Immer wieder Afrika

Corinne Hofman wurde bekannt als die "weiße Massai". 20 Jahre nach ihrer Flucht aus Kenia reiste sie mit Tochter Napirai zur afrikanischen Familie. Foto: A1 Verlag (Foto: A1 Verlag)
 
Corinne Hofmann zu Besuch bei der verehrten Mama Masulani in Barsaloi. Foto: Klaus Kamphausen / A1 Verlag (Foto: Foto: Klaus Kamphausen / A1 Verlag)
 
Das aktuelle Buch "Afrika, meine Passion" von Corinne Hofmann, A1 Verlag (Foto: Cover A1 Verlag)
Ihr Bestseller "Die weiße Massai" macht Corinne Hofmann bekannt. Auch die drei folgenden Bücher haben Erfolg. Doch es muss noch ein Leben ohne Afrika geben, glaubt Corinne Hofmann nach ihrer letzten großen Lesereise 2008. Sie nimmt sich eine Auszeit, bereist andere Länder. Doch schon ein Jahr später zieht es die Schweizerin erneut auf den schwarzen Kontinent. „Afrika, meine Passion“ bekennt sie in ihrem neuen Buch, das sie auch in Thüringen vorstellt. AA-Redakteurin Sibylle Reinhardt spricht mit der 51-Jährigen über Wüsten­trekking, Lebensmut und Familienbande.

Frau Hofmann, Sie sind bis nach Indien „geflüchtet“, um Afrika hinter sich zu lassen. Das hat nicht geklappt?
Es hat mich nicht so gepackt. Erst dort, wo es spärlicher und archaischer wurde, fing mein Herz leicht an zu pochen. Gerüche und Farben haben mich an Afrika erinnert.

Dann haben Sie ein Inserat für ein­ ­Wüstentrekking in Namibia entdeckt.
Das Angebot hat mich fasziniert, vor allem, weil es zu einem ursprünglichen Stamm führte, den Himbas. Himba-Frauen sind sehr auffallend. Sie sind von Kopf bis Fuß rot eingerieben, tragen ihre roten Haare in gedrehten Zöpfen und Röcke aus gegerbtem Leder. Schmuck ziert ihre nackten Oberkörper. Sie leben ganz archaisch. Es gibt nur noch 5000 Himbas. Ich wollte zu diesem Stamm. Also ging ich mit Guide, Kameltreiber und zwei Kamelen auf die 720-Kilometer-Wanderung.

Die Neugier auf Afrika war neu entfacht?
Definitiv. Nach zwei, drei Wochen Fußmarsch konnte ich den europäischen Stress ­hinter mir lassen. Manchmal lief ich wie in Trance, Körper und Kopf waren förmlich separat. Ein Gefühl, als ob ich fliege. Ich spürte: Afrika wird mich nie loslassen. Warum auch? In dieser Weite wird immer mein Herz aufgehen – genau wie in den Schweizer Bergen.

In diese Berge sind Sie auch zunächst wieder gefahren?
Nach den 720 Kilometern war ich fertig. Innerlich bereichert, aber körperlich auch ein bisschen lediert. So bin ich nach Hause gereist und habe eine Jahr nicht über dieses Abenteuer geschrieben. Doch die Sehnsucht nach Afrika wuchs. Ich wusste: Ich möchte jetzt nach Kenia. Nur meine Tochter war noch nicht bereit, ihre Familie zu besuchen. Das hat mich natürlich gehemmt. Ich konnte nicht das zweite Mal zur Familie reisen - das erste Mal war ich vor sieben Jahren in Barsaloi - und sagen, meine Tochter hat immer noch keine Lust zu kommen.

Trotzdem haben Sie sich auf den Weg nach Kenia gemacht?

Ja, ich wollte etwas tun. Mich faszinieren die Lebensgeschichten der einfachen Menschen, die mit einfachsten Mitteln versuchen, ihrem Leben eine Wende zu geben, ihm etwas Positives abzugewinnen. Die dabei immer auch optimistisch sind und Energie verströmen. Die dankbar für so wenig sind. Diese Menschen wollte ich in den Slums von Nairobi finden. Und ich habe sie gefunden. Ich konnte natürlich nicht alle Lebensgeschichten in das Buch packen. Ich glaube, mit der Auswahl gelingt es mir, die Leser an die Hand zu nehmen und mit ihnen in den Slum einzutauchen, so dass sie dieses Faszinierende und Abschreckende zugleich miterleben und am Schluss sagen: Wow, geht es mir gut hier in Deutschland. Ich habe doch überhaupt keinen Grund zu meckern. Dann sehen sie ihren „Reichtum“ wieder mit anderen Augen. Das ist eine kleine Botschaft, die Mut und Kraft geben soll.

Ihre Geschichten über Afrika sind immer Geschichten über Menschen. Wie kommen Sie ihnen so nahe?
Ich habe keine Berührungsängste. Selbst wenn wir uns nicht unterhalten können – wie bei den Himbas – ist immer eine Herzlichkeit, eine Verbundenheit da. Auch in den Slums von Nairobi. Ich habe keine Angst, laufe durch den Slum und bin einfach verbunden, da wo ich bin. Das merken die Menschen. Sie kommen zu mir, öffnen ihr Herz und lassen mich hineinblicken. Ein Privileg, für das ich dankbar bin.

Die Lebensgeschichten, die sie aufgespürt haben, berührten auch Ihre Tochter. Gaben Sie den Ausschlag, dass sie nach Kenia fliegen wollte?
Napirai hatte immer gesagt „Mama, Afrika ist deine Geschichte, nicht meine“. Jetzt dachte sie darüber nach, doch mal nach Kenia zu reisen, weil dort so starke Menschen leben. Das Pünktchen auf dem i setzte ein Brief von meinem Schwager James. Er erinnerte an die Zeit, als ich in den Stamm kam. Er schrieb, dass die Kinder heute noch von mir sprechen. Und dass sie in Barsaloi eine weiße Hütte bauen wollen als Erinnerung an die weiße ­Massai. Darin soll ein Platz sein für ­Napirai, falls sie kommen würde. Der Brief war so ergreifend, dass meine Tochter sagte: Jetzt reise ich hin.

Wie haben Sie die Begegnung von Vater und Tochter nach 20 Jahren erlebt?
Es war sehr, sehr bewegend. Lketinga stürmte auf sie zu. Weil sie etwas hinter mir stand, schob er mich zur Seite, sagte: "Nicht Du. Ich will mein Kind!". Er drückte und drückte sie. Ich höre sie nur lachen und nach Luft japsen. Ich dachte, er zerquetscht sie. So ein emotionaler Ausbruch ist ganz unüblich in dieser Kultur. Er hatte dann Mühe, eine halbe Stunde konnte er kaum einen Ton sprechen. Es war überwältigend.

Haben Sie für diesen Moment all die Jahre den Kontakt aufrechterhalten?
Ganz genau. Das war einer der Hauptgründe, dass ich mich 19 Jahre um den Kontakt bemühte. Das war nicht leicht. Nur mein Schwager James kann in der Familie schreiben. Und Lketinga ist ein paar Mal mit seiner Familie und den Tieren umgezogen, wenn es woanders mehr Gras gab. Ohne James wäre der Kontakt verloren gegangen.

Jetzt lernte Napirai ihre afrikanische Familie kennen - und schreibt darüber selbst im Buch.
Ich konnte nur von Außen beobachten. Ihre Gefühle musste sie selbst beschreiben. Und das hat sie ganz toll gemacht. Sehr, sehr bewegend. Ich habe manchmal geweint, als ich es gelesen habe. Napirai ist zurückhaltend. Niemand, der im Mittelpunkt stehen möchte. Ihre Worte sind aus dem Herzen gesprochen. Ich spüre meine Tochter richtig, wenn ich ihre Passagen lese.

Die Menschen in Barsaloi sind dankbar für Ihre Hilfe. Wie sieht diese aus?
Ich spende einen Teil meiner persönlichen Einnahmen, auch wieder beim aktuellen Buch. Von der DVD zum dritten Buch "Wiedersehen in Barsaloi" gingen meine Einnahmen komplett in das Dorf. Auch meine Leserinnen haben immer wieder gespendet. Das Geld wurde über eine Hilfsorganisation nach Barsaloi zu Peter Giuliani transferiert. Er hat es für kranke Leute eingesetzt. Im Dorf wurde es verwendet für Schulgelder: Für die, die kein Geld hatten, sich eine Schuluniform zu kaufen, die aber nötig ist, damit man überhaupt in die Schule darf. Ich war selber überrascht, wie vielen Menschen wir mit dem Geld schon helfen konnten.

Gibt es jetzt auch einen Förderverein?
Ja, ich habe neu den Förderverein „Kenia - Weiße Massai“ gegründet. Bisher hatte ich nie den Mut, selber so etwas auf die Beine zu stellen. Es ist wahnsinnig arbeitsaufwendig. Ich hatte das Gefühl, das kann ich gar nicht managen. Aber als ich die Schicksale der Slum-Frauen aufschrieb, habe ich gedacht: Wenn sie ihr Leben in den Griff kriegen, werde ich ja wohl so einen Förderverein händeln können. Mit Freunden zusammen, damit wir mit meinem Namen noch gezielter Geld sammeln können und die im Buch beschriebenen Projekte unterstützen. Es sind Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekte. In Barsaloi träumen die Menschen von einer High School. Aber ich weiß auch, dass ganz dringend ein Kindergarten gebraucht wird für die allein erziehenden Mütter, die zum Teil sehr viele Kinder haben. Damit sie ein bisschen entlastet werden und die Kinder eine Vorstufe zur Schule machen können.

Wie kann man Fördermitglied werden?
Ich freue mich über jeden der sagt: Das finde ich gut, der Frau Hofmann vertraue ich, da mache ich mit. Wer Interesse hat, findet im Internet Informationen (http://www.massai.ch/ oder http://www.foerderverein-kenia-weisse-massai.ch/ , die Red.).

Bei Ihrer Lesung zeigen Sie auch Fotos und Filmsequenzen. Wer hat Sie nach Kenia begleitet?
In Namibia habe ich alles selber gedreht. Das ist mein erster Film, meine Premiere. Nach Kenia habe ich Filmemacher Klaus Kamphausen mitgenommen. Ein alter Freund, der schon beim dritten Buch dabei war. Er ist aus München und hat lange, lange Zeit in Kenia gelebt. Er hat eine Kenianerin als Frau und hat mittlerweile auch eine Beziehung zu meiner Familie.

Hintergrund:
Die Schweizerin Corinne Hofmann reist 1986 nach Kenia und trifft dort auf die Liebe ihres Lebens. Vier Jahre lebt sie an der Seite des Samburu-Kriegers Lketinga im kenianischen Busch. Ende 1990 flüchtet sie mit ihrer anderthalbjährigen Tochter Napirai zurück in die Schweiz. Ihr Lebensbericht „Die weiße Massai“ wird ein internationaler Bestseller. Jetzt stellt die 51-Jährige ihr aktuelles Buch „Afrika, meine Passion“ (A1-Verlag,
22,95 Euro) vor. Sie erzählt von einem Fußmarsch durch Namibia und porträtiert Slumbewohner in Kenia. Vor allem aber berichtet sie über die erste Reise mit ihrer Tochter nach Barsaloi. Dort lernt Napirai nach 20 Jahren ihre afrikanischen Wurzeln kennen.


Lesungen in Thüringen:
• 10. September: Altenburg, Kulturhof Kosma
• 23. September: Mühlhausen, Kultur¬stätte Schwanenteich
• 11. Oktober: Sömmerda, Volkshaus
• 16. November: Gotha, Stadthalle
• 17. November: Eisenach, Bürgerhaus

Infos: http://www.massai.ch/
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1 Kommentar
2.507
Heidrun Fischer aus Nordhausen | 02.08.2011 | 16:52  
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