Wimmelbilder für Erwachsene: Annette Nietzschmann aus Weimar "verbaut" Zeitungsschnipsel für ihre Collagen

"Ich male Wohlfühlbilder", sagt Annette Nietzschmann.
 
Prinz Charles im Bauerngarten.

Sie war Korbmacherin und Kosmetikvertreterin, hat als Aktmodell gearbeitet. Vor eon paar Jahren hat Annette Nietzschmann eine alte Leidenschaft als Broterwerb wiederentdeckt.

„Eigentlich bin ich eine Wendeverliererin“, gesteht Annette Nietzschmann. Doch ihre Geschichte erzählt anderes.
Schon früh interessiert sich die 53-Jährige für Malerei. Und so nimmt sie in ihrer Heimatstadt Jena Unterricht bei Hans Lasko. Eine inspirierende Zeit. Davon soll sie auch in späteren Jahren profitieren. Doch erst einmal wird die Korbmacherin, macht ihren Meisterabschluss, eröffnet ein eigenes Geschäft. Ist gut im Geschäft.

Keiner wollte mehr Korbwaren


Wie sehr, das kann jeder nachvollziehen, der die DDR-Mangelwirtschaft selbst erlebt hat. Handwerkskunst stand damals hoch im Kurs. Der Drang, sich durch individuelle Dinge abzugrenzen, füllte auch Annette Nietzschmanns Auftragsbücher. Brachten dies fast zum Bersten.

Doch nach der Wende war Schluss. Bei vielen wurde das Geld knapp. Andere finanzierten mit der neuen D-Mark Autos oder bezahlten Urlaubsreisen. Handgefertigte Körbe und geflochtene Möbel wollte niemand mehr. „Zumindest einige hatten damals wenigstens den Anstand, ihre Aufträge zu stornieren“, erinnert sich Annette Nietzschmann. Ihre Werkstatt samt Angestellten musste sie schließen. Auf Märkten verkauft sie fortan Flechtschmuck und Objektkunst für den Garten, nahm Reparaturarbeiten an, vertrieb Kosmetik, warb in Supermärkten für verschiedene Produkte. Selbst Aktmodell war sie für andere Künstler. „Ich habe in meinem Leben schon ziemlich viel gemacht. Wenn es jetzt etwas ruhiger wird, habe ich nichts dagegen.“

Seit 2006 ist Annette Nietzschmann freischaffende Malerin. Ein neues berufliches Standbein, auch wenn sie es als Quereinsteigerin nicht einfach habe. In einer Lebenskrise hat sie ihr altes Hobby neu für sich entdeckt. Seit dem verdient sie damit ein Großteil ihres Lebensunterhalts. „Die Malerei will ich nicht wieder lassen“, gibt sie die Richtung für ihr weiteres Leben aus, unerwartete Wendungen inbegriffen.

„Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mein Leben völlig umgekrempelt.“ In ihrer Wahlheimat Weimar ist sie seit gut einem Jahr in einer kleinen Dachgeschosswohnung zu Hause. Hier lebt und arbeitet sie. Denn von den Wohnräumen führt eine Treppe hinauf ins Atelier, in dem sechs Dachfenster für genügend Tageslicht sorgen. Auch ein neuer Mann ist in ihr Leben getreten. Sie wirkt entspannt, in sich ruhend.

Wohlfühlbilder aus Öl und Acryl


Ganz im Gegensatz zu ihren Bildern. Sie strahlen Lebensfreude und Energie gleichermaßen aus. Eine Wiese, ein Garten, eine Häuserschlucht. Nicht nur einfach gemalt – mit Öl oder Acryl. Der Betrachter soll etwas entdecken können, beschreibt Nietzschmann ihren künstlerischen Anspruch. Wohlfühlbilder nennt sie es. Sie könnten ebenso als Wimmelbilder für Erwachsene bezeichnet werden. Um den gewünschten Effekt zu erzielen, ergänzt sie ihre Motive mit Bildern aus Zeitungen und Zeitschriften. Heraus kommen Collagen, die sich erst auf den zweiten Blick als solche erschließen.

Noch nicht lange arbeitet die Autodidaktin auf diese Weise. Mit der Wende im Privaten kam auch neuer Schwung in ihr kreatives Werk. Vorher seien ihre Bilder sehr brav gewesen, gibt sie selbstkritisch zu. „Doch irgendwann hat es klick gemacht“, erzählt sie von jene Moment, als die Idee für diese besonderen Collagen geboren wurde. Derzeit sammelt sie unentwegt Motive, die sie in ihren Bildern verarbeiten kann. „Man findet fast in jedem Heft etwas, das man verwenden kann.“ Nicht klar zu definieren sei die Entstehungsgesichte ihrer Collagen: Mal male sie zuerst und suche dann das passende Foto; ein anderes Mal gehe sie den umgekehrten Weg. Nackte, Schmetterlinge, Pferde- sogar Prinz Charles sogen für überraschende Momente.

„Mein Weg ist noch etwas steinig, aber er stimmt“, zieht Annette Nietzschmann Bilanz. Die Collagentechnik hat ihr neuen Schwung verleihen. Verlierer sehen anders aus.

Termin

+ Derzeit sind Arbeiten von Annette Nietzschmann in der Commerzbank-Filiale in Jena zu sehen.
+ Zum Tag des offenen Ateliers lädt die Künstlerin am 19. September in ihre Wohnung in Weimar, in der Schubertstraße 2 a ein.
+ Eine weitere Ausstellung ist im Spätherbst im Botanischen Garten in Jena geplant.
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