Bringt die Fischerprüfung wirklich was?

(Betrachtungen von Uwe Bernert, Vorsitzender Angelverein Kelbra e. V.)

Ein Vater machte letztes Jahr seinen "Schein", damit seine Kinder mit zum Angeln raus dürfen. Tolle Idee, freut es doch auch Mutter`n, dass die Kinder bald vernünftig beschäftigt sind!
Er ging also in den Kurs, bestand seine Prüfung und konnte fort-an mit seinen Kindern Angeln gehen. So weit, so gut.

Nur leider hatte er trotz Kurs und Prüfung keinen blassen Schimmer, was da auf ihn zukam. Wie sieht ein Biss am Schwimmer aus? Wie beim Grundfischen? Wie den Fisch (richtig) abschlagen? Wie muss man einen Fisch filetieren, so das für den Verzehr auch noch was übrigbleibt?

Zwar konnte er die Fische auf Bildern identifizieren, jede Schuppe in den Testbögen dem richtigen Fisch zuordnen, in der Praxis gelang ihm das aber wenig. Von Wasserpflanzen und dem anderen Getier mal ganz zu schweigen. Kein Wunder das die Bewunderung von seinen Kindern nachließ.

Also machte er sich schlau, las die einschlägigen Bücher und Zeitschriften, eigentlich so ziemlich alles was auf den Markt war. Selbst Bibliotheken die er seit mehr als 20 Jahren nicht mehr be-treten hatte wurden aufgesucht. Und all das Gelesene machte ihn nun vollkommen verrückt und unsicher. Karpfen, Welse, Hechte, Barben, Forellen, Schleien und, und, und.... Alles soooo leicht zu fangen, alles kein Problem!!!! Richtige Angel, richtige Köder, richtiger Platz, richtiges Wetter, richtige Kleidung, das ist es was einen guten, erfolgreichen Angler ausmacht und die Hatz nach dem Traumfisch so einfach erscheinen lässt (zumindest in der Literatur).

Ausgestattet mit teuerstem Drum und Dran ist es ihm heute immer noch fast unmöglich in Unstrut, Wipper oder Helme einen Aal zu fangen, wenn sich dieser nicht zufälligerweise selber hakt. Warum? Weil er nicht weiß wann der Anschlag zu setzen ist!

Da er beim Aalangeln erfolglos blieb, ist er auf den Einfall ge-kommen auf Forelle angeln zu müssen. Und????
Wieder erfolglos, denn es war ja kein "normaler" Biss, sondern eben nur ein "Zupfer" oder etwa doch nicht....

Ich persönlich halte eine solche Vorgehensweise für falsch. Ein Einsteiger sollte langsam beginnen, sich nicht sofort mit "Profi-Methoden" auseinandersetzen. Das nützt im Allgemeinen nur dem Gerätehändler. Vielmehr sollte er die Schwimmer-Rute nehmen, einen Haufen Weißfische fangen um zu sehen, wie denn überhaupt ein Biss aussieht, wie sich ein Fisch am Köder verhält. Dann noch einige Zeit Grundfischen. Schön die Rute in die Hand, die Schnur zwischen die Finger nehmen um so den Biss und den richtige Zeitpunkt zum Anschlag erkennen. Und nach und nach steigert er sich dann, gemäß dem Motto: Übung macht den Meister.
Dann wird langsam das Gerät Spezieller und die Angelmethoden ausgereifter.

Zum Beispiel das Spinnfischen ist so ein Thema. Manche haben trotz jahrelanger Praxis noch nie einen toten Köderfisch mit Hilfe einer Ködernadel auf den Haken aufgezogen. Warum auch, Sie gehen in den gut sortierten Angelladen nebenan und kaufen Spinner, Wobbler, Gummifische und Co. und machen dann ihre Strecke.
Ist halt ´ne einfache Sache ohne Aufwand. Und wer viel Strecke macht, tausende Würfe hat, wird über kurz oder lang damit Erfolg haben. Egal was er da durchs Wasser zieht. Gezielt Angeln ist halt ganz was anderes!

Auch das richtige Drillen ist sehr oft ein Grund zum Kopfschütteln. Da wird die Rute hochgerissen und gekurbelt auf Teufel komm raus. Dass somit aber Fische verloren gehen, die nicht hätten verloren werden müssen, sehen viele dieser "Petrijünger" nicht oder erst im Laufe der Jahre ein.

Das sind alles Sachen die in keiner Prüfung abgenommen oder gar in einem Pflichtkurs erlernt werden können, sondern nur am Wasser erlebbar sind. Warum dann also überhaupt eine Prüfung machen? Für den waidgerechten Umgang mit der Kreatur Fisch würde doch ein Einführungslehrgang auch reichen. Ist der Fischereischein nur ein Mittel um Geld einzutreiben?

Wenn man im europäischen Umland von der deutschen Fischerprüfung redet, sieht man immer in ganz erstaunte, ja fassungslose Gesichter. Nach meinem Kenntnisstand, ist Deutschland das einzige Land der Welt wo eine solche Prüfung abgelegt werden muss. Wer viel unterwegs ist müsste zudem alle 16 Fischereigesetze Deutschlands kennen. Das allein ist schon der Wahnsinn!!!
Dabei ist der Inhalt der Prüfung in den einzelnen Bundesländern wieder ganz was anderes. Rechtsvorschriften müssen einerseits gelernt werden, gut das sehe ich ein. Wenn man dann noch Glück hat werden Angelberechtigungen, wie der in Sachsen-Anhalt neu eingeführte und aus DDR Zeiten wohl bekannte "Friedfischschein" in anderen deutschen Ländern nicht anerkannt. Aber die Idee, dass man ans Wasser darf, ohne irgendeinen Schimmer vom tatsächlichen Angeln zu haben halt ich trotz allem zumindest für zweifelhaft!

Darf ich meinen Autoführerschein machen ohne einmal hinterm Steuer gesessen zu haben?
Ohne eine wie immer geartete Art von "Lehrer", der einem nach und nach alles beibringt , ist man ziemlich auf sich allein gestellt und nicht jeder kann/will sich eine Mitgliedschaft in einem Verein leisten.

Sicherlich haben viele Fragen bei der Prüfung durchaus ihre Berechtigung. Wie z. B. das Behandeln von gefangenen Fischen und deren Tötung. Aber vieles ist auch aus meiner Sicht nur Füllstoff. Von Praxis, außer dem Werfen ist da recht wenig. Ich glaube einzig in Sachsen-Anhalt (z. B. beim KAV Sangerhausen e. V.) bekommt man in den Lehrgängen noch gezeigt, wie ein Fisch waidgerecht getötet wird.

Gleichwohl finde ich, dass man u. a. über die Zugangsvoraussetzungen zum Fischereischein sprechen sollte.

Muss ein Jugendlicher der über einen gewissen Zeitraum den Jugendfischereischein besitzt und Mitglied in einem Angelverein ist diese Prüfung ablegen, diesen Pflichtlehrgang absolvieren? Was könnte er angeltechnisch noch lernen?

Ich selbst war als Kind schon vor meiner Prüfung (1972) durchaus motiviert, aber ich wollt mich nicht einfach so ins kalte Wasser stürzen lassen, also bin ich zunächst ein paar mal mit einem mir wohl gesonnenen Angler unter Aufsicht mitgegangen. War sowieso das einzige was Sinn gemacht hatte, ich wollt ja was gezeigt bekommen, lernen wie man z. B. den Fisch mit einer Teigkugel überlistet. Hätten man mich erwischt, wärs das vielleicht gewesen mit der Angelei, dabei hab ich weder Tiere gequält, noch Uferbewuchs großflächig niedergebrannt oder Altöl von Vaters Trabbi in den Bebraer Teich entsorgt, sondern gerade mal ein paar mal geworfen und wieder eingeleiert.

Was ist mit dem "Touristenschein"? Schleswig – Holstein hat ihn, Meck-Pomm hat ihn, Thüringen hat ihn, andere Länder wol-len ihn einführen und Sachsen-Anhalt?? Dürfen Franzosen, Dänen, Österreicher usw. in Sachsen-Anhalt angeln? Problematisch wird doch nach dem anhaltinischen Fischereigesetz der deutsche Fischereischein zur Bedingung gemacht.

Also Handlungsbedarf zur Novellierung der Vorschriften ist schon einiger da. Die angestrebte Fusion der beiden Anglerverbände Deutschlands sollte evtl. auch dazu benützt werden, ähnlich dem Führerschein einen einheitlichen Fischereischein zu kreieren und ihn gesetzlich einzuführen.

Vielleicht gibt dieser Artikel einen Denkanstoß, denn wie sagte mal ein alter Angler: "Nutze die Natur, aber benutze sie nicht."

Petri Heil
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