
Durch die große Nachfrage entsteht in dem Bereich keine Konkurrenzsituation.


Eine Grundlage wird im Schwimmunterricht gelegt.
Die Schwimmausbildung ab Klasse drei ist eigentlich zu spät. Mein Bestreben ist, dass man sie in der zweiten Klasse fixiert. Dann hat der Lehrer noch zwei Jahre Zeit, die Schüler nachzuschulen.


Geben Sie Unterstützung?
Seit 2005 unterstützt die DLRG die schulische Schwimmausbildung in Thüringen. Wir bringen uns in die Inhalte und die Qualifikation ein, begleiten die Ausbildung. Die Grundinhalte sind im Lehrplan festgeschrieben. Das ist notwendig, denn im Lehramtsstudium darf das Fach Schwimmen erstaunlicherweise abgewählt werden. Bei der Lehrausbildung gibt es auch Qualitätsstandards für die Zulassung. Das ist eine gemeinsame Vereinbarung von Wasserwacht, Unfallkasse, Ministerium und DLRG. Aber einige Schulen bieten sogar den Schwimmunterricht nicht an.


Wissen Sie warum?
Die Schulen haben zwar den Riesenvorteil, dass sie die Schwimmhalle am Vormittag oder frühen Nachmittag nutzen können, wenn diese nicht so stark frequentiert wird. Aber die Schulträger übernehmen nicht immer die Kosten.
Wir hatten mal die Schulschwimmkoordinatoren als ein Pilotprojekt, unabhängig und bundesweit einmalig. Es waren drei Jahre, in denen wir durchsetzten, dass alle Grundschulen Schwimmen anbieten. Gleichzeitig konnten wir über 15 Wochen Ausbildung die Zahl an sicheren Schwimmern, qualifiziert für den bronzenen Schwimmpass, erhöhen. Denn nur mit dem Seepferdchen ist ein Kind kein Schwimmer. Das ist ein Fakt, den mittlerweile auch das Kultusministerium bundesweit anerkannte.


Wie hoch ist derzeit die Zahl der Nichtschwimmer?
Das wird von den Schulämtern erfasst. Die Zahl mit den Schwimmabzeichen liegt zwischen 75 und 78 Prozent thüringenweit.


Eigentlich wenig...
...ja, auch wenn das Ministerium gern von 80 Prozent spricht. Das heißt trotzdem: Jedes vierte bis fünfte Kind kann nicht schwimmen.


Sind nicht auch ein bisschen die Eltern in der Pflicht, die sich nicht unbedingt auf die Schule verlassen sollten?
Bei den 75 bis 78 Prozent ist nicht erfasst, ob die Kinder schon vor der Schule schwimmen konnten. Das vorherige Engagement der Eltern wird nicht berücksichtigt. Es wird nur das Endergebnis nach der dritten Klasse erfasst.
Wenn man eher mit der Schwimmausbildung beginnen könnte, hätte man die Möglichkeit bis zur vierten Klasse eine Nachschulung durchzuführen. Jetzt beginnt der Unterricht in der dritten Klasse.
Für die möglichst erfolgreiche Nachschulung bleibt nur die vierte Klasse. Doch da zählen meist die Noten für die weiterführenden Schulen. Schwimmen wird nicht beachtet und spielt auch in den weiterführenden Schulen keine Rolle. Da gibt es das Schwimmen nur noch fakultativ. Mein Kampf ist daher, dass auch in der Sekundarstufe das Schwimmen, zumindest wahlobligatirisch angeboten wird.


Wird die Bedeutung des Schwimmens unterschätzt?
Auf jeden Fall. Schwimmen war mal eine hoch angesehene Tugend. Schwimmen ist eine lebenserhaltene Fähigkeit. Wenn ich nicht schwimmen kann, verschließen sich einem alle Bereiche auf der Erde, die mit Wasser zu tun haben. Surfen, Kanufahren oder sich auf der Luftmatratze treiben lassen. Wenn ich nicht schwimmen kann, wird es gefährlich.


Bei welchen von ihren Problemen bei der DLRG würden Sie sich mehr Unterstützung wünschen?
Das Prä sind die Leute, die am Beckenrand stehen und Verantwortung übernehmen. Die meisten würden gern, sind aber beruflich eingespannt und können nicht. Es ist zwar schön, dass wir für den Aufwand finanziell unterstützt werden. Aber das nützt mir nichts, wenn ich niemanden habe. Hier wäre es schön, wenn es eine Regelung gäbe, mit der Ehrenamtliche freigestellt werden könnten. Das ist das Hauptproblem.
Das zweite sind die Kinder. Wenn sie Schulen mit Ganztagsprogramm besuchen, können wir frühestens 17 Uhr mit den Kursen beginnen. Bei weiterführenden Schulen wird selbst diese Zeit problematisch. Also, ich brauche Ausbilder, die für bestimmte Tage eine Freistellung vom Arbeitgeber erhalten, und Kinder, die zu bestimmten Zeiten auch kommen können.


Man hat den Eindruck, dass Sie gegen ziemlich hohe Wellen kämpfen. Das Sie Ihre Vorschläge gern äußern können, aber die Notwendigkeit wird nicht erkannt.
Ich nutze alle Möglichkeiten, die sich seitens des Kultusministeriums bieten. Weil dort immer wieder Dinge in Bewegung geraten. Ich versuche, mich seit 1993 immer wieder einzubringen, immer mit den gleichen Argumenten. Die ändern sich nicht.


Übringens:
Zum Rettungsschwimmer kann sich jeder ausbilden lassen?
Natürlich. Man sollte zwei oder drei Schwimmarten beherrschen. Da können auch Rentner aktiv werden. Es gibt einige, die sogar in der Vor- und Nachsaison an der Küste eingesetzt werden.
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