Jeder zweite rasselt durch "Idiotentest" - Verkehrstherapie erhöht Erfolgsaussicht

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Psychologin Dr. Angelika Heubel aus Sondershausen ist Mitglied im Bundesverband niedergelassener Verkehrspsychologen. (Foto: privat)
Sondershausen: Beratung |

Wer zur MPU muss, braucht klaren Verstand und Selbsteinsicht, um seine Fahreignung nachzuweisen. Psychologen helfen vorab in einer Verkehrstherapie, einiges im Leben neu zu ordnen.

„Ich muss zur MPU. ­Helfen Sie mir, dort durchzukommen.“ So klingt sie meist – die Bitte, mit der sich Menschen an Psychologin Dr. Angelika Heubel wenden. Sie hat sich auf Verkehrspsychologie spezialisiert und bietet in Sondershausen Verkehrs­therapien zur Vorbereitung auf die Medizinisch-Psychologische Untersuchung – kurz MPU – an. „Wer hofft, dabei werden die richtigen Antworten auf die Gutachter-Fragen trainiert, liegt allerdings falsch“, stellt sie klar. „Um den Test zu bestehen und den Führerschein zurückzubekommen, müssen Verkehrssünder vorab vor allem ein hartes Stück Arbeit an sich selbst leisten.“

Meist schon sehr an Alkohol gewöhnt

Knapp 100 000 Autofahrer schickt die Verkehrsbehörde bundesweit jährlich zum „Idiotentest“, wie die MPU landläufig genannt wird. Mehr als die Hälfte von ihnen saß betrunken am Steuer – mehrmals oder mit mehr als 1,6 Promille im Blut. Bei rund 20 000 waren Drogen im Spiel, andere haben ihr Punkte­konto in Flensburg überzogen. „Das passiert nicht einfach so, sondern basiert auf Gewohnheits­mustern“, erklärt die Psycho­login. Es ist medizinisch erwiesen: „Wer mit 1,6 Promille überhaupt noch fahren kann, trinkt auch sonst mehr als zwei Bier.“ Da genügt es beim Test nicht, lapidar zu behaupten, das Vergehen sei ein Ausrutscher gewesen. Jeder zweite fällt durch die MPU. „Wer nur abwehrt und beteuert: ‚So schlimm bin ich doch gar nicht‘, hat die Problematik nicht erfasst.“

Denkanstöße durch den Psychologen

Aber genau darum geht es im Vorfeld der Prüfung. Will der Kandidat den Gutachter überzeugen, dass er wieder verantwortungsvoll ein Auto führen kann, muss er sich zuvor mit den Ursachen seines Verkehrsverstoßes auseinandersetzen. „Meist ist die Gewöhnung an Alkohol schon sehr groß“, sagt Angelika Heubel über die Mehrzahl ihrer Klienten. Die Gefahr einer Wiederholung besteht, solange man weiter tief ins Glas schaut. Sie erklärt den Grund: „Große Mengen Alkohol beeinträchtigen das Großhirn so, dass die Vernunft und die Kontrolle schwinden. Gefühle und Bedürfnisse werden nicht mehr im Zaum gehalten.“ Liegt dann etwas von emotionaler Bedeutung an, sind alle guten Vorsätze vergessen. Sie hat in ihrer Praxis schon einige solcher Fälle erlebt: Der Betrunkene lässt sich nach der Feier vom Freund oder dem Taxi nach Hause fahren. Dort merkt er, dass Zigaretten fehlen und fährt Hals über Kopf selbst noch einmal los.


Alkohol hat eine Funktion

Ist der Führerschein weg, sitzt der Schreck tief. Wie konnte es soweit kommen? Ein Einzelner vermag nur schwer, die Zusammenhänge zu analysieren und Konsequenzen zu ziehen. In einer Verkehrstherapie, wie sie auch TÜV, DEKRA und andere Institutionen durchführen, findet er psychologische Hilfe. „Was haben Sie am Alkohol geschätzt, warum war er ihnen so wichtig?“, möchte Angelika Heubel wissen. Aber auch, welche Nachteile der Rausch brachte, wofür es sich lohnt, weniger oder gar keinen Alkohol mehr zu trinken. Sie spürt, ob die Antwort ehrlich ist, das Bemühen echt.

 Sicher, es kostet Überwindung, die Lebensumstände zu offenbaren. Doch ohne Offenheit keine Verhaltens­änderung. Alles erfüllt aus Sicht der Psychologin eine Funktion – auch das Alkohol­trinken. „Jeder muss diese Funktion für sich ergründen und überlegen, ob er nicht eine Alternative zum Suchtmittel findet.“ Es gibt weitaus bessere Möglichkeiten, mit Stress in Beruf, Familie oder Partnerschaft umzugehen. Wer das erkennt und mit alten Trinkgewohnheiten bricht, bekommt den Führerschein zurück – und wird ihn auf Dauer behalten.

Hintergrund

• 94 819 Personen mussten 2013 bundesweit zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU). Statistik der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)
• 57 Prozent bestanden, bei 37 Prozent fiel das Gutachten negativ aus. 7 Prozent wurden als „nachschulungsfähig“ eingestuft.
• Mehr als die Hälfte aller MPU (47 418) wurden wegen Alkohol am Steuer auferlegt. 15 Prozent der Betroffenen waren wiederholt auffällig.
Gestiegen ist die Zahl der Untersuchungen aufgrund von Drogen und Medikamenten am Steuer. Hier stieg die Zahl im Vergleich zu 2012 um sechs Prozent auf 20 534.
• Eine MPU besteht aus drei Teilen: dem Test der Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit, der ärztlichen Untersuchung und dem Gespräch mit einem Verkehrspsychologen. Auch ein Abstinenznachweis kann verlangt werden.
• Bundesweit gibt es Begutachtungsstellen von 13 Trägern, darunter TÜV und DEKRA. Diese, aber auch private Anbieter bieten MPU-Vorbereitungen an – einzeln oder in der Gruppe. Ein Preisvergleich lohnt.
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