Brustkrebs früh erkennen: Mammographie-Screening in Sondershausen

Melanie Vollmering, Medizinisch-Technische Radiologie-Assistentin, bedient das digitale Röntgengerät. Es ist ein Mammographie-Gerät der neuesten Generation, das auch dreidimensionale Bilder machen kann – quasi einen Film der inneren Brust.
 
Dr. Jörg Buse, Arzt für Diagnostische Radiologie, ist programmverantwortlicher Arzt des Screenings in Thüringen Nord-West.
 
Bis Januar steht das Mammobil, der fahrbare Untersuchungsraum, auf dem Parkplatz in der Pfarrstraße in Sondershausen.
Sondershausen: Parkplatz |

60 Prozent der Thüringerinnen folgen der Einladung zur Mammographie-Untersuchung – Dr. Jörg Buse im Interview

Frauen zwischen 50 und 69 Jahren haben alle zwei Jahre gesetzlichen Anspruch auf eine Mammo­graphie-Untersuchung. Durch das Röntgen der Brust soll Brustkrebs möglichst früh entdeckt werden, um ihn besser und schonender behandeln zu können. Bis Januar 2015 steht das Mammobil der Screening-Region Thüringen Nord-West in Sondershausen. Redakteurin Sibylle Klepzig sprach mit dem programmverantwortlichen Arzt ­Dr. Jörg Buse über Nutzen und Grenzen der Reihenuntersuchung.

Warum raten Sie Frauen zur Mammographie-Untersuchung?
Brustkrebs kann hierdurch in einem frühen Stadium entdeckt werden, noch bevor er tastbar ist und in den Körper gestreut hat. Dadurch wird er heilbar.

Wie viele Frauen nutzen diese Möglichkeit der Früherkennung?
Das Gesundheitsbewusstsein ist diesbezüglich hoch, mehr als die Hälfte der eingeladenen Frauen bundesweit und fast 60 Prozent der Thüringer Frauen folgen regelmäßig der Einladung. Im Jahr 2013 wurden fast 100 000 Frauen in Thüringen untersucht.

Wer wertet die Röntgen­bilder aus?
Alle Bilder werden von mindestens zwei spezialisierten Ärzten in verschiedenen Arztpraxen oder Kliniken ausgewertet. In einer gemeinsamen Konferenz werden die auffälligen Fälle anschließend mit dem programmverantwortlichen Arzt besprochen und die Frauen teilweise zu einer weiteren Abklärungs­diagnostik eingeladen.

Wie viele Auffälligkeiten werden diagnostiziert?
Fast 4 Prozent der untersuchten Frauen zeigen Auffälligkeiten.

Wie häufig ist Brustkrebs überhaupt und wie oft führt er zum Tode?
Jährlich treten bundesweit fast 80 000 Brustkrebsfälle auf und rund 18 000 Frauen sterben daran. Durch das Mammographie-Screening werden schätzungsweise 2000 bis 3000 Todesfälle hiervon jährlich verhindert.

Gibt es auch Zahlen aus Thüringen?
1846 Frauen sind laut dem Gemeinsamen Krebsregister der neuen Länder und Berlin (GKR) allein im Jahr 2009 in Thüringen an Brustkrebs erkrankt und 443 und somit 23,4 Prozent hieran gestorben. Die Erkrankungszahlen nehmen leider weiter zu. Endgültige Zahlen zur Senkung der Sterblichkeitsrate durch das Mammographie-Screening können prinzipiell erst 12 Jahre nach flächendeckender Einführung eines Mammographie-Früherkennungsprogramms vorliegen, somit für Thüringen erst im Jahr 2021. In vergleichbaren Früherkennungsprogrammen anderer Länder weltweit zeigten sich erfreulicherweise aber bereits Verminderungen der Brustkrebs-Sterblichkeit um bis zu 40 Prozent.

In erster Linie geht es natürlich um das Überleben. Aber geht es nicht auch um die Lebensqualität? Früherkennung ermöglicht oft eine schonendere Behandlung...
Ja, es können Brustamputationen und Chemotherapien vermieden werden. Diesen Effekt sehen wir schon seit Jahren.

Kritisiert wird am Screening eine mögliche „Überdiagnose“. Was ist damit gemeint?
Überdiagnosen sind Brusttumore, die unbehandelt nicht zum Tode führen, weil diese Tumore nur langsam wachsen und die betroffene Frau daher an anderen Ursachen sterben würde. Niemand allerdings kann derzeit sicher sagen, bei welcher Frau individuell das so sein wird. Deshalb werden derzeit selbstverständlich alle innerhalb des Mammographie-Screenings entdeckten Karzinome oder deren Vorstufen therapiert. Aus der Überdiagnose wird insofern manchmal unvermeidbar eine Übertherapie. Die Anzahl der Übertherapien wird sich durch verbesserte Vorhersagemethoden der Pathologen aber zukünftig vermindern lassen.

Was entgegnen Sie jenen, die am Nutzen des Massenscreenings zweifeln und nur noch Frauen untersuchen wollen, die zu Risikogruppen gehören?
Dies entspräche der Zeit vor Einführung des Mammographie-Screenings, in der die Rate an Brustamputationen und Chemotherapien in der Zielgruppe der 50- bis 69-Jährigen um bis zu 50 Prozent höher und die Lebenserwartung bei Brustkrebs um bis zu 40 Prozent geringer war.

Mammographie bedeutet immer auch eine - wenn auch geringe - Strahlenbelastung. Wären eine Ultraschall-Untersuchung (Sonographie) oder Magnetresonanz-Tomographie (MRT) nicht die besseren Methoden zur Früherkennung?
Ein klares Nein. Die Sonographie und die MRT alleine sind beide nicht zur bevölkerungsbezogenen Brustkrebs-Früherkennung geeignet, sie würden zu intolerabel vielen Gewebsprobeentnahmen führen.
Die Kernspintomographie wird zur Früherkennung lediglich bei Hochrisikofrauen mit Gendefekten zusätzlich zur Mammographie eingesetzt.

Kann durch das Zusammendrücken der Brust zwischen Objekttisch und der Plexiglasplatte während der Mammographie Schaden entstehen?
Wenn Sie hiermit die Frage der Auslösbarkeit von Brustkrebs meinen ein klares Nein.

Bei geringer Gewebedichte werden bereits Tumore ab etwa fünf Millimetern entdeckt. Warum kann dann nicht jeder Krebstumor in der Brust erkannt werden?

Meistens liegt dies daran, dass es schnell wachsende Brusttumore gibt, die somit innerhalb zweier Screening-Untersuchungen tastbar werden, sogenannte Intervallkarzinome. Diese wären nur verminderbar, wenn man zum Mammographie-Screening statt zweijährlich jedes Jahr einladen würde.

Die Selbstuntersuchung, das Abtasten der Brust, ist also immer noch wichtig?

Natürlich. Die Empfehlung für jede Frau zwischen 50 und 69 Jahren lautet, neben der zweijährlichen Einladung zum Mammographie-Screening der frauenärztlichen Krebsvorsorge zu folgen und auch das Selbstabtasten durchzuführen.

Erfüllt das Mammographie-Screening bislang die darin gesteckten Erwartungen?
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine generelle Empfehlung für zweijährliche qualitätsgesicherte Mammographie-Screening-Programme in der Altersgruppe von 50 bis 69 Jahren ausgesprochen. Das vom deutschen Bundestag beschlossene Programm macht das, was es soll und erfüllt somit alle Vorgaben der europäischen Leitinien bis auf eine Ausnahme: Die Teilnahmequote liegt noch unter den als Ziel definierten 70 Prozent.

Thüringer Zentrale in Weimar: Telefon 0 36 43  -  74 28 00

Mehr Infos unter: www.mammo-programm.de
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