Feierabendbier und Wechselschlüpfer

Die beiden Studentinnen Christiane Schlütter und Tina Engelmann betreiben im Rahmen ihrer Bachelorarbeit noch bis zum 30. September den alten Zeitungskiosk am Sophienstiftsplatz. Foto: Engelmann/Schlütter (Foto: engelmann)
 
Das Feierabendbier: Rabatt wird nicht gewährt. Foto: Engelmann/Schlütter (Foto: Engelmann)
Weimar: Sophienstiftsplatz | Ein kleiner Tresen, bunte Schubfächer und als besonderes Angebot ein kleines Fläschchen Maggi. Das war mein kleines Paradies, in dem ich residierte – auf Omas etwas abgewetzter Küchenbank. Was machte es schon, wenn das Maggi aus dem Westen muffelte. Porentiefe Reinheit war mir trotzdem gewiss, denn auch ein kleiner Persil-Pappkarton gehört zum breit gefächerten Sortiment meines Kaufmannsladens, der es allemal mit dem Dorfkonsum aufnehmen konnte. Holzobst, Gipskuchen und die kleinen Plasteflaschen wahlweise grün für Bier, rot für Brause und weiß für Milch waren immer vorrätig. Zum großen Glück fehlte nur etwas Zeit, die Oma opfern musste, um sich von mir bedienen zu lassen.

Noch heute gehört der Kaufmannsladen in jedes Spielzeuggeschäft. Er hat trotz veränderter Einkaufsgewohnheiten durch Supermärkte und Discounter nichts eingebüßt von seiner Faszination. Diese liegt wohl weniger in der bunten Warenwelt begründet als im direkten Kontakt, auf dem der kleine Händler im „Kundengespräch“ hofft. Diesen Austausch, das Gespräch streben auch Christiane Schlütter und Tina Engelmann an. Beide studieren Medienkunst und Mediengestaltung an der Bauhaus-Uni und haben ihr eigenes Geschäft als ein Projekt für ihre Bachelorarbeit eröffnet. Sie betreiben den alten DDR-Zeitungskiosk am Sophienstiftplatz. Dabei steht nicht der Profit im Vordergrund, sondern das Konsumverhalten. „Es geht weniger um das Ding als ums Denken“, erklärt Tina Engelmann.

Warenpräsentation, Produktauswahl, Verkaufsstrategie sind das Experimentierfeld, auf dem sich beide sichtlich wohlfühlen. Hier gibt es insgesamt zehn Produkte, vom Feierabendbier bis zum Wechselschlüpfer. Alltägliches und Ungewöhnliches, Altbekanntes wird neu verpackt und erfährt dadurch eine Funktionsveränderung, die zum Nach- und Überdenken anregt. Zigaretten gibt es im Kiosk nur im Zweierpack. Im Dutzend wird es nicht billiger. Im Gegenteil, je mehr Zigaretten und Bier man kauft, desto teurer wird es.
Die Reduzierung Weimars auf Goethe, Schiller und Ginkgo karikieren beide mit ihren Sonnentattoos. Auf die Haut geklebt bewirken sie beim Sonnen, dass die Weimar-Motive weiße Umrisse hinterlassen ...

Nett verpackt werden die Schöne-Scheiße-Fähnchen präsentiert. Mit ihnen kann man ganz klar zeigen, dass einem die Hundehaufen wahrlich stinken. Hygienischer sind da die „Wechselschlüpfer“. In unterschiedlichen Größen, schwarz oder weiß, geben sie jenen ein gutes Gefühl, die spontan mal woanders übernachten möchten. „Wir spielen hier mit einem Tabuthema“, erläutert Christiane Schlütter.

Klar wird am Kiosk auch etwas für den kleinen Hunger gereicht: Obst, Kekse, Getränke. Und wer möchte, dem wird eine Schnitte geschmiert. „Warum sollten für zwischendurch fettige Pommes angeboten werden?“, fragen sich die Händlerinnen auf Zeit. Ebenso wie ein „richtiger“ Kiosk decken sie unterschiedlichste Bedürfnisse ab. Ihre Verpackung, Beschriftungen und die Ausgestaltung des Verkaufsraums erinnern an die 60er Jahre. „Dieser nostaligische Stil kommt wieder in Trend“, so Tina Engelmann. Und er weckte wohl auch das Interesse der Vorbeigehenden. Denn mit der Kundenresonanz sind sie zufrieden. Ebenso wie mit der Vielfältigkeit, die ihnen das Projekt bot. Sie waren Produktentwicklerin, Gestalterin, Dekorateurin, Geschäftsfrau und Verkäuferin. Das bleibt in Erinnerung!

ÖFFUNGSZEITEN:

Der Kiosk hat noch bis zum 30. September wie folgt geöffnet:
Montag bis freitag, 15 bis 22 Uhr
Samstag, 15 bis 20 Uhr
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