Bitte, danke, gerne: Jenaer Wissenschaftlerin untersucht Höflichkeitsformen in Märchen

Gergana Börger hat deutsche, russische und bulgarische Märchen zum Thema Höflichkeit untersucht. (Foto: Anne Günther/FSU)
 

„Höflichkeit ist immer aus einer Wertvorstellung heraus begründet“, erklärt Gergana Börger. Die hat Märchen drei Sprachen zum Thema untersucht.

Gergana Börger heißt eine junge Wissenschaftlerin an der Friedrich-Schiller-Universität. Kein gewöhnlicher Name, aber schnell erklärt. Den Vornamen bekam sie von ihrer bulgarischen Großmutter, den Nachnamen vom deutschen Vater. Bei solch einer Symbiose verwunderte es nicht, dass sie Mutter- und Vatersprache fließend beherrscht. Und weil sie sechs Jahre lang eine Garnisionsschule der Roten Armee in Deutschland besucht hat, spricht sie zudem perfekt russisch. Dass sie schließlich Slawistik studiert hat, war da nur zwangsläufig.

Der Dreiklang von Deutsch, Russisch und Bulgarisch bestimmt auch ihre Promotionsschrift, die jetzt als Buch veröffentlicht wurde. Gergana Börger hat sich mit den Zaubermärchen dieser Sprachen intensiv auseinandergesetzt. Sie ging der Frage nach, wie höflich die Protagonisten miteinander umgehen. Dafür hat sie aus jeder Sprache 30 Volksmärchen analysiert und miteinander verglichen. Wie wird sich gegrüßt? Wie werden Bitten formuliert und Dankesworte gesprochen? Gibt es Komplimente?

Deutsche Helden haben kein Problem zu bitten


In den Märchen spiegele sich das kulturelle Selbstbewusstsein des jeweiligen Volkes, erklärt die Wissenschaftlerin. Daraus entwickeln die Märchenfiguren unterschiedliche Strategien, um ihre Ziele zu erreichen. In deutschen Märchen haben die Handelnden kein Problem damit haben, ihre Wünsche mit Höflichkeitsfloskeln zu formulieren. Sie befürchten dadurch keinen Gesichtsverlust. „Der bulgarische Märchenheld sagt hingegen direkt, was er will. Die Erwartungshaltung ist anders“, erklärt Gergana Börger. Auf Deutsche könnte das durchaus befremdlich wirken.

Beim Dank für gute Taten wandelt sich das Bild. Der deutsche Held nimmt ihn gern an oder fordert ihn oftmals sogar ein. Beispielsweise, wenn er nach geglücktem Abendteuer die Heirat mit der Prinzessin verlangt. In den russischen und bulgarischen Märchen gibt sich der Held bescheiden. „Er schläft nach dem Kampf mit dem Drachen schon mal ein“, so Börger. Damit zeige er den anderen: Ihr braucht mir nicht dankbar zu sein.


Keine Komplimente für Frauen


Große Unterschiede gibt es bei der Verwendung von Komplimenten. Im Bulgarischen werden sie Frauen gegenüber nicht ausgesprochen. „Daran erkennt man die lange Zugehörigkeit des Landes zum Osmanischen Reich und die Stellung der Frau in der Gesellschaft.“ Männer untereinander loben sich hingegen gern. Im Russischen werden oft Kosewörter verwendet. In deutschen und bulgarischen Märchen sind sie kaum zu finden.

Höflich oder unhöflich, ein pauschales Urteil lässt sich nach den Erkenntnissen von Gergana Börger nicht fällen. Die handelnden Personen agieren lediglich auf unterschiedliche Weise, so wie es in der jeweiligen Gesellschaft üblich ist. Dabei muss man bedenken: Märchen boten in ihrer Entstehungszeit Lösungsansätze, um sich auf Bewährungsproben vorzubereiten. Deshalb ähneln sie sich auch in den unterschiedlichen Kulturen. Während es im Deutschen Frau Holle gibt, ist es im Bulgarischen eine alte Frau. Im russischen Märchen tritt sie als Hexe auf. Aber in allen drei Geschichten trifft ein junges Mädchen auf eine erfahren Frau und erlebt einen Erkenntnisgewinn.

Zur Person

Gergana Börger wurde 1977 in Berlin geboren. Sie studierte an der Humboldt-Universität Slawistik. Seit 7 Jahren arbeitet sie am Institut für Slawistik an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena als Lektorin für Bulgarisch. Als Lieblingsmärchen bezeichnet sie die „Kleine Meerjungfrau“. Leider passt es in zweierlei Hinsicht nicht zu ihrer Promotionsschrift: Es ist ein Kunst- und kein Volksmärchen und wurde von einem Dänen geschrieben.

Zur Sache

+ Volksmärchen sind eine traditionelle Form des Erzählens. Sie basieren auf mündlichen Überlieferungen und lassen sich auf keinen Verfasser zurückführen.

+ Kunstmärchen sind in Inhalt und Form den Volksmärchen sehr ähnlich, lassen sich aber einem bestimmten Autoren zuordnen.

+ Als Zaubermärchen bezeichnet man klassische Märchen, in denen magische Kräfte und Sprüche eingesetzt werden. In ihnen agieren unerschrockene Helden, Prinzessinnen und Drachen. Sie sind eng mit einem mittelalterlichen Lebensumfeld verbunden.

+ Das Buch „Höflichkeitsformen in bulgarischen, deutschen und russischen Zaubermärchen“ ist im Verlag Frank & Timme, Berlin, erschienen.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige