"In meinen Träumen kann ich wieder sehen": Christian Vogel erklärt die Sicht der Blinden

Christian Vogel ist Sprecher des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Thüringen e.V.
 
Vogel hat einen Scanner, unter den er jedes gedruckte Schriftstück legen kann - ob nun einen Brief, ein Buch oder eine Zeitung.
 
Die Blindenschrift lernen heute nur noch Schüler an einer Blindenschule. 8 von 10 Blinden können die Blindenschrift nicht mehr lesen, sagt Vogel. (Foto: Ralph Aichinger / pixelio.de)
Weimar: Blinden- und Sehbehindertenverband Thüringen e. V. |

Wie träumt ein Blinder? Und was bedeutet für ihn Kunst, wenn er nie die Mona Lisa gesehen hat? Ich habe bei Christian Vogel, dem Sprecher des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Thüringen e.V., einmal nachgefragt.

Ich habe Ihnen geschrieben. Wie haben Sie meine E-Mail gelesen?
Kein Problem. Es gibt Software, die mir die Arbeit im Internet wie ein Sehender erlaubt, weil alles vorgelesen wird. ich kann natürlich nicht mit einer Maus arbeiten, da ich ja den Zeiger nicht sehe. Aber mit den Pfeiltasten geht alles, wenn auch wesentlich langsamer. Ich habe einen Scanner, unter den ich jedes gedruckte Schriftstück legen kann - ob nun einen Brief, ein Buch oder eine Zeitung. Das Ding kann nur keine Handschriften lesen. Die Computerstimme hat sich in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert. In den vergangenen Jahren habe ich auch den Umgang mit dem iPhone gelernt, das ich per Sprachsoftware nutzen kann. Gott sei Dank schreitet die Technik immer weiter voran.

Wie ist es sonst mit der Technik: Hören Blinde mehr Radio?
Naja. Sicherlich hört ein Blinder mehr Radio, aber auch nicht zehn Stunden am Tag. Die Audiodeskription im Fernsehen, also die Bildbeschreibung, hat bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sehr zugenommen. Seit 2013 müssen Blinde anteilig Rundfunkbeitrag zahlen. Wir waren immer befreit, jetzt zahlen wir ein Drittel. Wenn ich eine Leistung empfange, muss ich auch dafür bezahlen. Im Gegenzug haben wir gefordert, den Anteil der Audiodeskription zu erhöhen. Und das wurde wirklich umgesetzt. Der Tatort läuft beispielsweise im Zweikanalton, den sogar immer mehr Sehende nutzen, weil es so bequem ist.

Sie sehen nichts. Was heißt das? Sehen Sie schwarz?
Ich sehe einen Grauton, was man aber nicht als Sehen bezeichnen kann, denn ich kann nichts erkennen. Es ist ein Unterschied zu dem, was Sie sehen, wenn Sie die Augen schließen.

Apropos. Schließen Sie die Augen bewusst zum Schlafen oder wenn Sie gegen die Sonne schauen?
Ja, ganz normal, wie immer. Ich schließe bewusst die Augen. Geblendet werden kann ich nicht. Ich merke natürlich, wenn die Sonne scheint - von der Wärme her.

Und wie sehen Ihre Träume aus?
Ich träume ganz normal wie früher - in Farbe. In meinen Träumen kann ich wieder sehen. Aber auch nur deshalb, weil ich alles einmal gesehen habe, weil mein Gehirn sich alles vorstellen kann. Ich muss allerdings sagen: Ich träume selten. Ein Geburtsblinder kann nur das träumen, was er kennen gelernt hat: Stimmen und Geräusche zum Beispiel.

Riechen oder hören Sie wirklich besser?
Ja, auf jeden Fall. 80 Prozent aller Reize nimmt der Mensch mit den Augen auf. Diese 80 Prozent fallen für Blinde weg. Die 20 Prozent müssen versuchen, das zu kompensieren, was natürlich nicht geht. Aber man schärft das Gehör, den Tastsinn - ich merke beispielsweise sofort, ob ich auf Kies, Gras oder Beton laufe - bis hin zu Geruch und Geschmack. Ich möchte schließlich mitbekommen, ob meine Leberwurst schon verschimmelt ist. Auch das Gedächtnis ist wesentlich geforderter - das hat den Vorteil, dass es benutzt wird und nicht verkümmert. Ich weiß auch, wo alles in meiner Wohnung steht.

Und ist auch Ihr sechster Sinn besser ausgreift?
Ja, da geht schon vieles. Sehende drehen sich um und glauben, sie hätten erst einmal alles erfasst. Ich würde nicht unterschreiben, dass ich einen sechsten Sinn hätte. Doch in vielen Situationen kann man damit Leute in Erstaunen versetzen, weil ich Dinge weiß, die ich als Blinder gar nicht wissen könnte.

Sollte ich Blinden Hilfe anbieten, die Straße zu überqueren oder in den Bus zu steigen oder müssen sie auch alleine zurecht kommen?
Man soll auf jeden Fall fragen, dann ist es o.k. Aber bitte nicht den Blinden, ohne vorher zu fragen, einfach anfassen. Die Leute erschrecken. Es gibt ja auch Gangster. Sie müssen einen Blinden auch nicht in Watte packen: „Bleib ja sitzen, dass du dich nicht stößt“ und was weiß ich. Als Nicht-Blinder hat man automatisch den Reflex: „Lass nur, ich mach das.“ Lassen Sie den Betroffenen im Rahmen seiner Möglichkeiten alles machen, was irgendwie geht. Das ist alles nicht ganz einfach, man kann es aber lernen. Es ist natürlich Blödsinn, wenn ich die Fenster putzen würde. Aber Staub saugen kann ich, stoße auch mal an und brauche eine Viertelstunde länger. Ist doch egal.

Haben Sie die Blindenschrift gelernt?
Nein. Die technischen Hilfsmittel sind heutzutage so weit, dass man sie nicht mehr unbedingt braucht. Sie stirbt beinahe aus. Wenn ich mir etwas merken will, habe ich Aufnahmetechnik. Wenn ich ein Buch lesen will, gibt es Hörbücher. In der deutschen Zentralbücherei für Blinde in Leipzig sind Romane aufgesprochen. In Blindenschulen wird die Schrift noch gelehrt. Auch blinde Kinder müssen ja irgendwann mal schreiben lernen. Je höher das Lebensalter ist, desto schwieriger lernt sich die Schrift aber. Die Blindenschrift ist so dick, dass nicht viel steht in einer Zeile. Romane wiegen so schnell fünf Kilo. In unserer Kreisorganisation können nur noch zwei die Blindenschrift - und nur deswegen, weil sie sie als Kind lernen mussten. Von zehn Betroffenen können acht oder neun die Blindenschrift nicht.

Haben alle Blinde einen Blindenhund?

Nein, das kommt immer ganz auf die Umstände an. Wer damit gut zurecht kommt, sollte einen Blindenhund halten, denn der wird auch von der Kasse bezahlt. Es wäre aber absoluter Quatsch, wenn jeder Blinde einen Blindenhund bekäme. Du musst auch mit dem Hund raus, wenn es regnet und es kalt ist. Auch ausgebildete Blindenhunde gehen nicht alleine Gassi. Es werden mittlerweile immer weniger Blindenhunde ausgebildet.

Zählen Sie Schritte?
Ich gehe in der Regel nur mit Begleitung aus dem Haus. Es dauert sonst viel länger und ist ganz einfach gefährlich. Dieses Risiko würde ich nicht eingehen. Wäre ich ein junger Mensch und hätte mein ganzes blindes Leben noch vor mir, hätte ich es wohl gelernt. Aber da ich eine Begleitperson habe, klappt es. Wenn ich allein aus dem Keller einen Kasten Wasser hochhole, zähle ich auch keine Schritte.

Berühren Sie Gesichter, um zu wissen, wie Ihr Gegenüber aussieht?
Ich werde Sie bestimmt nicht von Kopf bis Fuß antatschen, um eine Vorstellung zu haben, wie sie aussehen. Das macht man nicht. Aber wenn mich interessiert, ist mein Gegenüber groß oder klein, dick oder dünn, kann ich ja auch fragen. Wenn ich meine Frau, mit der ich seit 35 Jahren verheiratet bin, nie gesehen hätte, wäre ich natürlich schon daran interessiert, wie sie aussieht.

"Wenn die Familie mitspielt, kann man auch als Blinder eine ganze Menge bewirken."


Sind Ihnen Äußerlichkeiten dann weniger wichtig?
Klar, was man nicht sieht, kann man nicht verarbeiten. Die Äußerlichkeiten treten immer mehr zurück. Wenn ich mein Gegenüber nicht sehe, komme ich ja nicht auf den Gedanken, dass er zum Beispiel mal wieder zum Friseur müsste. Wenn ich aber irgendwo auftrete und weiß beispielsweise, die Presse ist da, komme ich nicht im Trainingsanzug. Aber ich bin auch seit Jahrzehnten anhand meiner Jobs gewohnt, dass Anzug oder Krawatte dazugehören in einer Beratungsfunktion.

Wie erkennen Sie an der Kasse schnell das passende Geld?
Die Münzen kann man ertasten. Der Euro ist zum Teil gerändelt und zum Teil glatt. 50 Cent sind durchgerändelt. Geldscheine sortiere ich in meinem Portemonnaie vor oder knicke beispielsweise den Zehn-Euro-Schein einmal in der Mitte quer und den 20er längs.

Wie schwer fällt es Ihnen, ohne zu kleckern zu essen?
Ich esse langsamer und bewusster. Klar, kann man auch mal kleckern. Ich esse in der Gaststätte auch keinen Broiler oder einen Fisch mit Gräten. Es ist nicht so, dass ich ein Lätzchen brauche, ich kleckere mich aber sicherlich öfter voll. Es muss auch nicht passieren, dass man die Gläser umkippt, wenn man nicht zu hektisch agiert. Wenn ich mir ein Bier aus der Flasche eingieße, weiß ich ungefähr, wann es voll ist. Da habe ich auch keinen Finger im Glas.

Darf ich „Auf Wiedersehen“ sagen oder muss ich im Gespräch mit Blinden mehr auf meine Wortwahl achten?
Das stört mich überhaupt nicht. Ich sage ja selbst: „Da müssen wir mal sehen, wie wir das machen.“ Das ist mein normaler Sprachgebrauch. Ein ganz normaler Umgang ist das allerbeste.

Was bedeutet Kunst für jemanden, der nie die Mona Lisa gesehen hat?
Eine Bildergalerie ist Quatsch für Blinde. Ich käme nicht auf die Idee, zu meiner Frau zu sagen: Lass uns im Dresdner Zwinger die Großen Meister ansehen.


“Ich habe zum Glück etwas gesehen von der Welt, konnte berufsbedingt schon zu DDR-Zeiten viele Reisen machen.“


Und wie ist es mit der Schönheit der Natur oder imposanten Bauwerken?
Das kann man sich beschreiben lassen oder manches sogar anfassen. Zum Beispiel hatte ich schon die Himmelsscheibe von Nebra in der Hand, Sie noch nicht. Ich gehe auch ins Theater, ins Schauspiel oder die Operette, nicht aber ins Ballett oder zu einem Pantomimekünstler. Blinde können diese Art der Schönheit nicht definieren. Es gibt Situationen, wenn meine Frau sagt: „Draußen kommt ein Heißluftballon vorbei.“ Dann denke ich mir für ein paar Sekunden, dass ich das auch gerne sehen würde. Ich halte mich aber nicht länger damit auf, wenn ich weiß, es bringt sowieso nichts.

Sie sind ein Fußballfan. Das Tor des Monats ist für Sie aber langweilig, oder?
Ich bin ein richtiger Fußballfan. Wenn ein Supertor oder ein Phantomtor geschossen wurde, ärgere ich mich schon, es nicht zu sehen. Geburtsblinde können meine Leidenschaft nicht so nachvollziehen. Ihnen fehlt vollkommen die Vorstellung. Sie wissen, die treten gegen einen runden Ball, der in ein eckiges Tor muss.

Haben Sie gegenüber Geburtsblinden Vor- oder Nachteile?

Geburtsblinde haben den Vorteil, dass sie Ängste nicht einschätzen können und mutiger sind. Wer gesehen hat, ist in vielen Dingen etwas vorsichtiger. Für viele Dinge ist es gut, wenn man eine Vorstellung von Farben hat. Ein Geburtsblinder wird nicht verstehen, warum ein blaues Hemd und eine grüne Hose nicht zusammenpassen.
Die Phase, in der die Blindheit eintritt, die zieht einen ganz schön runter. Man hadert: Warum gerade ich? Oder: Warum ist die Medizin denn noch nicht so weit? Doch dann muss man sich sagen: O.k., du hast das Pech, an einer Krankheit erkrankt zu sein, wo die Medizin weltweit nichts machen kann. Doch was machst du jetzt daraus? Setzt du dich von früh bis spät hin und bedauerst dich selber und lässt dich von allen anderen bedauern, wie schlecht es dir geht und wie furchtbar alles ist? Oder fragst du dich: Was geht jetzt noch? Da haben der private Freundeskreis und die Vernetzung in verschiedenen Funktionen eine große Rolle gespielt. Zwar muss ich fortan gefahren werden, aber auf meine Erfahrung wollte man nicht verzichten. Das ging super.

Wie lange hielt die Phase der Verzweiflung?
Es gibt immer wieder Situationen zum Verzweifeln. Doch ich habe eine Frau und einen 34-jährigen Sohn in Jena, die mich hervorragend unterstützen. Meine Frau arbeitet seit 20 Jahren als Gruppenleiterin in einer Behindertenwerkstatt mit psychisch behinderten Erwachsenen. Dadurch hat sie das notwendige Feeling. Diese Korsettstangen sind wichtig. Druck von außen hält man aus, aber die Familie muss mitspielen. Fühlen sich viele Blinde von der Gesellschaft ausgeschlossen? Das kommt aufs Alter an. In einem gewissen Alter engagiert man sich nicht mehr zusätzlich. Ich war 53 Jahre alt, als ich blind wurde und da ist das Leben noch nicht zu Ende.

Zur Person

Christian Vogel hat 53 Jahre lang gesehen, ehe er an inoperablem Grünen Star erblindete. Er ist 62 Jahre alt und wohnt in Stadtroda, wo er 32 Jahre lang dem Stadtrat angehörte, zehn Jahre lang zusätzlich dem Kreistag.
Im Landesvorstand des Blinden- und Sehbehindertenverbandes nutzt er seine Kontakte in die Politik und freut sich, etwas bewegen zu können.
Von 1991 bis 2006 leitete Vogel den Mieterschutzbund im Saale-Holzland-Kreis.
Für seinen ehrenamtlichen Einsatz, unter anderem spricht er mit Schülern im Unterricht über Probleme blinder und sehbehinderter Menschen, bekam er den Thüringer Ehrenbrief verliehen.

Hintergrund

Der Blinden- und Sehbehindertenverband Thüringen e.V. vertritt die Interessen von rund 4500 Blinden und 15.000 Sehbehinderten im Freistaat. Der Verein ist angewiesen auf die finanzielle Absicherung seiner vielen Beratungsstellen und seiner Projekte wie „Blickpunkt Auge“, das

kostenlos Rat und Hilfe bei Sehverlust bietet. Der Verein setzt sich zudem für die Inklusion und Integration Blinder im Arbeitsmarkt ein und kämpft seit Jahren für den Erhalt und Ausbau des Blindengelds.
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1 Kommentar
Axel Heyder aus Erfurt | 18.01.2016 | 12:59  
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