Häuserkampf in Bonnland: Wie Soldaten des Sondershäuser Ausbildungsbataillons für den Ernstfall trainieren

Feldwebelanwärter Sascha Trost aus Erfurt klettert am Seil die Hauswand empor. Das ist eines von 17 Hindernissen auf der Ortskampfbahn in Bonnland am Truppenübungsgelände Hammelburg.
 
Bonnland ist ein leergezogenes Dorf, das von der Bundeswehr als Ortskampfanlage auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg verwendet wird.
Sondershausen: Karl-Günther-Kaserne | Sascha Trost kriecht, balanciert, klettert. Die alten Häuser, die so beschaulich wirken, entpuppen sich als Ortskampfbahn. Betonröhren, Dachbalken, Häuserwände sind zu passieren. Dann springt der 26-Jährige in völliger Dunkelheit ins Ungewisse. Simuliert wird der Häuserkampf.

Führen durch Vorbild


Das Training gehört zur Ausbildung im Feldwebel- und Unteroffiziersanwärter-Bataillon 1 Sondershausen. Eigens dafür - sowie für Gefechts- und Schießübungen - haben 170 angehende Feldwebel und Unteroffiziere für eine Woche die Karl-Günther-Kaserne in Sondershausen verlassen und sich im unterfränkischenHammelburg einquartiert. Hier bietet Bonnland, ein leergezogenes Übungsdorf, ideale Bedingungen. Es ist Tag drei und die Strapazen stecken auch Stabsunteroffizier Sascha Trost in den Knochen: „Die Woche ist schon fordernd, aber schließlich wollen wir alle einmal militärische Vorgesetzte werden.“ Dann greift der gebürtige Nordhäuser zum Seil, um an der nächsten Fassade hinaufzuklettern.
Der Ausbilder hat es vorgemacht. „Führen durch Vorbild heißt unser Prinzip“, erklärt Bataillonskommandeur Markus Kankeleit. Praktisches Vorleben ist dem Oberstleutnant wichtig.

Auf ins Gefecht


An einem anderen, weit abgelegenen Gehöft lärmen Maschinengewehre. Eine 16-köpfige Gruppe soll ein fiktives Flüchtlingslager überwachen, als plötzlich ein Feuer¬überfall losbricht. Schreiend kommunizieren die Soldaten über mehrere Etagen. In der Hügellandschaft hinterm Haus richten sich lebensgroße Figuren auf. Mal Angreifer, mal Zivilpersonen. Der Gruppenführer weist Ziele zu – bis er verstummt. Ehe ein Soldat das Kommando übernimmt, verharrt die Gruppe in Schockstarre. Etwas zu lange, wie in der Auswertung eingeschätzt wird. Denn während der Ratlosigkeit taucht für 30 Sekunden ein mit Geschossen bestückter Pickup auf, er hätte das Haus zersiebt. Kommandeur Kankeleit ist stiller Beobachter: „Gruppengefechtsschießen sind in Sondershausen nicht möglich. Aber es ist wichtig, derartige Szenarien realitätsgetreu nachzustellen, um Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.“ Nicht jeder Lehrgangsteilnehmer hat schon einmal Dienst bei der Bundeswehr getan. Die Altersspanne reicht momentan von 17 bis 42 Jahren.

Dienst an der Côte d‘Azur


Fast jeder zweite ist ein Wieder¬einsteiger. Ähnlich wie Benjamin Jones aus Berlin. Er hatte das Heer 1996 als Stabsunteroffizier verlassen und im Prüfungsamt einer Universität gearbeitet. „Aber irgendwann wollte ich nicht mehr nur im Büro sitzen“, begründet er die Rückkehr. 37-jährig forciert der Familienvater seine Bundeswehrkarriere. Das Ziel heißt Le Luc und liegt an der Côte d‘Azur. Dort werden in einem deutsch-französischen Ausbildungszentrum ¬Soldaten für den Kampfhubschrauber ¬„Tiger“ fit gemacht. Nach einer Spezialausbildung will Jones in Frankreich den Dienst als Offizier für Materialbewirtschaftung antreten.
Sicher sind derartige Dienstposten die Ausnahme, aber möglich ist vieles. Die berufliche Perspektive motiviert. Ob NATO-Hauptquartier in Brüssel oder Panzergrenadier¬bataillon in Bad Salzungen – jeder Anwärter weiß zu Beginn der Ausbildung, wohin ihn der Weg nach dem Abschluss führt.

Schüsse auf kurze Distanz


Feldwebelanwärterin Stefanie Henke will später am Standort Leer arbeiten. Im Moment aber verschwendet die Stabsunteroffizierin keinen Gedanken an Ostfriesland, richtet konzentriert die ¬Pistole P 8 auf die Zielscheibe. Besonders intensiv üben sie und ihre Kameraden in Hammelburg den Doppelschuss auf 5, 10 und 15 Meter Entfernung. Kommandeur Kankeleit erklärt den Hintergrund: „Das Nahbereich-Schießen entspricht dem neuen Ausbildungskonzept, welches auf Erfahrungen aus dem ISAF-Einsatz in Afghanistan beruht.“


Schnelligkeit durch Drill


 Die Zeiten, in denen Soldaten in festen Stellungen auf den Feind warteten und ihn aus großer Entfernung bekämpften, sind vorbei. Wird heute eine Pa¬trouille im Krisengebiet angegriffen, ist der Gegner sehr nah und der Soldat muss schnell, geradezu instinktiv -reagieren. „Deshalb wird immer und immer wieder trainiert, bis wichtige Handgriffe automatisch ablaufen“, betont der Kommandeur. Neu ist auch, dass die Schützen nicht mehr schräg, sondern frontal zum Feind stehen, weil die Schutzweste im Brust- und Bauchbereich die größte Wirkung hat.
 Stefanie Henke ist heute mit ihrem Trefferbild nicht zufrieden, aber sie sieht es als Herausforderung: „Beim nächsten Mal wird‘s besser, darum sind wir hier.“
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8 Kommentare
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Mike Picolin aus Gera | 09.12.2014 | 08:58  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 09.12.2014 | 10:03  
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Gunter Linke aus Saalfeld | 09.12.2014 | 11:42  
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Hannelore Grünler aus Artern | 09.12.2014 | 16:52  
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Mike Picolin aus Gera | 09.12.2014 | 18:47  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 17.12.2014 | 10:34  
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Mike Picolin aus Gera | 17.12.2014 | 13:54  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 29.12.2014 | 17:58  
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