"Uhrig, uhrig, uhrig" - Oh, die Uhr ist leck - Zeitmesser aus der DDR ticken heute noch genau, nicht nur in Weimar

Marie (22) aus Ilmenau amüsiert sich über die Geschichte und präsentiert die Hirten-Flaschen-Uhr.
 
Die Hirten-Flaschen-Uhr mit sechs Bechern.
 
Die große Drehpendeluhr.
Weimar: Stadtmuseum |

Vieles tickte in der DDR anders, aber nicht die Uhren. Da war man nah am ­Zeitgeschehen. Bereits 1962 wurden Zeitmesser in 15 Werken gefertigt. Zu den ­Dinos mit Zifferblatt ­zählte das Uhrenwerk Weimar mit 1990 immerhin 2000 Beschäftigten. Hier ­startete 1951 mit dem Weimar-Wecker die Massenproduk­tion. Die sich mit dem erfolgreichsten Quarz-Uhrwerk von 1986 bis 1990 auf rund 6,5 Millionen Stück ­steigerte. Eine Ausstellung im Stadtmuseum Weimar zeigt momentan wie umfangreich das Sortiment im Uhrenwerk war. AA-Redakteur Thomas Gräser hat drei „uhrige“ Episoden aus der geschichtsträchtigen ­Uhrenproduktion an der Ilm zusammengetragen.



Die Hirten-Flaschen-Uhr

Zu DDR-Zeiten wurde pünktlich gearbeitet und auch pünktlich gefeiert. Doch das war für die Entwickler und Designer vom Uhrenwerk Weimar nicht die Intuition für die Hirten-­Flaschen-Uhr. Sie war wohl eher dem Zeitgeist geschuldet. Neben Wand- und Standuhren verließen das Weimarer Werk auch solche kunsthandwerklichen Editionen.
„In den 1970er-Jahren wurde das Uhrwerk mittels Piko­-Motor regelmäßig aufgezogen“, sagte Herbert Taubner, ehemaliger Betriebsdirektor im Uhrenwerk. Danach wurde das ­tönerne Zeiteisen bis in die 80er-Jahre mit Quarz-Uhrwerk produziert. „Es wurde damals europaweit ­vertrieben und war selbst in westlichen Versandkata­logen zu finden“, so Taubner.
Die Flasche aus ge­branntem Ton, mit glasierter Außen­fassade, „kam aus Ungarn, war hohl und mit einem Korkstopfen verziert“, erklärt Taubner. Die in Weimar endproduzierte ­Tischuhr ­sollte lediglich die Regale von Hellerau & Co zieren. Damals war es üblich, Tongefäße, Kristall­gläser und Souvenirs zur Schau zu stellen.
Doch wo es etwas einzufüllen gab, tat das der gelernte DDR-Bürger auch. An­lässe zum Anstoßen gab es schließlich reichlich. Kam Besuch, war Alkohol aus der Hirtenflasche mit genauer Zeit­­an­gabe ein Hingucker auf vielen festlichen Tafeln. Doch da haben die stolzen Gast­geber die Rechnung ohne den Produzenten im Bruderland gemacht. Der glasierte nämlich Gehäuse und ­Becher nicht von Innen und so verfärbte sich die Tisch­decke schnell alkoholfarben – die Uhr war leck.
Plötzlich häuften sich die Rekla­mationen im Kundendienst des Herstellers, denn auch das Uhrwerk erlahmte im Vollrausch. Die Lösung pragmatisch: „In den Karton kam ein Beipackzettel mit: Flasche nicht befüllen“, sagt Herbert Taubner. Und die ­Trinkgefäße wurden auch ­innen undurchlässig mit einer Glasur ver­sehen und waren fortan zum Bechern ge­eignet. Und mit der Uhr in der Flasche konnte man sich nur noch die Zeit bis zum nächsten Prost einteilen.


Der Glassturz

Die große Drehpendeluhr kam ­Anfang der 1980er-Jahre mit Quarzuhrwerk und Glassturz auf dem Markt. „Für die Nullserie wurde der Glasdom in einem Ilmenauer Glaswerk über eine Holzform modelliert“, sagt Mitausstellungsgestalter Frank Erdniß. Doch da die Wanddicke der Glas­glocke so stark war, verließen nur wenige Stückzahlen das Uhrenwerk. „Daraufhin wurde Schott Jenaer Glas konsultiert. Und die sagten uns: weil ein spezielles Werkzeug hergestellt werden muss, müssen wir 100 000 Stück des Glassturzes fertigen“, erinnert sich Herbert Taubner. Dafür musste der VEB Uhrenwerk erstmals einen Kredit bei der Staatsbank aufnehmen. Jena lieferte. Und die Uhr konnte in hohen Stückzahlen produziert werden. Der Glassturz war aus hochwertigen Laborglas, kratzfest, hitzebeständig, bruchstabil, tempera­turunempfindlich. „Da hätte man Gulasch drin kochen können“, sagt Frank Erdniß. „Die Herstellungskosten lagen über 50 Mark der DDR (Betriebspreis). Doch das Amt für Preise in Magdeburg erließ einen Einzelhandelsverkaufspreis (EVP) von weit über 700 Mark“, sagt Herbert ­Taubner. Doch der Absatz war gut, auch wenn keine 100 000 Drehpendel­uhren mit Glasdom ­produziert wurden. Mit der Abwicklung des Weimarer Uhrenwerkes 1990 wanderten die restlichen Glasstürze in viele Kleingärten als begehrte Pflanzen­­­ab­deckungen (Anzuchthilfen).

Die Ikea-Uhren

Mitte der 1980er-Jahre klopfte IKEA mit ganz klaren Vorstellungen im Uhrenwerk an. Die Vertreter brachten Idee, Muster und Zeichnung von Uhren mit. So wurde die Wohnraumwanduhr „MYNDIG“ (Behörde) im Holzdesign in ­Weimar gefertigt.  Damals gab es noch keine Klarsicht-Verpackungen im Uhren­werk. IKEA bestand darauf: Der Kunde muss sehen, was er kaufen will. Es wurde verhandelt, der Preis reduziert und für die Differenz lieferten die Schweden eine Blistermaschine zur Herstellung von Sichtverpackungen.    

Von den Uhrenwerkern wurde damals die Idee ge­boren, dieser ­Pendelquarzuhr fünf Jahre ­Garantie zu geben. „Wir dachten, wir sind die Ersten, die eine fünfjährige Gewährleistung auf Uhren geben“, sagt ­Herbert Taubner. Das ­hatte Bestand bis ­vergangenen Herbst. Bei Recherchen zu dieser Aus­stellung im Weimarer Stadt­­- mu­seum „stellten wir fest, dass bereits 1918 der Uhr­macher Edmund Herrmann aus Kraftsdorf (Landkreis Greiz) eine solche Garantiezeit vergeben hat“, sagt Taubner. Dieser Beleg der Zeitgeschichte (Urkunde) fand auch den Weg in die Uhrenaus­stellung.

Das Bürgel-Set

Für diese ­limitierte Geschenk-Edition kam das Holzregal aus dem Erzgebirge. Die Teller, Becher, Kaffee-Bottiche oder Bierkrüge lieferten Töpferwerkstätten aus Bürgel. Alles fand Platz in einem großen Geschenkkarton und mutierte zur damaligen „Bück-Dich-Ware“.


Zur Sache

• Das Uhrenwerk Weimar hatte 2000 Beschäftigte, 1600 in Weimar und 400 in den Außenstellen: Dresden, Höckendorf, Bad Berka, Frankenberg, Chemnitz, Zeitz, Blankenhain, Tiefurt, Gotha, Langenwiesen.

• Es lieferte pro Jahr 3,5 Millionen Uhrengehäuse an die Werke in Ruhla und Glashütte.

• Von 1977 bis 1990 verließen das Weimarer Werk über 10,5 Millionen Quarzuhren.

• Auch das Gehäuse für die Interkosmosuhr – die DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn mit ins All nahm – kam aus Weimar.

• Auch die Gehäuse für die Kampfschwimmeruhren kamen aus Weimar.

• 1986 entstand die Weimarer Stadtuhr. Eine Quarzmutteruhr steuert die vier Uhrwerke und den Weltzeitring.

• Gefertigt wurden auch LCD-Wecker „Weimar“ mit Melodie, Auto- und Taucheruhren.

Zitate

Die Geschichte der Uhrenindustrie ist ein Glücksfall für Weimar, die mit der Stadtuhr bis in die Gegenwart reicht.
Dr. Alf Rößner

Wir machen keine Ostalgie, sondern zeigen Weimarer Industrie-Geschichte.
Herbert Taubner, ehemaliger (bis 1990) Direktor des Weimarer Uhrenwerkes und Kurator der Ausstellung im Stadtmuseum

Chronik

• am 1. Juli 1950 eröffnen die Feinmechanischen Werkstätten, zuvor in Zella-Mehlis angesiedelt, ihre Produktionsstätte in Weimar. Gefertigt werden: Werkzeuge, Locher, Hefter.
• 1952 entsteht daraus ein Kommunalwirtschaftliche Unternehmen (KMU).
• 1953 übernimmt der VEB Carl Zeiss Jena das KMU. Im Norden Weimars entsteht eine neue Produktionsstätte. Gefertigt werden: Belichtungsmesser, Wecker, Film-Projektoren.
• 1956 wird in VEB Feingerätewerk Weimar umfirmiert.
• 1967 Umbenennung in VEB Uhrenwerk Weimar und Integration ins VEB Uhrenkombinat Ruhla.
• 1978 das Uhrenkombinat wird dem Kombinat Mikroelektronik Erfurt angeschlossen
Ruhla digital
Uhrenwerk heute


Mehr zum Thema Uhren...

• ...in der Ausstellung „Uhren aus ­Weimar“ bis 4. September im Stadt­museum Weimar, Dienstag bis Sonntag, von 10 bis 17 Uhr.
» www.stadtmuseum.weimar.de
• Die Ausstellung haben ehemalige Uhrenwerker und Freunde zusammengestellt. Die meisten Exponate sind aus privaten Sammlungen.
• Zur Ausstellung ist ein 100-seitiger Katalog von Frank Erdniß erschienen.
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1 Kommentar
meinanzeiger .de aus Erfurt | 30.03.2016 | 12:31  
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