Im Salto vom Hausdach - Jugendliche stürzen sich in Sömmerda in den Abgrund

Zwei Jugendliche aus Afghanistan gründen in Sömmerda eine Parkour-Gruppe.
 
Ali-Joma Amiri und Shahirullah Ahmadi brennen für Parkour.
Sömmerda: Stftung Finneck |

Mauern, Gelände und Felsen sind ihre Straße: Zwei Jugendliche aus Afghanistan gründen in Sömmerda eine Parkour-Gruppe.


Kriegsruinen werden zum Abenteuerspielplatz, ausgebrannte Busse zum Sprungturm. Ali-Joma Amiri und Shahirullah Ahmadi brennen so für Parkour, dass sie den Schrecken des Terrors für eine gewisse Zeit ausblenden können. Bei ihrer Flucht aus Afghanistan können die beiden Freunde nahezu nichts retten - außer ihrer Leidenschaft für diesen ungewöhnlichen Sport.

Im Haus der Stiftung Finneck in Sömmerda haben die beiden 17-Jährigen seit Ende vergangenen Jahres eine sichere Bleibe gefunden. Hier können sie fernab der Heimat gefahrlos ihrem Hobby nachgehen. In jeder freien Minute trainieren sie. Mauern, Gelände und Felsen sind ihre Straße. „Wenn andere eine Wand sehen, sehen sie nur eine Wand und müssen eine Tür finden“, stellt Shahirullah fest. „Wir aber erkennen in Sekundenbruchteilen einen Weg, über diese Mauer zu kommen.“


Sie stürzen sich furchtlos von Hausdächern.



Sie erklettern meterhohe Fassaden ohne ein Werkzeug, benötigen nur ihre Hände, Füße und ein wenig Schwung. Sie überwinden Geländer, springen aus dem Stand fünf, sechs Meter weit über Abgründe. Und sie stürzen sich furchtlos von Hausdächern. Es sieht aus wie beim Turmspringen, nur landen sie nicht im Wasser, sondern katzengleich auf den Füßen oder rollen sich geschickt ab.

Als Zuschauer zieht man permanent Luft durch die Zähne. Zu oft hat man in diversen TV-Pannenshows gesehen, wie solche Aktionen schmerzhaft enden. „Liebe Kinder, bitte nicht nachmachen“, will man bei jeder dieser riskanten Übungen warnen.

Dabei sind die beiden selbst noch Jugendliche und starteten bereits als Zehnjährige mit dem Sport. Einen Lehrer hatten sie nicht. Sie kopierten die Bewegungen aus den Parkour-Filmen im Internet. „Der Anfang war schwer. Aber wir haben hart trainiert und es wurde immer leichter“, sagt Ali. Youtube-Videos ihrer früheren Gruppe „Afghan Parkour Generation“ belegen ihr Können.

„Es gibt keine Regeln. Du bist frei und kannst machen, was du willst.“



Kaum einer ihrer Sprünge kommt ohne Salti aus - vorwärts, rückwärts, seitwärts und gerne synchron. Gibt es mal keine Hindernisse, wird der Weg im Flick-Flack zurückgelegt. Diese akrobatische Form, die an eine Mischung aus Turnen, der Kampfkunst Capoeira, ja sogar Breakdance erinnert, macht die beiden 17-Jährigen genau genommen zu Freerunnern. Aber solche Definitionsfragen in den Disziplinen beschäftigen die beiden nicht. Shahirullah schätzt gerade, wie unabhängig sie beim Sport sein können: „Es gibt keine Regeln. Du bist frei und kannst machen, was du willst.“

Die beiden sind unglaublich ehrgeizig. Viermal die Woche für jeweils zwei Stunden nutzen sie die Turnhalle der Stiftung Finneck. Hier können sie ihre Bewegungen mit Kisten und Sportmatten austesten. „Ich träume davon, der beste Parkourist zu sein“, sagt Ali.

Zusätzlich und immer wenn es das Wetter zulässt, gehen sie mehrmals täglich hinaus. Bei Passanten sorgen die Jugendlichen für Aufsehen, wenn sie beim Wasserturm, im Sömmerdaer Stadtpark und entlang der Unstrut über Bänke, Felsen und Geländer springen. „Manche schauen nur, manchmal applaudieren sie oder stellen uns Fragen zum Sport“, sagt Shahirullah.

„Wenn du etwas wirklich liebst, hörst du auch nicht damit auf.“



Im Team lässt sich leichter trainieren, sind sich die beiden sicher. „Wir können uns gegenseitig korrigieren. Alleine sehe ich ja nicht meine Fehler“, sagt Shahirullah. Deshalb möchten die beiden eine Parkour-Gruppe in Sömmerda gründen. Eine Abiturientin ist schon auf den Geschmack gekommen, trainiert regelmäßig mit den beiden.

Doch ungefährlich ist Parkour nicht. Ali weiß schon gar nicht mehr genau, wie oft er sich etwas gebrochen hat - siebenmal bestimmt, zuletzt die Hand. Die Angst um Verletzungen stoppt ihn aber nicht: „Wenn du etwas wirklich liebst, hörst du auch nicht damit auf.“




Kontakt:

Die Parkour-Gruppe in Sömmerda sucht weitere Mitstreiter. Interessenten können sich unter Telefon 01 62 / 9 13 61 12 melden.

Andere Parkour-Gruppen in Thüringen bei Facebook:

ParkourJena,
Parkour-Thüringen,
obachtfamily,
Urban Monkeys - Parkour Weimar,
Parkour.Ilmenau
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