Zu viel Vereinsegoismus

Diesen Jungs und Mädels macht das Fußballspielen im Rot-Weiß Camp sichtlich Spaß. Foto: Axel Heyder (Foto: Axel Heyder)
 
Dieter Lippold, Jugendbeauftragter des Thüringer Fußballverbandes
Die Fußballferienschulen gehen in die Saison 2012. Sie sind ein Baustein im Rahmen der Förderung der Thüringer Fußballjugend. Wie die Nachwuchsförderung in Thüringen insgesamt aussieht, darüber sprach Sandra Rosenkranz mit Dieter Lippold, Sachgebiets­leiter Jugendarbeit beim ­Thüringer Fußball-Verband.

1599 Nachwuchsmannschaften klingt viel. Ist der Nachwuchsmangel in Thüringen wirklich gravierend?
Wir wissen um die demografische Entwicklung und kämpfen in allen Vereinen, wobei wir noch in der Lage sind, einen Spielbetrieb von den A- bis zu den G-Junioren sicherzustellen. Das Problem für Vereine in den kleineren Orten und Gemeinden ist die Spielordnung, die alters­klassengerechtes Spielen vorschreibt.

Wo genau liegen die Schwachstellen?
Während wir von D- bis G-Junioren recht zufrieden sind, herrscht der Mangel vorwiegend bei den A- und B-Junioren. In dem Alter kommen die Lehre und vielfältige andere Interessen dazu. Umso schwieriger wird es also, Großfeldmannschaften zu melden. Daher haben wir die Möglichkeiten gefunden, Spielgemeinschaften zu bilden, die Gastspielerlaubnis zu nutzen und seit Beginn des Spieljahres auch Juniorenfördervereine zu gründen.

Welchen Zweck sollen Junioren­fördervereine erfüllen?
Wenigstens zwei Vereine können einen eigenen Verein gründen und ihre leistungsstärksten Junioren dort zusammen spielen lassen. ­Allerdings hat diese Möglichkeit noch niemand genutzt.

Gibt es noch weitere Lösungswege?
Wir reden als Verband seit vier Jahren davon, dass sich die Vereine auf den Nachwuchsmangel einstellen und den Spielbetrieb in den Kreisen ändern müssen. Kleinere Mannschaften, kleinere Spielfelder. Hier spricht man vom sogenannten Norweger-Modell. Wenn die Jugend nämlich nicht vor Ort Fußball spielen kann, geht sie wo­andershin.

Wie sieht es mit gemischten Mannschaften aus? Die Mädels sind nicht weniger gut.
Das ist jederzeit möglich, aber wird wenig praktiziert. Die Skepsis der Vereine demgegenüber ist noch zu groß. Der Jugendausschuss favorisiert auch bei den Mädchen kleinere Felder und Mannschaftsstärken. Ich bin sowohl bei den Jungen als auch besonders bei den Mädchen für die Nutzung der 24 DFB-Minispielfelder in Thüringen. Für diese Idee kämpfe ich weiter bis zum letzten Arbeitstag.

Kann man Vereine nicht zur aktiven Nachwuchs­förderung verpflichten?
Jede Mannschaft, die derzeit in der Regionalklasse und höher spielt, muss bereits mindestens zwei Jugendmannschaften haben, ansonsten müssen sie Strafe zahlen. Damit werden die Vereine eigentlich schon angesprochen, etwas für die Nachwuchsarbeit zu tun.

Was müsste sich ändern, um die Jugendlichen noch mehr für den Sport zu begeistern?
Es müsste mehr Verständnis für die Jugend da sein. Die Vereine müssen sich mehr Gedanken machen und zum Beispiel abwechslungsreiches Training, Trainingszeiten verändern, weil Trainer heutzutage nicht in der Lage sind um 16.30 Uhr zu trainieren. Es gibt zudem zu wenig Trainer. Die Anerkennung ihrer Arbeit ist zu gering. Es gelingt uns auch immer weniger, jüngere Leute für das Ehrenamt zu gewinnen. Ehrenamt muss gewürdigt werden.

Ist das fehlende persönliche Engagement der Kinder und Jugendlichen nicht auch ein Grund?
An den Jugendlichen selbst liegt es weniger. Dass sie heute mehr Auswahl haben, ist allen Beteiligten klar. Aber für mich nicht der Grund. Die Vereine müssen ein abwechslungsreiches Vereinsleben präsentieren. Zeigen, dass dort mehr passiert als nur Fußball, zum Beispiel auch Ausfahrten und gemeinsame Nachwuchsfeierlichkeiten. Es gibt aber eine große Anzahl Vereine, die sich in der Nachwuchsarbeit einfach keine Mühe geben.

Was raten Sie den Vereinen?
Die Vereine sind gut beraten, wenn sie ihren Vereinsegoismus ablegen, mehr zum Wir kommen und die Verantwortung im Territorium sehen. Wenn es nur 20 Jugendliche in einer Region gibt, können drei Vereine vor Ort nicht jeder eine Jugendmannschaft haben. Hier muss man zusammenarbeiten. In den dörflichen Vereinen ist der Zusammenhalt größer. Dort haben wir noch Reserven und mehr Zusammenhalt, auch der Eltern. Außerdem sollten natürlich die Sponsorengelder für die Jugend auch wirklich dort eingesetzt werden.

Sollte man die eingehenden Gelder dann nicht vielleicht kontrollieren?
Ich bin dafür, dass es vollständig für den Nachwuchsbereich eingesetzt wird, für die Kontrolle sind wir als Verband nicht zuständig.

Inwieweit helfen die Fußballferienschulen in der Nachwuchsförderung?
Sie helfen sehr stark, weil sie den Kindern in der fußballfreien Zeit angeboten werden und die Persönlichkeitsentwicklung in anderer Form unterstützen. Der Fußball steht nicht allein im Mittelpunkt, sondern auch die gemeinsame Freizeitgestaltung. Die Fußballferienschulen haben eine große Verantwortung, etwas über den aktiven Spielbetrieb und der Ferienzeit hinaus zu bieten. Daran können alle Kinder teilnehmen. Unser Ziel ist es aber auch, darüber neue Mitglieder für unsere Nachwuchsabteilungen zu gewinnen.

Und wo werden dann speziell die Talente gefördert?
Zusätzliches Training mit den besten Trainern Thüringens (B-Lizenz) für die talentiertesten jungen Fußballer ist in den DFB-Trainingsstützpunkten möglich.

Große Erfolge können wir in Thüringen nicht vorweisen. Wo steht unser Bundesland im Vergleich zu anderen?
Mit der Arbeit, die in den Nachwuchszentren in Jena und Erfurt geleistet wird, sind wir zufrieden. Als ganz kleines Bundesland Thüringen ist es schwierig, gute Plätze im Auswahlspielbereich zu erreichen. Wir sind trotz allem aber ein zuverlässiger Partner des Deutschen Fußballbundes (DFB). Derzeit gibt es kein überragendes Talent, welches auf den Sprung bis in die A-Nationalmannschaften steht.

Welche positiven Beispiele für die Nachwuchsarbeit gibt es?
FC Einheit Rudolstadt, FSV Grün-Weiß Stadtroda, ESV Lok Meiningen und FC Union Mühlhausen sollen 2012 stellvertretend für eine Vielzahl von Vereinen in Thüringen genannt werden. Als Anerkennung wurden sie für eine Ferienfreizeit des DFB vorgeschlagen. Die Jungen und Mädchen aus diesen Vereinen dürfen sich auf erlebnisreiche Tage in den Sommerfeien freuen.


Hintergrund
• Fußballferienschulen des Thüringer Fußball-Verbandes (TFV)
- Training durch qualifizierte Trainer, unter anderem des DFB-Stützpunktes und Spielern der Lizenzkader des FC Carl Zeiss Jena und FC Rot-Weiß Erfurt
- Freizeitangebot mit regionalen Ausflugszielen
- für Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 16 Jahren

• Partner: Thüringer Fußball-Verband, Rot-Weiß Erfurt, Carl Zeiss Jena, vereinswechsel.de und mannschaftsklasse.de

• Termine 2012 in den Oster- und Sommerferien
1. - 5.4. Finsterbergen
2. - 4.4. Zeulenroda
10. - 13.4. Bad Blankenburg
23. - 27.7. Wiehe
24. - 28.7. Barchfeld
30.7. - 3.8. Arnstadt
30.7. - 3.8. Erfurt
6. - 10.8. Mihla
6. - 10.8. Sondershausen
13. - 17.8. Fischbach/Rhön
13. - 17.8. Eisenberg
20. - 24.8. Meuselwitz
20. - 24.8. Bad Blankenburg
27. - 31.8. Finsterbergen
27. - 31.8. B. Frankenhausen
29.8. bis 1.9. Viernau

• Neuigkeiten:
- Piet Schönberg, Trainer der U23 des FC Rot-Weiß Erfurt, kommt über die Osterferien zur Fußballferienschule nach Finsterbergen.
- Mario Röser, bekannter Jenaer Fußballspieler aus Zweitliga-Zeiten, ist neues Mitglied im Trainer-Team.

• Anmeldung: Formular vollständig ausgefüllt per Post an:
Boris Kalff Promotion,
Elisabethstraße 10,
99096 Erfurt
oder per Fax 03 61 / 21 69 64 89

• Weitere Infos und Formulare: www.fussball-ferienschule.de

• Boris Kalff ist das neue Gesicht der Fußballferienschulen. An die Boris Kalff
Promotion übergab Dr. Wolfhardt Tomschewski, Präsident des TFV, die Leitung.

Zitat:
„Der Spaß für alle Teilnehmer – verbunden mit professionellem Training – steht an oberster Stelle.“
Boris Kalff, Leiter der Fußballferienschulen
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