Zum ersten Mal: Erfurter Domstufen-Premiere wird abgebrochen

Elena Stikhina (Leonora) (Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt)
 
(Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt)
 
Gesamtansicht Domstufen (Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt)
Es hätte so schön sein können: „Il Trovatore“ auf den Erfurter Domstufen, wenn die Verbindung von Generalintendant Guy Montavon zum Himmel wirklich so gut wäre, wie er vor Beginn der Vorstellung angedeutet hatte. Wörtlich sagte er: „Wir stehen mit dem Himmel in Verbindung.“ Dann begrüßte er noch den „Schirmherrn“ der Domstufen-Festspiele, den Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Doch das sollte wenig nützen, denn ab ca. 21:00 Uhr trafen die ersten Tröpfchen die Nasen der Zuschauer. Dann begann allgemeines Rascheln und die Regencapes wurden übergezogen. Kurz vor Ende des 2. Aktes war „Schietwetter“ und Montavon schickte erst mal alle in die Pause. Der Regen wiederum nutzte die Pause und schüttete vielfach. Außerdem schleuderte der Himmel Blitze. Nun erscholl die Stimme Montavons mit den Worten: „Hier spricht der Generalintendant des Erfurter Theaters: Aus Sicherheitsgründen müssen wir die Premiere leider abbrechen! Ich wünsche allen einen guten Abend und einen guten Heimweg.“

Wahrscheinlich hatten das schon viele geahnt, dennoch sah man in vielen Gesichtern Betroffenheit. Immerhin muss der Premierenbesucher inzwischen 75 Euro hinblättern und die sind futsch, weil knapp eine Stunde Spielzeit überschritten ist. So sind die Geschäftsbedingungen.

Was wurde den Zuschauern dafür bis zum Abbruch geboten?

Eine Mittelalter-Kulisse mit viel Kostüm-Mischmasch und ein interessantes, wenn auch nicht durchgängig brillantes Sängerensemble.

Regisseur ist in diesem Jahr Jürgen R. Weber. Auf der Internetseite des Erfurter Theaters heißt es: „Der Regisseur Jürgen R. Weber sieht Parallelen zwischen Der Troubadour und aktuellen TV Serien wie Game of Thrones oder Vikings, in denen der Zuschauer mit Dingen konfrontiert wird, die im eigentlichen Leben Abscheu und Angst auslösen, wie Krieg, Folter und Hinrichtung – aber trotzdem faszinieren.“

Weber hat mit dem Haus-Bühnenbildner Hank Irwin Kittel die Domarchitektur verlängert. Dieses Mittelalter-Plateau wird der Spielplatz der Auseinandersetzungen der Liebes-Konkurrenten Manrico und Luna und das ist auch dramaturgisch das Problem. Denn der große Raum der Domstufen bleibt weitgehend unbespielt. Zu dicht wird alles auf das Bühnenpodium konzentriert. Da finden eher kleine Gesten statt. Die sind zwar spielerisch oft intensiv, erreichen aber emotional nicht das Publikum. Dabei war der Auftakt mit durchaus starken Bildern besetzt. Es gibt eine Hinrichtung und später kommt ein wuchtiger Holzpanzerwagen, der Graf Luna bringt. Die Kostüme hat sich der Regisseur mit dem Bühnenbildner erdacht. Hier gibt es japanische und chinesische Einflüsse. Leonora wirkt recht chinesisch und ihre Mitstreiter sind Ninja-Kämpfer. Verschiedene Gefolgsleute Lunas haben Anleihen bei chinesischen Hofbeamten genommen. So richtig will sich diese Kostümwahl nicht erschließen, außer man legt allgemeine despotische Herrschaftsverhältnisse zugrunde. Seit den Jedi-Rittern und den dunklen Widersachermächten ist ja medial manches möglich. Die Szenenabläufe wirken trotz dieser Kostüme eher konventionell und den Filmeinfluss, den sich vielleicht manche Zuschauer erhofft haben, vermisst man dann doch, jedenfalls in den vierzig gespielten Minuten. Das Action-Szenario wirkt eher statisch als dynamisch.

Das Dirigat der Premiere liegt in den Händen von Samuel Bächli. Die Verdischen Tempi wollten ihm und dem Orchester nicht leicht und locker von der Hand gehen. Gerade bei den Chorszenen, wo forcierte Tempi wichtig sind, weil sonst schnell ein Leiereffekt entsteht, fehlt die nötige Beschwingtheit. Das verstärkte leider den etwas zähen Eindruck. Auch Elena Stikhina als Leonora gelingt bei ihrer Cavatine: Tacea la notte placida und der Cabaletta: Di tale amor, che dirsi nicht der richtige Schwung, es fehlt an Leichtigkeit und Spannungsbögen. Das liegt vor allem an der Orchesterbegleitung, die nicht die richtige Spannung aufbaut. Diese dynamischen Wechsel zwischen Staccati und Trillern kann Bächli nicht wirklich unterstützen. So bleibt der kecke Schwung leider aus. Insgesamt überzeugt Elena Stikhina mit ihrer Sopranstimme.

Der ukrainische Tenor Eduard Martynyuk verkörpert den Manrico. Sein Spiel ist das eines glaubhaft Liebenden. Mit seiner melodisch-ausdrucksvollen Stimme gewinnt er schnell die Herzen des Publikums. In den oberen Registern gelingen ihm aber leider nicht immer saubere Töne. Das mindert seine Strahlkraft.

Todd Thomas als Conte di Luna präsentiert sich als Sänger der dunklen Mächte. Bei ihm wird das Dämonische hörbar. Mit seinem dramatischen Bariton erzielt er beim Publikum kalte Schauer. Den Vertreter der Finsternis nimmt man ihm ab. Er könnte direkt aus einem Kapitel von Tolkiens „Herr der Ringe“ entsprungen sein. Hier funktioniert das Zusammenspiel von Orchester und Sänger auch besser. Die dunklen Schattierungen und dramatischen Steigerungen erfassen die Hörer mit einem starken Fluss.

Als eindeutiger Glanzpunkt der Aufführung präsentiert sich Agnieszka Rehlis als Zigeunerin Azucena, sie ist eine Spielerin mit heißem Temperament. Ihre Stimme besitzt ein großes, starkes und ausdrucksvolles Timbre. Das macht sie zum Star der Aufführung. Da zeigt sich das Publikum vollkommen mitgerissen. Genau solche Sängerinnen-Akteure muss sich Verdi für seinen Troubadour gewünscht haben. Das fühlt auch das Premieren-Publikum und gibt kräftig Szenenapplaus. Besonders in den Duetten mit Manrico im zweiten Akt beeindruckt sie mit ihrer Erzählung die Zuschauer. Mit ihrem Mezzosopran erreicht sie sängerisch mühelos alle Höhen und erzeugt spielerisch alle seelischen Tiefen, die diese Tragödie enthält. Das geht an keinem spurlos vorüber.

Der Chor unter der Leitung von Andreas Ketelhut gibt sich redlich Mühe, hat aber durch die Regie wenig Bewegungsmöglichkeiten und überhaupt wenig Platz. Dabei hätten die Domstufen so viel Raum geboten. Leider fehlt dem Begleitrhythmus des Orchesters der schon erwähnte nötige Schwung, so dass sich der oft befürchtete „Leierkastenrhythmus“ einschleicht. Orchester, Sänger und Chor haben durch die Bühnenanordnung wenig Kontakt zueinander. Das Orchester sitzt in einem Container unter der Bühne und das macht die Abstimmung der feinen Tempi-Wechsel sicher schwierig.

Die Besetzung der kleineren Rollen wirkt überzeugend. Ferrando gesungen von Andrey Maslakov hinterlässt einen starken Eindruck, weil er auf den Punkt sängerische Präsenz zeigt und seine Rolle überzeugend verkörpert.
Auch Margrethe Fredheim als Ines, Ks. Jörg Rathmann als Ruiz und Dmitriy Ryabchikov als alter Zigeuner sowie Tobias Schäfer als Bote sind gelungene Besetzungen.

Alles in allem war die knappe Stunde sehenswert. Auch wenn das Theater Erfurt juristisch auf der Gewinnerseite steht, sollte sich Generalintendant Guy Montavon einen Bonus für die Verlierer des Abends überlegen. Das sind die Zuschauer, die nach einer knappen Stunde gehen mussten. Immerhin war das die erste Premiere, die abgebrochen wurde. Der Frust darüber könnte sich herumsprechen. Noch bis zum 27. August wird der Troubadour gespielt und da könnte eine gutwillige Lösung gefunden werden. Die Zuschauer und das Stück sollten es wert sein.
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