Goethe sammelte mit Leidenschaft Papiere aller Art - Autographenausstellung in Weimar

Evelyn Liepsch ist Kuratorin der Ausstellung.
Weimar: Hans-Wahl-Straße 4 |

Es wird getippt, gewischt und mit der Maus geklickt. Die Wende vom Analogen zum Digitalen hat längst eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit erreicht. Geschrieben wird heute meist mit Tastatur. Bleistift, Kuli und Füller – adé! Das papierlose Büro ist längst mehr als eine Vision. Wenn das Goethe wüsste!

Der Geheimrat liebte es, sich mit Papier zu umgeben. Nicht nur mit den eigenen Schriften. Vor allem in den Jahren von 1805 bis 1820 sammelte Johann Wolfgang Goethe mit großer Leidenschaft handschriftliche Aufzeichnungen. Es war in jenen Jahren ein beliebtes Hobby, nicht nur von Goethe. Über 2000 Autographen bekannter Persönlichkeiten, geschrieben von etwa 1500 Verfassern, enthält dessen Sammlung. Darunter sind Schriftsteller, Musiker, Monarchen, Feldherren und Wissenschaftler. „In der Auswahl war er ziemlich beliebig“, erklärt Evelyn Liepsch, Mitarbeiterin im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Briefe, Manuskripte, Notenblätter, auch Zeichnungen, Briefumschläge und Notizzettel hat er aufgehoben ¬- um „die Geister der Entfernten und Abgeschiedenen hervorzurufen und um sich zu versammeln“, wie er selbst erklärte.

Goethe-Gedicht als Tauschobjekt


Goethe habe sich seiner Sammlung mit sehr viel Sorgfalt gewidmet, berichtet Evelyn Liepsch. Mit Bedacht habe er entschieden, ob ein Schreiben in seiner Brief- und Autographensammlung abgelegt wird. Auf jedes Stück seiner Handschriftensammlung schrieb er den Autorennamen mit roter Tinte: Schiller, Heinrich von Kleist, Napoleon oder Mozart. Nicht nur aus der eigenen Korrespondenz stammen die Teile seiner Sammlung. In seinen Korrespondenzen hat Goethe ganz gezielt um Autographen gebeten. „Natürlich waren seine Briefpartner sehr stolz, wenn sie Goethe etwas liefern konnten“, so Liepsch. So wurde eine Vorlesungsankündigung Albrecht Daniel Thaers vom Schwarzen Brett der Berliner Uni nach Weimar geschickt, ebenso das Fragment einer Notenschrift von Mozart. Goethe selbst zeigt sich entgegenkommend. Von einem seiner Gedichte ließ er mehrere Faksimile anfertigen. Sie wurden zu einem begehrten Tauschobjekt.

Eine kleine Auswahl bedeutender Stücke aus dieser Sammlung sind derzeit in einer Ausstellung im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar zu sehen. „Wir wollen damit ein breites Publikum, aber auch die Wissenschaft auf einen überaus wertvollen Bestand aufmerksam machen“, erklärt Kuratorin Evelyn Liepsch ihr Ansinnen. Denn im Gegensatz zum gut erforschten Briefnachlass des Klassikers gebe es in der Autographensammlung noch so manchen Schatz zu heben. Und vielleicht greift der eine oder andere Besucher danach ganz bewusst zu Stift und Papier, damit die heutige Generation mehr zu hinterlassen hat als USB-Sticks, Festplatten und Datenwolken.


Fakten rund um die Schrift


- Goethe selbst schieb seine Manuskripte in einer Mischung aus deutscher Kurrentschrift und lateinischen Buchstaben mit der damals üblichen Eisengallustinte auf handgeschöpftem Papier.
- Das Papier wurde in Papiermühlen hergestellt und enthielt zu Gothes Zeiten keine chemischen Zusatzstoffe.
- Die Papiermühlen kennzeichneten ihre Produkte mit einem Wasserzeichen.
- Goethe nutzte gern Papier aus einer Mühle in Stützerbach.
- Heute werden Papier und Tinte industriell produziert.
- Die meisten Thüringer dürften derzeit noch die in der DDR entwickelte Schulausgangsschrift nutzen – in individueller Ausprägung.
- In Thüringen wird die Druckschrift als Erstschrift gelehrt. Die Vermittlung der Schreibschrift, in der die Buchstaben miteinander flüssig verbunden werden, wird nicht zwingend gefordert. Erklärtes Ziel ist eine gut lesbare, individuelle Handschrift.
- Finnland hat bereits den nächsten Schritt vollzogen: Hier wird ab 2016 eine Schreibschrift nicht mehr gelehrt. Die Schüler sollen tippen, statt mit der Hand schreiben.

TERMINE


„Aus Goethes Autographensammlung. Von Mozart bis Napoleon“: bis 28. Juni 2015
Montag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr;
Samstag, Sonntag, Feiertag, 11 bis 16 Uhr,
Goethe- und Schiller-Archiv, Hans-Wahl-Straße 4 in Weimar
Der Eintritt ist frei.

Fortsetzung


Die thematische Schau zur Autographensammlung Goethes wird unter dem Titel „Von Kant bis Unbekannt“ vom 10. Juli bis 18. Oktober 2015 im Goethe- und Schiller-Archiv fortgesetzt.
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