Die Möbelretterin aus dem Tannrodaer Konsum

Alte Möbel schleift Sabine Roch ab und streicht sie dann in Pastelltönen. Manche guten alten Stücke bekommen auch eine neue Funktion: So wie diese Nachtkonsole, die zum Katzenhaus wird.
Bad Berka: Marktstraße | Sabine Roch rückt alten Möbeln mit Schleifgeräte und Farbpinsel zu Leibe, um sie vor dem Sägetod zu bewahren. Im Shabby-Chic starten sie in ein neues Leben. Wie man Schränke, Nachtkonsolen, Betten im wahrsten Wortsinn aufmöbelt, zeigt sie in ihrer Kunstwerkstatt im ehemaligen Tannrodaer Konsum und am 25. Juni zur Langen Nacht der Kunst im Schloss Blankenhain.


Ihr erster selbst gebauter Raumteiler aus einem Bettgestell ist ziemlich schnell zusammengebrochen. Alles was sie reingestellt hatte, auch Blumentöpfe, übersäten den Fußboden. „Das halten mir meine Eltern heute noch vor“, erzählt Sabine Roch leicht verschmitzt. Doch richtiger Ärger will bei ihr darüber nicht aufkommen. „Die hatten es auch nicht leicht mit mir“, gibt sie eine Erklärung. Schon früh habe sie gern und viel dekoriert und umgeräumt. Daran hat sich über die Jahre nichts geändert. Heute zum Leidwesen von Mann und Sohn.

Möbel krachen längst nicht mehr zusammen


Aber so etwas wie mit dem Raumteiler passiert ihr nicht mehr. In den zurückliegenden Jahre ist die gelernte Schneiderin und Schauwerbegestalterin zur Fachfrau geworden, zur Möbelretterin. In ihrer Werkstatt im früheren Tannrodaer Konsum schenkt sie alten Möbeln ein neues Leben. Im angesagten Shabby-Chic schleift und streicht sie sie. „Zumeist in weiß und grau, aber auch rosa. Ganz wie ich Lust habe“, erklärt Sabine Roch. Danach werden Schränke, Kommoden, Nachtkonsolen und all die anderen Schätze geshabbt. „Ich arbeite in die neue Farbe Gebrauchsspuren ein. Die Möbel sind dann nicht nur alt, sondern sehen auch so aus.“

Alte Dinge hat Sabine Roch schon immer geliebt. „Ich mag nichts Neues“, erzählt sie. Deshalb wohnt sie auch in einem alten Bauernhaus mit schrägen Balken und krummen Fenstern. Ein Neubau stand nie zur Debatte. Ihre Möbel sind natürlich auch gebraucht. Doch zumeist erstrahlen sie im reinen Weiß. Sie mag das. Es wirkt hell und freundlich. „Und man kann alles dazu dekorieren.“

Doch nicht bei jedem Möbelstück zückt sie den Pinsel. „Es gibt antike Stücke, die ich nicht streichen würde.“ Doch der Mehrzahl tut ein neuer Anstrich gut. „Manche Teile habe 20 Jahre und länger auf dem Boden gestanden, ganz ohne Pflege. Die kann man nur mit neuer Farbe retten“, weiß Roch.

Gestrichen und geschliffen in ein neues Zuhause


Ihre Schätze findet sie auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen. Manches bekomme ich geschenkt oder zum Kauf angeboten. „Meine Leidenschaft hat sich mittlerweile herumgesprochen.“ Die vormaligen Besitzer freut es, wenn ihre Möbel nicht auf dem Grobmüll landen. „Die haben ja lange dafür gespart, sie über Jahre gehegt und gepflegt.“ So wie jene ältere Dame, die nun in einem Pflegeheim lebt. Ihr altes Schlafzimmer konnte sie dorthin nicht mitnehmen. Es landete in der Rochschen Werkstatt. „Ich schickte ihr immer mal Fotos, was aus ihren Möbel geworden ist. Darüber freut sie sich sehr.“

Shabby-Stil aus Liebe zu Möbeln mit Geschichte


Eine neue Heimstatt finden die geshabbten Möbel bei Gleichgesinnten. Denn längt hat der Einrichtungsstil eine große Fangemeinde gefunden. „Seit vier, fünf Jahren boomt das“, so Roch. Die Leute lieben Gegenstände, die eine Geschichte haben. Sie wollen keine Massenware, sondern wissen die Wertarbeit alter Zeiten zu schätzen. „Die Schränke können hundert Mal auseinander und wieder zusammengebaut werden. So etwas muss man erhalten“, meint die Möbelretterin. Wenn auch manchmal mit neuer Funktion. So werden unter Sabine Rochs geschickten Händen aus alten Nachtschränken gern mal Katzenhäuser und aus alten Bettgestellen Sitzbänke. Aber sie bleiben erhalten.

Zur Sache


+ Shabby leitet sich vom englischen Wort für schäbig ab. Für den Shabby-Stil werden Erb- und Flohmarktstücke, aber auch Selbstgebautes in hellen Farben und Naturtönen aufgearbeitet, mit Gebrauchsspuren versehen und individuell arrangiert.
Der Einrichtungsstil hat sich in Großbritannien entwickelt ­als Alternative zum trendigen Massengeschmack.

+ Der alte Konsum in Tannroda ist mehr als eine Kunstwerkstatt. Viele der Möbel dienen Kunsthandwerker der Region als Schaufenster für ihre Arbeiten: Gestricktes, genähte, Keramikarbeiten, Bilder und vieles mehr. Auch eine kostenlose Bücherecke gibt es, in der Bücher für andere auslegen oder sich neuen Lesestoff mitnehmen kann. Zudem dient die Werkstatt oft auch als Kursraum. Das Veranstaltungsangebot soll ausgebaut werden. Sabine Roch plant einen monatlichen „Konsumtratsch“ zum gemeinsamen Treffen und Reden.
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