Ein guter Start

Ein Waldtag gehört zum festen Wochenrhythmus im Natur-Kindergarten. Gern halten die Kinder am Nasenbaum (rechts) an. Fotos: Simone Schulter
Weimar: Birkenhof | Zählen lernen kann man auch ohne Rechenstäbchen, da ist sich Katrin Madeya sicher. Holunderblüten eignen sich genauso gut. Die hat sie kürzlich mit ihrer Kindergartengruppe gesammelt. 20 Dolden brauchten sie, um später Holundersirup kochen zu können. Da musste genau mitgezählt werden.
Die üblichen Beschäftigungen gibt es im Natur-Kindergarten in Weimar-Schöndorf schon länger nicht mehr. Die Kinder lernen eher nebenher beim Spielen. „Wir verstehen uns als Impulsgeber“, erklärt sie den pädagogischen Ansatz. Den Kindern fertige Antworten vorsetzen, das wollen sie und ihre Kollegin Ines Gerlach auf keinen Fall. Wenn ihre Schützlinge die Lösung für ein Problem selbst finden, bleibe dieses besser im Gedächtnis. Und so erobern die Fünf- und Sechsjährigen ihre Welt auf eigene Faust, aber nicht allein.

Ganz besonders beliebt sind die wöchentlichen Waldtage. Dann ziehen sie mit ihren Handwagen los. Immer mit dabei ist ein Werkzeugkasten; auch Wasser und Mehl. „Das gibt einen prima Kleister“, erklärt die Erzieherin.
Die unmittelbare Nähe zum Wald betrachten die Erzieherinnen als wahres Geschenk. Hier hätten die Kinder viel mehr Freiräume. Sie seien auch ausgeglichener. Das liege vor allem auch am niedrigen Lärmpegel. Der Wald schluckt den Krach und wirkt beruhigend.

Die Kinder kennen schon den Weg zu ihrem Lieblingsplatz. Dort dienen aufgeschichtete Stämme als kleine Bank. Aus dünnen Stämmen ist auch eine kleine Hütte entstanden. Katrin Madeya erklärt: „Hier im Wald finden die Kinder alles, was sie fürs Leben brauchen.“ Auf Bäume klettern oder über Wurzeln steigen, fördere die motorischen Fähigkeiten. „Die Kinder merken dabei gar nicht, dass sie sich sportlich betätigen.“ Im Werkzeugkasten findet sich eine kleine Säge, mit der die Kinder ihr handwerkliches Geschick ausprobieren können. Mit einem Stetoskop kann man das Wasser im Baum rauschen hören. Soziale Kompetenz wird trainiert, wenn es ans Verteilen der mitgebrachten Brote geht. Und die Fantasie der Jungen und Mädchen regt der Nasenbaum an. Dieser Baum hat eine kleine Ausbuchtung, die einer Nase ähnelt. Am Baum halten die Kinder auf ihrem Weg in den Wald immer wieder gern an. Wer sich traut, darf den anderen dann eine Geschichte erzählen, die er vorher dem Nasenbaum abgelauscht hat. „Das erfordert schon ein bisschen Mut und fördert deshalb das Selbstvertrauen“, so Katrin Madeya.

Wer einmal die Kinder in den Wald begleitet hat, kann den Enthusiasmus verstehen, mit dem beiden Erzieherinnen von ihrem Kindergartenalltag erzählen. Und schnell verfliegt die Skepsis, ob denn die Kinder wirklich gut vorbereitet sind auf den Schulalltag ohne Vorschultasche und Schwungübungen nach Zeitplan. In der Vorwoche haben Emily, Mino und all die anderen ihr Zuckertütenfest gefeiert. Ein Großteil der Gruppe sitzt ab September auf der Schulbank. Sie werden einen guten Start haben.
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